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Arbeit und Soziales

13. Juni 2012

Burnout und Stress im Job: "Klare Regeln sind wichtig"

Katja Hildebrandt,Arbeitspsychologin der Universität Leipzig.  Foto: Privat

Arbeitspsychologin Katja Hildebrandt plädiert für ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben.

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Frau Hildebrandt, Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen will Arbeitnehmer vor Dauer-Erreichbarkeit im Job schützen und fordert von Unternehmen klare Regeln. Wieso ist das wichtig?

Unsere Gesellschaft hat sich gravierend verändert. Heutzutage herrscht ein deutlich höherer Arbeits- und Leistungsdruck als noch vor 30 Jahren. Es gibt immer mehr Menschen, die sich Arbeit mit nach Hause nehmen müssen. Wenn sie ständig über Handy oder E-Mail erreichbar sind, schrumpfen ihre Erholungsphasen. Richtig abschalten ist dann nicht mehr möglich. Langfristig steigt dadurch die Wahrscheinlichkeit psychischer Erkrankungen.

Haben technologische Errungenschaften wie Smartphones und Notebooks nicht auch Vorteile?

Natürlich, durch die vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten steigt die Flexibilität enorm an. Durch die neue Technik sind wir jederzeit überall erreichbar. Das birgt aber auch Risiken. Denn das ständige E-Mail-Schreiben und soziale Netzwerke nehmen viel Zeit in Anspruch, lenken ab und können zur Isolation oder sogar zur Sucht führen.

Auch privat legen viele Menschen kaum das Handy zur Seite. Warum bürden sie sich selbst die Dauererreichbarkeit auf?

Es herrscht heute ein anderes Grundverständnis. Die ständige Erreichbarkeit ist eine Folge des allgemein beschleunigten Lebens. Inwieweit sie im Beruf eingefordert wird, hängt von der Unternehmenskultur ab. Generell ist die Dauererreichbarkeit mittlerweile ein Standard und gilt sogar als schick. Anfangs hilft die multimediale Vernetzung, alle Lebensbereiche und Tätigkeiten zu vereinen. Aber viele Menschen schaffen es irgendwann nicht mehr, sich Grenzen zu setzen. Das kann soziale Konflikte zur Folge haben und zudem zur Erschöpfung führen.

Welche Vorteile hätte es für Arbeitgeber, die Erreichbarkeit von Mitarbeitern festzulegen?

Die Arbeitswelt hat sich verändert, die Übergänge zwischen Job und Familie sind heute fließend. Natürlich gehört die Arbeit zum Leben dazu und braucht viel Aufmerksamkeit. Wichtig ist ein ausgewogenes Verhältnis. Der Mensch braucht Zeit für sich, sonst ist er irgendwann ausgebrannt. Die Impulse dazu müssen aus der Führungsebene kommen. Denn am Ende profitiert ja auch das Unternehmen davon, wenn seine Mitarbeiter gesund und zufrieden sind.

Wie sieht das optimale Arbeitsmodell aus?

Es gibt Studien, die belegen, dass viele Menschen mit der sogenannten Vertrauensarbeitszeit überfordert sind. Wenn sie sich ihre Arbeit selber einteilen können, arbeiten sie durchschnittlich teilweise sogar mehr als während der traditionellen, festgelegten Kernarbeitszeit. Sie schaffen es nicht, sich ausreichend Grenzen zu setzen. In dieser Hinsicht ist der Vorschlag von Frau von der Leyen, klare Regeln für die Erreichbarkeit zu schaffen, gut. Wichtig ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Selbstorganisation und Vorgaben.

Das Gespräch führte Christina Michaelis.

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