Chancengleichheit für Frauen und Männer – das ist zentrales Ziel des Gleichstellungsberichts der Bundesregierung. Die Autoren des gestern vorgelegten Gutachtens für diesen Bericht fordern tiefgreifende Änderungen.
Die Politik halte Frauen stark davon ab, ihr Potenzial voll auszuschöpfen.
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Die Politik halte Frauen stark davon ab, ihr Potenzial voll auszuschöpfen.
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Berlin –
Ein wenig macht es den Eindruck, als sei dem Bundesfamilienministerium da ein Kuckucksei ins Nest gelegt worden. Die gestrige Übergabe des Gutachtens zum ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung ließ die Empfänger jedenfalls vergleichsweise kalt. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) überließ es ihrem Staatssekretär, das Sachverständigengutachten entgegenzunehmen.
Was die Experten über die unterschiedlichen Lebensläufe von Männern und Frauen in zwei Jahren Arbeit herausfanden und welche Handlungsoptionen sie der Politik vorzuschlagen haben, kommentierte der parlamentarische Staatssekretär im Familienministerium, Hermann Kues, mit dürren Worten. Der Aplomb, mit dem Schröders Vorgängerin Ursula von der Leyen das Gutachten 2008 in Auftrag gegeben hatte, ist offenbar vergessen.
„Wir wollen eine Gleichstellungspolitik mit klaren Zielsetzungen“, lautete von der Leyens Auftrag an die Sachverständigenkommission, die sich im Juni 2008 konstituiert hatte. Die gewünschten Handlungsempfehlungen liegen nun vor. Manche dürfte der Regierungskoalition indes kaum schmecken.
Das Fazit, zu dem das Gutachten der Kommission kommt, lässt an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig: Zwar hat es in den vergangenen Jahren Fortschritte in der Gleichstellungspolitik gegeben, es mangelt ihr allerdings eben an jener klaren Zielsetzung, die von der Leyen offenbar schon 2008 vermisste. So stellt die Kommission fest, dass das fehlende Leitbild der Gleichstellungspolitik dazu führe, dass sie gleichzeitig Anreize für ganz unterschiedliche Lebensmodelle gebe. Sie gewähre Unterstützung in einer Lebensphase, die in der nächsten abbrächen oder in eine andere Richtung führten, kritisiert das Gutachten. Eine Politik, die auf eine wirkliche Chancengleichheit abziele, müsse Fehlanreize vermeiden.
Als Konsequenz dieser Orientierungslosigkeit sei die gegenwärtige Frauengeneration zwar besser ausgebildet als je eine Generation vor ihr, die Politik vermittele ihr indes starke Anreize dafür, dieses Potenzial im Erwerbsleben nicht ausreichend zu nutzen.
So gewährt das Gutachten zum Gleichstellungsbericht Einblick in ein Grunddilemma: Die Lebenssituation von Frauen und Männern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Das Rollenbild, an dem sich Politik und Gesellschaft orientieren, dagegen kaum.
Frauen in deutschen Aufsichtsräten
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Frauen in deutschen Aufsichtsräten
Beatrice Weder di Mauro, eine der fünf Wirtschaftsweisen, sitzt im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp. Die Schweizerin ist Professorin der Universität Mainz uns seit 2004 Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung.
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Susanne Klatten ist Großaktionärin bei BMW und Mitglied im Aufsichtsrat. Die Erbin der Familie Quandt gilt mit einem geschätzten Vermögen von 11,1 Milliarden US-Dollar als reichste Frau Deutschlands. Bereits 1993 wurde Klatten mit 31 Jahren Mitglied im Aufsichtsrat des Chemiekonzerns Altana.
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Die Finnin Sari Baldauf war mal Nokia-Chefin und ist heute Mitglied des Daimler-Aufsichtsrates.
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Die Vorsitzende des Institutes für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher, ist gleich in drei Aufsichtsräten vertreten: Bei der Allianz und dem Chiphersteller Infineon sowie bei dem Fahrzeugkonzern MAN.
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Sie gehört zu den prominenteren weiblichen Aufsichtsratsmitgliedern: Benita Ferrero-Waldner, jetzt bei Munich Re, saß in der EU-Kommission und war Außenministerin von Österreich.
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Martina Koederitz gilt als zäh, robust, hartnäckig. Sie ist die neue Deutschland-Chefin von IBM.
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Die promovierte Philologin Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende der Geschäftsführung des Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf, wurde 2008 Mitglied im Aufsichtsrat von Siemens und Mitglied im Aufsichtsrat der Lufthansa.
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Auch Sibylle Wankel von der IG Metall Bayern sitzt im Siemens Aufsichtsrat. Mit Bettina Haller, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, und Birgit Steinborn, stellvertretende Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, vertreten dort noch zwei weitere Frauen die Arbeitnehmer. Nicht nur bei Siemens kommen Frauen häufig über den Betriebsrat in die Aufsichtsgremien deutscher Firmen.
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Neben Leibinger-Kammüller sitzen im Aufsichtsrat der Lufthansa noch zwei weitere Frauen: Dominique Hiekel und Marlies Rose - sie vertreten die Arbeitnehmer.
