Die Gewerkschaften sehen sich gegenüber den Arbeitgebern zunehmend in der Defensive. Nun hofft die IG Metall auf eine freundlichere Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts. Von Roland Bunzenthal
Bei der Rechtsprechung zum Arbeitskampf erwarten die Gewerkschafter eine Revision.
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Bei der Rechtsprechung zum Arbeitskampf erwarten die Gewerkschafter eine Revision.
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Die Gewerkschaften sehen sich zunehmend in der Defensive. "Wir sehen Verschiebungen im Machtgleichgewicht zulasten der Gewerkschaften", erklärt IG-Metall-Justitiar Thomas Klebe. Vier Ebenen identifiziert er, auf denen die Arbeitgeber auf dem "Vormarsch" seien:
Erstens: Die Nachwirkungen des Verfassungsgerichtsurteils zur kalten Aussperrung Mitte der neunziger Jahre. Die IG Metall müsse bei Arbeitskämpfen zunehmend darauf achten, ob die Lieferausfälle der bestreikten Betriebe nicht zur sogenannten Drittwirkung führten, bei der die Kollegen der Kundenbetriebe in den unbezahlten Zwangsurlaub geschickt würden.
Zweitens: Die Globalisierung führe dazu, dass die Arbeitgeber ein "zusätzliches Druckmittel" in der Hand hätten - die Produktionsverlagerung ins Ausland.
Drittens: Die Auflösung der bisherigen Tariflandschaft. Im Feld der IG Metall sind es vor allem vor der Pleite stehende Firmen, die mit gewerkschaftlicher Erlaubnis vom Flächentarifvertrag nach unten abweichen dürfen. Bei anderen DGB-Gewerkschaften stellten kleine Konkurrenzorganisationen (Spezialisten-Vereinigungen, christliche Gewerkschaften) die einheitlichen Lohnbedingungen je Betrieb infrage.
Die größten Arbeitgeber in Deutschland
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Die größten Arbeitgeber in Deutschland
Platz 30: RWE. Der Energieriese aus Essen beschäftigt 65.900 Frauen und Männer.
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Platz 29: Schaeffler Gruppe. 66.000 Mitarbeiter leiden. Denn der Autozulieferer ist seit der Übernahme von Continental in finanziellen Nöten.
Platz 28: Randstad Deutschland. Die Zeitarbeit boomt, der Branchenprimus wächst. 66.000 Menschen beschäftigt Randstad 2008. Zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor.
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Platz 27: TUI. Der Reisekonzern bringt nicht nur viele Menschen in den Urlaub. Er gibt auch vielen Arbeit: 70.300 Frauen und Männer sind es 2008.
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Platz 26: Deutsche Bank. Chef Josef Ackermann ist nicht gerade beliebt. Doch wer sich mit ihm anlegt, sollte wissen: Hinter ihm stehen 80.500 Angestellte.
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Platz 25: Arcandor. 86.200 Menschen arbeiteten im vergangenen Jahr für den Handels- und Reisekonzern Arcandor. Heute ist er insolvent, die Zukunft der Beschäftigten ungewiss.
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Platz 24: Adolf Merckle-Gruppe. Pillendrehen macht offenbar viel Arbeit. 92.500 Angestellte hat die Merckle-Gruppe, zu der (noch) Ratiopharm gehört.
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Platz 23: Eon. Der größte deutsche Energie-Konzern ist auch ein großer Arbeitgeber: 93.500 Menschen bieten Gas, Strom und Wärme.
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Platz 22: BASF-Gruppe. 96.900 Beschäftigte hat der Chemie-Riese aus Ludwigshafen. Aber nicht alle müssen in grünen Schutzanzügen zu Arbeit kommen.
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Platz 21: BMW Group. Der Autobauer gehört - relativ betrachtet - zu den größten Jobkillern des vergangenen Jahres. 100.000 Menschen arbeiten 2008 bei BMW, sieben Prozent weniger als im Jahr zuvor.
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Platz 20: Bertelsmann. Die Medienbranche kriselt. Doch beim größten deutschen Medienunternehmen Bertelsmann arbeiten 2008 mehr Leute als im Vorjahr: 106.100.
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Platz 19: Deutsche Lufthansa. 107.800 Frauen und Männer arbeiten bei der Lufthansa. Ein Drittel davon über den Wolken.
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Platz 18: Bayer AG. Ein Chemie-Konzern, so groß, dass er sich eine Fußball-Mannschaft leisten kann. 108.600 Mitarbeiter hat das Unternehmen. Wie viele davon Bayer-Leverkusen-Fans sind, ist unbekannt.
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Platz 17: Tengelmann. Der Lebensmittelkonzern ist der größte Verlierer. 2008 arbeiteten dort nur noch 116.500 Leute. Ein Minus von 23,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
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Platz 16: Fresenius SE. Das Bad Homburger Medizintechnik-Unternehmen hat im vergangenen Jahr kräftig eingestellt und erreichte einen Mitarbeiterstand von 122.200.
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Platz 15: Continental. Der Reifenbauer setzt viele Menschen vor die Tür: minus 8,2 Prozent. Übrig bleiben dort 139.200.
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Platz 14: Allianz Group. Der einzige Versicherungskonzern unter Deutschlands größten Arbeitgebern. 182.900 Menschen verdienen dort ihr Geld.
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Platz 13: Thyssen-Krupp. Von wegen Dienstleistungsgesellschaft: Unter den größten Arbeitgebern sind viele Industrieunternehmen. Wie Thyssen-Krupp mit 199.400 Mitarbeitern.
