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Arbeit und Soziales

09. November 2013

Amazon und Personalpolitik: Dieses Mal ohne Leiharbeiter

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Es weihnachtet bei Amazon: Der in die Kritik geratene Online-Handel sucht fürs Weihnachtsgeschäft nach Arbeitskräften aus der Region.  Foto: afp

Der Internet-Versandhandel Amazon will seine Saisonkräfte für das Weihnachtsgeschäft in diesem Jahr regional anwerben. Damit reagiert der Versandriese auf die Negativschlagzeilen über seine Personalpolitik. Fraglich ist, ob sich genügend Arbeiter das stressige Weihnachtsgeschäft antun.

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Amazon rüstet sich für das Weihnachtsgeschäft. Allerdings plant der Online-Versandhändler, die auch für ihn schönste, weil umsatzstärkste Zeit des Jahres diesmal ohne den Einsatz von Leiharbeitern zu bestreiten. „Amazon stellt in diesem Jahr saisonale Mitarbeiter nur auf regionaler Ebene ein, so dass keine externe Unterbringung notwendig ist“, teilte das Unternehmen auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mit.

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Deutschlandweit suche Amazon 14.000 Mitarbeiter, die befristet eingestellt werden sollen, um die erhöhte Anzahl von Kundenbestellungen bewältigen zu können. Damit ändert Amazon seine bisherige Strategie. Statt auf deutlich billigere Leiharbeiter zu setzen, sollen die Saisonarbeiter „dieselben Anfangslöhne wie auch die unbefristet Beschäftigten“ erhalten, betont Amazon. Das sind nach Unternehmensangaben aktuell mindestens 9,55 Euro pro Stunde plus Boni im ersten Beschäftigungsjahr.

Reaktion auf Schlagzeilen

Der US-Versandriese reagiert damit offensichtlich auf die scharfe Kritik an seiner Personalpolitik der vergangenen Jahre. So war Anfang dieses Jahres nach der Ausstrahlung einer ARD-Dokumentation eine Welle der Empörung hochgeschlagen. Laut dem Film mit dem Titel, „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ soll der weltgrößte Versandhändler spanische Arbeiter als Saisonkräfte für das Weihnachtsgeschäft 2012 im Logistikzentrum Bad Hersfeld angeworben und zu deutlich schlechteren Bedingungen bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt haben. Zudem seien die Männer und Frauen im Kirchheimer Seepark Hotel unter Verstoß gegen jegliche gesetzliche Vorschrift auf engstem Raum untergebracht und von einem Sicherheitsdienst überwacht worden.

Amazon hatte damals darauf hingewiesen, nicht Vertragspartner der Leiharbeiter zu sein. Das Seepark-Hotel meldete Ende Oktober Insolvenz an. Ausschlaggebend für dessen Zahlungsunfähigkeit seien die Negativ-Schlagzeilen im Anschluss an den TV-Bericht gewesen, sagte der Geschäftsführer Andreas Engelhoven. Die Gäste seien danach ausgeblieben. „Das jetzige Vorgehen von Amazon ist ganz klar die Reaktion auf diese Probleme“, sagt Heiner Reimann, Gewerkschaftssekretär von Verdi und Berater des Betriebsrates von Amazon im hessischen Bad Hersfeld, der FR. Das Unternehmen wolle auf diese Weise eine erneute negative Berichterstattung vermeiden.

Erfolg fraglich

Allerdings bezweifelt Reimann, dass die Strategie des Konzerns aufgeht. „Amazon wird mit größter Wahrscheinlichkeit den Bedarf durch Rekrutierung in der Region nicht decken können“, so Reimann mit Blick auf den Standort Bad Hersfeld. Das liege vor allem daran, dass immer weniger Menschen bereit wären, sich – mangels einer Perspektive auf eine dauerhafte Anstellung – der hohen Belastung des Weihnachtsgeschäfts auszusetzen, zumal dabei das eigene Weihnachtsfest hinten runter falle.

Zwar betont Amazon in seinem Schreiben an die FR, dass die regionale Rekrutierung die Möglichkeit biete, „potentielle neue Mitarbeiter kennenzulernen“, und dass das Versandhaus „in den letzten zwölf Monaten 3000 dauerhafte Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen“ habe. Doch erscheint diese Zahl angesichts der Eröffnung des neuen Logistikzentrums in Brieselang nahe der Bundeshauptstadt und der damit hierzulande nun neun Versandlager des US-Unternehmens nicht sonderlich hoch.

Zumindest lassen sich die umworbenen regionalen Arbeitskräfte so offenbar nicht locken. Laut Reimann habe die Gewerkschaft Verdi bereits festgestellt, dass Amazon mit seinem sogenannten „High-Volume-Hiring“ für das diesjährige Weihnachtsgeschäft schon nicht mehr im Plan liegt. Vor diesem Hintergrund denke das Unternehmen darüber nach, doch auf Leiharbeiter zurückzugreifen. Eine entsprechende Ankündigung durch Amazon sei bereits beim Betriebsrat in Bad Hersfeld eingegangen.

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