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Arbeit und Soziales

26. November 2013

Arbeitsbedingungen bei Amazon: Arbeit bei Amazon kann krank machen

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110 Artikel und mehr pro Stunde muss ein Mitarbeiter im Amazon-Logistikzentrum im britischen Swansea bearbeiten.  Foto: rtr/Symbolbild

Eine Reportage des britischen Senders BBC deckt extrem harte Arbeitsbedingungen in einem Amazon-Versandlager auf. Ein Experte warnt: "Diese Arbeit kann seelisch und körperlich krank machen." Der US-Konzern weist alle Vorwürfe zurück.

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Eine Reportage des britischen Senders BBC deckt extrem harte Arbeitsbedingungen in einem Amazon-Versandlager auf. Ein Experte warnt: "Diese Arbeit kann seelisch und körperlich krank machen." Der US-Konzern weist alle Vorwürfe zurück.

Swansea –  

Während seiner zehneinhalb Stunden langen Nachtschicht läuft Adam Littler über 17 Kilometer quer durch die Riesenhalle, treppauf, treppab über vier Etagen. Sein ständiger Begleiter ist ein elektronischer Scanner, der ihm den Weg zum nächsten Regal weist und ihm mit einem Sekunden-Countdown vorgibt, wie lange er brauchen darf, bis das gesuchte Produkt im Rollwagen liegt. Dafür bekommt Littler umgerechnet etwas mehr als 10 Euro pro Stunde, Nachtschicht-Zuschlag inklusive.

Der 23-jährige Uni-Absolvent ist einer von 15.000 Zeitarbeitern, die vor Weihnachten in den Logistikzentren des US-Versandhändlers Amazon in Großbritannien die Weihnachtsbestellungen Hunderttausender Kunden zusammenstellen und für den Versand fertigmachen. Seit einigen Monaten arbeitet Littler im Amazon-Versandlager in der südwalisischen Hafenstadt Swansea, erst in der Tag-, anschließend in der Nachtschicht. Beschäftigt ist er nicht bei Amazon direkt, sondern, wie der Großteil seiner Kollegen auch, bei einer Zeitarbeitsfirma.

Doch Adam Littler ist kein normaler Amazon-Leiharbeiter: Er hat sich als verdeckter Reporter für den britischen Sender BBC in das Logistikzentrum eingeschlichen, unter seiner orangenen Warnweste trägt er eine versteckte Kamera. Sie filmt, wie Littler durch die Gänge der riesigen Lagerhalle hetzt, steile Metallstufen in die oberen Regalebenen erklimmt.

Ist er am Ziel angekommen, scannt er die entsprechende Position und legt die Ware in seinen Rollwagen. Dann blinkt auf dem Display der nächste Auftrag auf und der Countdown beginnt zu laufen: Mal hat der Picker - so heißen bei Amazon jene Mitarbeiter, die die bestellten Produkte aus dem Warenlager holen und in die Versandabteilung bringen - 37 Sekunden Zeit, um zum nächsten Regal zu kommen, mal sind es nur 12, immer abhängig von der Entfernung.

Immer wieder schiebt Littler seinen schweren Rollwagen auch durch völlige Dunkelheit: Um Strom zu sparen, schaltet sich das Licht in den Regalreihen per Bewegungsmelder ein und aus. Versagt der Sensor, tappt der Picker im Dunklen, die einzige Lichtquelle ist dann der Handscanner, auf dem der Countdown unerbittlich tickt.

110 Produkte pro Stunde

Bis zu 110 Produkte muss er pro Stunde in seinen Rollwagen laden, so lautet die Vorgabe, die Littler von seinen Vorgesetzten bekommen hat. Bleibt er darunter, heißt es zum Rapport anzutreten: Über die vernetzten Scanner können die Vorgesetzten die Performance jedes einzelnen Pickers überwachen.

"Bist du müde?", fragt ein Manager den verdeckten Reporter gegen Ende der Nachtschicht, als seine Quote deutlich sinkt. "Nimm' einen Energy-Drink und hau' rein", lautet der kumpelhafte Rat des Vorgesetzten an seinen Mitarbeiter.

Deutlich weniger entspannt gibt sich Michael Marmot, Experte für Stress am Arbeitsplatz, als ihn die BBC mit dem Ergebnis ihrer verdeckten Recherche konfrontiert: "Diese Art von Arbeit führt zu einem erhöhten Risiko von psychischen und körperlichen Erkrankungen." Die Arbeit im Amazon-Versandlager würde "sämtliche negativen Aspekte" auf sich vereinen, so Marmot.

Nicht nur in Großbritannien berichten Mitarbeiter von unmenschlichen Arbeitsbedingungen bei Amazon. Bereits vor einigen Monaten schilderte der Journalist Jean-Baptiste Malet seine Erfahrungen als Picker in einem französischen Amazon-Versandlager. „Pickers sind effizienter als Roboter“, schreibt Malet in dem Buch „En Amazonie“ ("In Amazonien").

