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Arbeit und Soziales

26. November 2013

Armut in Deutschland: Einmal arm, immer arm

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Hilfe für Menschen, die sich nicht genügend Lebensmittel leisten können: Fertig gepackte Körbe stehen in den Räumen einer brandenburgischen Tafel.  Foto: dpa

Die Beschäftigung wächst, die Armut wächst mit: Der Datenreport 2013 zeigt, dass das deutsche Jobwunder nicht zu mehr Wohlstand für alle geführt hat.  Denn es gibt nicht mehr Arbeit als früher, sie ist nur anders verteilt.

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Es gibt gute Nachrichten im Datenreport 2013 und schlechte, wobei das eine zum anderen nicht recht zu passen scheint. Seit 2006 hat die Zahl der unbefristeten Vollzeitstellen um 2,1 Millionen zugenommen. Nie zuvor gingen so viele Menschen einer bezahlten Arbeit nach wie heute: mehr als 42 Millionen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei sieben Prozent und damit niedriger als in allen anderen EU-Ländern.

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Zugleich aber führen schlechte Bezahlung und geringe Arbeitsvolumen dazu, dass der Anteil der armutsgefährdeten Menschen an der Gesamtbevölkerung weiterhin, wenn auch nur leicht, wächst. Schlimmer noch: Armut verfestigt sich in einem Teil der Bevölkerung immer stärker. Sozialer Aufstieg aus eigener Kraft scheint kaum mehr zu gelingen.

Die am Bericht beteiligten Behörden und Forschungsinstitute belegen mit ihren Daten, dass die Wahrscheinlichkeit, im untersten Einkommensfünftel zu verbleiben, seit den 1990er Jahren deutlich von 54 auf mittlerweile 64 Prozent gestiegen ist. Mehr als 80 Prozent der 2011 von Armutsrisiken betroffenen Personen waren in einem der vorangehenden vier Jahre schon einmal der Armutsgefahr ausgesetzt. 40 Prozent verharrten gar den gesamten Fünf-Jahres-Zeitraum in relativer Armut. Im Jahr 2000 hatte der Anteil der dauerhaft Armen noch bei nur 27 Prozent gelegen. Einmal arm, immer arm? Zumindest die Tendenz geht in diese Richtung.

Ungebildete machen weniger Sport

Dies trifft besonders für Menschen mit mehreren Risikomerkmalen zu, die oftmals einander bedingen: Wer ohne Ausbildung ist, verdient wenig, ist oft übergewichtig und allgemein bei schlechter Gesundheit. So treiben mehr 51 Prozent der 30 bis 44-jährigen Männer mit geringem Bildungsstandard keinerlei Sport, während der Anteil bei den gut qualifizierten Altersgenossen bei nur 17 Prozent liegt. Diese Unterschiede sind in allen Altersgruppen und ebenso auch für Frauen feststellbar.

Umgekehrt sieht es beim Tabakkonsum aus: Fast 60 Prozent der schlecht ausgebildeten Männer mittleren Alters rauchen, aber nur 25 Prozent der gut Qualifizierten. Letztere sind auch weitaus seltener stark übergewichtig. Ob jung, ob alt, ob Frau, ob Mann: Menschen mit akademischem Hintergrund leben gesünder und bewegen sich mehr als Ungelernte und Schulabbrecher. Kurz: Armut macht krank.

Dabei spielen auch die äußeren Lebensumstände eine Rolle. Menschen mit geringen Einkommen sind in ihrem Wohnumfeld viel häufiger Lärm, Schmutz und Kriminalität ausgesetzt als nicht armutsgefährdete Menschen. Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, Jutta Allmendinger, plädiert vor diesem Hintergrund für deutlich verstärkte Anstrengungen im frühkindlichen und schulischen Bildungsbereich.

Viel Teilzeitarbeit

Zudem müsse das Volumen an bezahlter Arbeit zugunsten der Frauen neu verteilt werden: Zu einem beträchtlichen Teil sei die Zunahme atypischer Beschäftigung auf unfreiwillige Teilzeitarbeit von Frauen zurück zu führen. „Wenn Männer ihre Arbeitszeit reduzieren und Frauen ein wenig zulegen, haben beide genug zeit für Haushalt und Kinder.“

Atyptische Beschäftigungsverhältnisse nahmen zwischen 1991 und 2006 stark zu. Diese Arbeitsformen werden oft schlecht vergütet, so dass die Zahl der arbeitenden Armen anstieg. 2112 waren 22 Prozent aller Erwerbstätigen atypische beschäftigt, wobei die Anteile der unter 24-Jährigen und schlecht Ausgebildeten mit 33 und 37 Prozent noch deutlich höher lagen.

Umverteilt wurde das Arbeitsvolumen. Pro Kopf wird heute deutlich weniger gearbeitet als noch vor 20 Jahren: Während 1991 die Erwerbstätigen im Schnitt 1550 Stunden im Jahr arbeiteten, waren es 2012 nur noch knapp 1400 Stunden. Wesentlich ist die starke Zunahme – freiwilliger und unfreiwilliger – Teilzeitarbeit verantwortlich, die vor allem von Frauen ausgeübt wird. Mehr Jobs bedeuten daher nicht automatisch höhere Einkommen pro Haushalt.

 Foto: dpa-Grafik

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