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Spitzenreiter unter den Dax-Unternehmen, was weibliche Aufsichtsratsmitglieder betrifft, ist der Branchenprimus deutsche Bank. In dem Aufsichtsrat des Unternehmens sitzen sechs Frauen - und 14 Männer. Stellvertretende Vorsitzende ist die Gewerkschafterin Karin Ruck.
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Auch die Sozialwissenschaftlerin Marlehn Thieme, Mitglied im Rat der EKD, sitzt im Aufsichtsrat der Bank. Thieme machte 1986 eine Traineeausbildung bei der Deutschen Bank und arbeitete sich hoch. Weitere Frauen im Aufsichtsrat des Geldinstituts sind: Martina Klee, Suzanne Labarge, Henriette Mark und Gabriele Platscher.
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Den zweiten Platz im Dax-Ranking belegt die Commerzbank: Im Aufsichtsrat der Bank sind fünf Frauen vertreten.
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Jeweils vier weibliche Aufsichtsräte haben die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, Waschmittelhersteller Henkel und der Pharmakonzern Merck.
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Marie-Christine Lombard ist Vorstandsmitglied von TNT - und gleichzeitig eine von drei Frauen im Aufsichtsrat der Metro AG.
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Sabine Bauer ist Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsratsgremium von Adidas im fränkischen Herzogenaurach.
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Heidi Thaler-Veh vertritt ebenfalls die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat des Sportartikelherstellers.
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Keine einzige Frau findet sich beispielsweise in den Aufsichtsräten von Fresenius ...
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... dem Maschinenbaukonzern Linde...
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... und HeidelbergCement.
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Seit 1994 ist Gabriele Gratz Betriebsratsvorsitzende und stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrats des Energiekonzerns Eon. Mit der Juristin Karen de Segundo ist im Eon-Aufsichtsrat noch eine weitere Frau vertreten.
Dagmar Mühlenfeld ist Oberbürgermeisterin von Mühlheim an der Ruhr - und gleichzeitig Aufsichtsrätin bei RWE. Die Betriebsratsvorsitzende Dagmar Schmeer vertritt die Arbeitnehmer im RWE-Aufsichtsrat.
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Roswitha Süßelbeck ist eine von zwei Aufsichtsrätinnen bei Bayer.
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Auch Petra Kronen vertritt die Arbeitnehmerseite im Chemiekonzern.
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Die Belgierin Denise Schellemans vertritt die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsratsgremium von BASF.
Aufsichtsräte in Deutschland werden von Männern dominiert. Doch eine Frau hat es sogar ganz an die Spitze eines Dax-Konzerns geschafft: Die Henkel-Erbin Simone Bagel-Trah führt das Gremium des Düsseldorfer Klebstoff- und Waschmittelherstellers Henkel. Hier neben einer Büste des Firmengründers Fritz Henkel.
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Grafiken: Frauen in der Arbeitswelt
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Zum Beispiel in der Bildung: In keinem gesellschaftlichen Bereich hätten die Frauen in den letzten 40 Jahren stärker aufholen können, erklärt das Gutachten. Mädchen und junge Frauen seien die Gewinner der Bildungsexpansion seit den 70er Jahren. Sie erreichten höhere und bessere Schulabschlüsse als junge Männer, wählten dann aber in der Regel typische Frauenberufe mit einem geringeren Professionalisierungsgrad. In der Berufswahl wie in der Wahl des Studienfachs reproduzierten junge Männer und Frauen beharrlichen die gängigen Rollenklischees.
Konsequenzen im Erwerbsleben
Das hat Konsequenzen im Erwerbsleben. Zwar stieg die Erwerbstätigenquote von Frauen in (West-)Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich, jedoch seien die wenigsten vollzeitbeschäftigt. „Der Unterschied in den Stundenlöhnen zwischen Männern und Frauen ist mit 23 Prozent so hoch wie in kaum einem anderen europäischen Land. Der Anteil gering bezahlter Frauen lag 2007 bei 29,3 Prozent gegenüber 13,8 Prozent bei Männern, kritisieren die Gutachter.
Und schließlich zementieren auch Gesetzgebung und Rechtsprechung die überkommenen Rollenbilder. „Nach wie vor bleibe die Ehe in der gesamten Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Form des partnerschaftlichen Zusammenlebens von Männern und Frauen“, formuliert das Gutachten vorsichtig. Die auf Lebenszeit begründete arbeitsteilige Ehe sei zwar inzwischen nicht mehr die Regel. Im Sozial- und Steuerrecht allerdings schon, wie etwa beim Ehegattensplitting oder der Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenkasse.
Die Schlussfolgerungen der Gutachter dürften für Kristina Schröder schwer verdaulich sein: Frauenquote, Abschaffung des Ehegattensplittings und Mindestlöhne sind allesamt sozialdemokratische Forderungen. Die familienpolitische Sprecherin der SPD, Caren Marks, kündigte denn auch gestern an, man werde die Bundesregierung an der Umsetzung ihres eigenen Gleichstellungsberichts messen.