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Genauso fühlt sich auch Malets britischer Kollege Adam Littler: "Wir sind Maschinen, Roboter. (...) Wir denken nicht selbst; vielleicht glaubt man uns nicht, dass wir als menschliche Wesen selbst denken können, ich weiß es nicht." Nach seinen Nachtschichten klagt er über schmerzende Beine, an seinen Füßen bilden sich große Blasen. Vorübergehend wird er deswegen in eine andere Abteilung versetzt: Dort muss er zwar statt 17 nur rund 10 Kilometer pro Nacht durch die Regalschluchten laufen, dafür aber deutlich mehr Artikel pro Stunde bearbeiten.

Strafpunkte für Krankheit

Doch einfach zu Hause bleiben kann Littler wegen seiner wunden Füße nicht: Krankenstand gilt im Amazon-System als Pflichtverletzung, für die es Strafpunkte setzt. Nach dem zweiten Punkt erhält der Mitarbeiter eine "letzte Warnung", Punkt Nummer drei bedeutet das Ende des Arbeitsverhältnisses. Auch für kleine Verspätungen kassiert der verdeckte Reporter Strafpunkte: Zwei Minuten zu spät die Chipkarte an das Zeiterfassungsgerät zu halten, bedeutet etwa einen halben Strafpunkt.

Als Littler krankheitsbedingt seine Schicht abbricht, folgt ein weiterer Punkt. Als er am nächsten Tag wieder zur Arbeit erscheint, wird der Amazon-Zeitarbeiter von einem Vorgesetzten beiseite genommen und bekommt ein Stück Papier unter die Nase gehalten: "Das ist die letzte Warnung! Hier setzt du deinen Namen ein, hier unterschreiben! Und pass' auf deine Punkte auf ab jetzt!".

Doch bis zum Rauswurf lässt es Littler schließlich nicht kommen. Er ist am Ende seiner Kräfte, hat genug gesehen und kündigt von selbst.

Paul Kenny, der Generalsekretär der britischen Gewerkschaft GMB, ist schockiert, als ihm die BBC die Aufnahmen aus dem Amazon-Logistikzentrum zeigt: "Das Ausmaß des Drucks, der auf die Menschen ausgeübt wird, ist einfach unglaublich. Ich habe so etwas noch nie gesehen".

Doch der US-Konzern ist sich keiner Schuld bewusst: "Wir weisen den Vorwurf, Amazon würde seine Mitarbeiter ausbeuten, auf das Schärfste zurück. Die Sicherheit unserer Angestellten ist unsere oberste Priorität und wir halten alle Richtlinien und das Arbeitsrecht ein", schreibt Amazon.co.uk in einer Stellungnahme. Ein unabhängiger Experte habe im Auftrag von Amazon erhoben, dass "die Arbeit als Picker vergleichbar mit der Tätigkeit in vielen anderen Industriebetrieben ist und das Risiko für psychische oder physische Erkrankungen nicht erhöht."

Um zu unterstreichen, wie glücklich seine Mitarbeiter sind, präsentiert der britische Amazon-Ableger auf seinen Internetseiten eine Reihe von Videos, wo zufrieden lächelnde Angestellte in knallgelben Sicherheitswesten von ihrer Arbeit bei Amazon schwärmen.

"Ekelhafter Arbeitsplatz"

Die ehemaligen Amazon-Mitarbeiter, die die BBC für ihre Reportage befragt hat, sehen das freilich ein wenig anders: "Dieser Job ist mit keinem anderen, den ich zuvor gemacht habe, zu vergleichen" sagt einer, "Ein ekelhafter Arbeitsplatz", pflichtet ihm ein anderer bei. "Ich würde nur zu Amazon zurückkehren, wenn ich finanziell völlig am Boden wäre", meint ein dritter. Man habe nur wenige Mitarbeiter getroffen, die sich positiv über ihren Job geäußert hätten, sagt BBC-Reporter Richard Bilton. Vor die Kamera habe freilich keiner dieser Amazon-Angestellten treten wollen.

Angesichts der prekären Arbeitsverhältnisse appelliert Gewerkschafter Kenny an die Kunden, bewusster einzukaufen: "Die geschieht vor unserer Haustüre, in unserem Land. Das alles, um ein Produkt ein paar Pfund billiger zu bekommen. Doch wir müssen uns fragen, welchen Preis wir dafür bezahlen."

Die Mahnung dürfte im brummenden Weihnachtsgeschäft allerdings weitgehend ungehört verhallen. Amazon rechnet auch in diesem Jahr wieder mit kräftigen Umsatzzuwächsen, während gleichzeitig ein klassischer Buch- und Elektroladen nach dem anderen die Rollläden für immer herunterlassen muss. In Großbritannien, Frankreich, Deutschland und ganz Europa.

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