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Arbeit und Soziales

27. Januar 2012

Arbeitsmarkt Deutschland: Billiglöhner bauen am Jobwunder mit

Gebäudereinigerin bei der Arbeit.  Foto: dpa

Das scheinbare deutsche Jobwunder mit 41 Millionen Erwerbstätigen trotz Weltfinanzkrise hat einen Makel: Das Wachstum fand vor allem beim Niedriglohn statt, den jeder fünfte Beschäftigte heute erhält.

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Berlin –  

Wenn die Bundesagentur für Arbeit in der kommenden Woche die Arbeitslosenzahlen für Januar bekanntgibt, dürfte wieder die Rede sein vom deutschen Jobwunder. Die Arbeitslosenzahl wird winterbedingt erstmals seit letztem April wieder über drei Millionen steigen. Aber das wären immer noch über zwei Millionen weniger als im Schreckensjahr 2005. Ekkehard Ernst, Experte der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf, relativiert das Jobwunder: „Deutschland ist 2010 mit einer Arbeitslosenquote von 7,7 Prozent zurück auf dem Stand von 1992.“

Demnach wäre nur aufgeholt worden, was über zwei Jahrzehnte an Beschäftigung verloren gegangen war. Diese Sichtweise ließe aber außer Acht, dass inzwischen mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen. Ein weitaus höherer Anteil von Frauen und Älteren will arbeiten. Ihre Erwerbsneigung ist gestiegen.

Wunderlich ist der rasante Aufstieg binnen sieben Jahren auf einen Erwerbstätigenrekord von über 41 Millionen - trotz Weltfinanzkrise, Wachstumseinbruch und Euro-Schuldenkrise. Bei genauer Betrachtung wirkt der Lack jedoch matter: Zu einem guten Teil baut das Beschäftigungswunder auf einer Ausweitung des Niedriglohnsektors und unsicherer Beschäftigung auf.

Die Niedriglohnsektor ist dreimal so schnell gewachsen wie die Beschäftigung oberhalb der Niedriglohnschwelle. Unter den sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten stieg die Anzahl der Niedriglöhner nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) von 2005 bis 2010 um 13,5 Prozent auf rund 4,278 Millionen. Die Zahl der besser Bezahlten stieg nur um 4,5 Prozent. Somit fanden 42 Prozent des Beschäftigungsaufbaus für reguläre Vollzeitjobs im Niedriglohnsektor statt.

Jeder Fünfte bezieht Billiglohn

Der Niedriglohnsektor breitet sich nicht erst seit der Hartz-IV-Reform im Jahr 2005 aus. Im Jahr 1999 war jeder sechste Vollzeitbeschäftigte ein Niedriglöhner, 2010 jeder Fünfte.

Die Ausweitung der Niedriglohnsektors war kein Unfall. Sie war politisch gewollt. „Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt“, rühmte sich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang 2005 der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Unter Rot-Grün wurden dafür die Weichen gestellt. Jeder fünfte Job ist mittlerweile ein Minijob. Neun von zehn Minijobbern, die keiner anderen Beschäftigung nachgehen, arbeiten zu Niedriglöhnen. Rot-Grün erleichterte die Leiharbeit. Die Branche zählt 900.000 Beschäftigte. Fast drei Viertel davon arbeiten im Niedriglohnbereich, wie die BA ermittelte.

Hinzu kommt, dass Tarifverträge für immer weniger Beschäftige gelten. Aber selbst sie schützen nicht vor Niedriglöhnen, ebenso wenig wie Mindestlöhne.

Experten streiten darüber, ob der Niedriglohnsektor für die Gesellschaft und die Wirtschaft von Nutzen ist. „Durch das Wachstum des Niedriglohnsektors sind in den letzten Jahren Arbeitsplätze entstanden, die auch für Menschen mit geringeren Jobchancen erreichbar sind, beispielsweise für Geringqualifizierte oder Langzeitarbeitslose“, stellt der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Joachim Möller, fest. Der Chef der Denkfabrik sieht aber auch Schattenseiten: „Es gibt im Niedriglohnsektor auch Entwicklungen, die man beschäftigungspolitisch nicht mehr rechtfertigen kann. Mit einem moderaten Mindestlohn würde man der wachsenden Gehaltskluft, von der ja nicht nur vormals Arbeitslose betroffen sind, zumindest etwas entgegenwirken.“

Leidtragende Frauen

Im arbeitgebernahen Institut für Wirtschaft (IW) herrscht die Überzeugung, der Niedriglohnsektor diene ansonsten Chancenlosen als Sprungbrett zu einer regulären Beschäftigung. „Der Niedriglohnsektor wächst nicht auf Kosten der Normalverdiener. Der Niedriglohnsektor schafft Arbeitsplätze, die es vorher nicht gab“, versichert IW-Experte Holger Schäfer.

„Das wird überhaupt nicht belegt“, widerspricht ihm der Arbeitsmarktexperte der Hans-Böckler-Stiftung, Alexander Herzog-Stein. Der Niedriglohnsektor sei eine große Verschwendung. Leidtragende seien aufgrund ihrer steigenden Erwerbsneigung vor allem Frauen, die häufig gut qualifiziert seien und in den Niedriglohnsektor abgedrängt würden. „Wir verschenken hier enorme Ressourcen“, kritisiert Herzog-Stein.

Für Konjunkturexperten wie Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zählt unterm Strich die höhere Beschäftigung. „Wenn Leute einen Minijob haben oder zu schlechter Bezahlung tätig sind, verdienen sie immer noch mehr, als wenn sie arbeitslos wären“, sagt Fichtner. Sie könnten mehr für den Konsum ausgeben und mit der Stärkung der Binnennachfrage zum Wirtschaftswachstum beitragen. Für das laufende Jahr erwartet das DIW ein Wachstum von 0,6 Prozent. Das „kommt zum ganz wesentlichen Teil aus dem Konsum“, erwartet Fichtner. (rtr)

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