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Platz 12: Aldi-Gruppe. 200.000 Angestellte versorgen uns mit billigen Lebensmitteln. Nur die leeren Pappkartons räumen sie zu selten weg.
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Platz 11: Deutsche Telekom. Auch von 2007 auf 2008 streicht der ehemalige Staatskonzern wieder Stellen. Übrig bleiben 227.700.
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Platz 10: Deutsche Bahn. Wer sich über die Bahn beschweren will, hat viele Ansprechpartner: 261.500 Menschen verdienen dort ihr Geld.
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Platz 9: Edeka Gruppe. Gegessen wird immer, lautet eine alte Regel im Handel. Edeka beschäftigt 262.200 Leute.
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Platz 8: Daimler. 273.200 Menschen bauen bei Daimler Autos und LKW. Seit der Trennung von Chrysler wieder mit Gewinn.
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Platz 7: Schwarz-Gruppe. Immer wieder gerät Lidl wegen Dumping-Löhnen oder Mitarbeiter-Bespitzelung in die Schlagzeilen. Dennoch zählt der Konzern 7,7 Prozent mehr Angestellte - insgesamt sind es 280.000.
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Platz 6: Robert Bosch. Ein Sonderfall unter den Großunternehmen: Es ist keine Aktiengesellschaft, sondern mehrheitlich im Besitz der gemeinnützigen Robert-Bosch-Stiftung. Beschäftigte: 281.700.
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Platz 5: Metro. Der Düsseldorfer Konzern ist mit 290.900 Mitarbeitern eines der großen Handelsunternehmen Europas.
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Platz 4: Rewe Group. Der Lebensmittelhändler schafft viele Stellen und kommt jetzt auf 319.300 Mitarbeiter. Das sind 9.6 Prozent mehr.
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Platz 3: Volkswagen. VW baut seine Belegschaft im Jahr 2008 um zwölf Prozent auf 369.900 aus. Die Porsche-Übernahme bringt dem Konzern ein weiteres Plus in der Statistik.
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Platz 2: Siemens. Deutschlands industrieller Primus bleibt Siemens. Die Münchner beschäftigen 427.000 Menschen - 7,3 Prozent mehr als 2007.
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Platz 1: Deutsche Post AG. Die Post ist Deutschlands größter Arbeitgeber. 512.500 Menschen sind Postler. Fast so viele, wie in Hannover wohnen.
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Rewe, Siemens, Post: Viele Konzerne könnten mit ihren Beschäftigten eine Großstadt gründen. Sehen Sie, bei welchen 30 deutschen Unternehmen die meisten Menschen arbeiten. (Stand: 2008; Vergleich bezogen auf das Vorjahr, mit Beschäftigten im Ausland.)
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Viertens: Die zunehmende Spaltung der Belegschaften in Stamm- und Randbeschäftigte, gemeint sind Leiharbeiter, Teilzeit- und befristete Kräfte. Insgesamt neigten die Arbeitgeber dazu, betont Klebe, die Aufweichung der Tarife nach unten zu begrüßen und die Aufweichung nach oben wie etwa bei Piloten, Lokführern oder Ärzten dagegen abzulehnen.
Und wie sieht die Gegenstrategie der Gewerkschafter aus? Sie hoffen auf wohlgesonnene Richter. In nächster Zeit stünden wichtige Entscheidungen des Bundesarbeitsgerichts (BAG) an, erklärten Klebe und sein Kollege von der tarifpolitischen Abteilung, Kay Ohl. Beide sind zugleich ehrenamtliche Beisitzer beim BAG.
Dabei geht es vor allem um die Tarifkonkurrenz, also der Fall, dass ein Haustarifvertrag mit einem Flächentarif im Wettbewerb steht. Die Gerichte hätten bislang stets zugunsten des "spezielleren´" Vertrages entschieden und das ist im Normalfall der Haustarif. Die IG Metall hofft nun, dass die obersten Arbeitsrichter dieser Möglichkeit des Lohndrückens einen Riegel vorschieben. Gebe es zwei Tarifverträge in einem Unternehmen, soll künftig der "mit der größeren demokratischen Legitimität" den Vorzug erhalten. Und hier zähle eben vor allem der Organisationsgrad.
Auch bei der Rechtsprechung zum Arbeitskampf erwarten die Gewerkschafter eine Revision: Sympathie-Streiks für andere Branchen - etwa Warenboykott im Einzelhandel oder tarifliche Regeln für Sozialpläne - müssten künftig erlaubt sein.
Doch noch mit ganz anderen Methoden wird Gewerkschaftern das Wasser abgegraben: In den vergangenen vier Jahren ist die Zahl der in Deutschland ansässigen Unternehmen stark gestiegen, die eine ausländische Rechtsform besitzen und damit aus der Mitbestimmung herausfallen. Ihre Beschäftigten müssten auf Rechte verzichten, die in vergleichbaren Unternehmen mit deutscher Rechtsform selbstverständlich seien. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Diese Benachteiligung kann nur durch neue gesetzliche Regelungen behoben werden, zeigt die Studie. Die europäische Rechtsprechung und ein Vertrag mit den USA machen´s möglich, Rechtsformen fremder Länder zu übernehmen.
Die Gruppe der Firmen, die das tun, ist zwar klein, aber in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Im November 2009 gab es laut Böckler-Stiftung 37 in der Bundesrepublik ansässige Unternehmen mit mindestens 500 Beschäftigten, die eine britische Limited oder eine amerikanische Incorporated sind. Anfang 2006 waren es 17. Dazu zählen Namen wie McDonald´s.