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Arbeit und Soziales

29. März 2012

Leiharbeit bei BMW: "Mund halten und weiter arbeiten"

 Von Thomas Magenheim-Hörmann
 Foto: REUTERS

Leiharbeit ist ein Phänomen großer Firmen. Im BMW-Werk Leipzig ist die Lage allerdings besonders extrem. Für die IG Metall Anlass, ein "Schwarzbuch Leiharbeit" aufzulegen. Über "Arbeitsgurken", die ewige Probezeit und moderne Sklaverei.

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München –  

Wer BMW fragt, wieviele Beschäftigte im Werk Leipzig arbeiten, erhält als offizielle Antwort: 2.700 Leute. Jens Köhler kommt auf mehr als das Doppelte. "Wir haben im Werk insgesamt rund 6.000 Beschäftigte", sagt der dortige Betriebsratschef. Die Differenz liegt im Status der Arbeitskräfte. BMW zählt nur die Stammbelegschaft.

Dazu kommen 1.100 Leiharbeiter und 2.200 Beschäftigte mit Werksverträgen, von denen etwa jeder Dritte seinerseits bei Leiharbeitsfirmen angestellt ist. Dieses Verhältnis von Stammpersonal und Beschäftigten minderer Klasse sei nicht nur eine Leipziger Problematik, auch wenn sie dort extrem zugespitzt ist, bedauert Köhler.

Für die IG Metall ist die bundesweite Entwicklung Anlass, ein "Schwarzbuch Leiharbeit" aufzulegen, das in Frankfurt von Gewerkschaftsvize Detlef Wetzel präsentiert wurde. Rund eine Million Menschen arbeiten heute in Deutschland in dieser Form eines prekären Arbeitsverhältnisses, bilanziert er und kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie eine jüngste Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Das sind dreimal mehr als noch 2004. Sie verdienen nicht nur im Schnitt 40 Prozent weniger als Stammkräfte im selben Betrieb. Sie hätten auch weniger Rechte und werden als erste gefeuert. "Leiharbeit ist das sichtbarste Beispiel für die Verrohung der Sitten auf dem Arbeitsmarkt", findet Wetzel. Auf diese Weise verkomme Arbeit zur Ramschware und Menschen würden zur bloßen Kostenstelle degradiert. Das müsse sich wieder ändern.

Leiharbeit ist ein Phänomen von Großbetrieben, sagt Soziologe Hajo Holst. Jede zweite Firma über 250 Beschäftigte setze heute Leiharbeiter ein. Bei der Hälfte davon mache sie gut ein Fünftel der Belegschaft aus. Leiharbeit sei auch ein Branchenphänomen mit der Autoindustrie im Zentrum.

16 Prozent Leiharbeiter

Insofern ist BMW in jeder Hinsicht repräsentativ. Parallel zu 70.000 Festangestellten beschäftigt der Hersteller von Premiumautos 11.000 Leiharbeiter. Wieviel Personal über Werksverträge konzernweit dazukommt, wissen nicht einmal Betriebsräte. "Auf Werksverträge haben wir als Betriebsrat gar keinen Einfluss", stellt Köhler klar. Nur für Leipzig kennt er die Zahlen. Bei Leiharbeitern kommt BMW im Konzern auf eine Quote von 16 Prozent.

Begrenzt ist die in einem Konzern, dessen Geschäfte viel mit Image zu tun haben, im Gegensatz zur Konkurrenz nicht. Audi hat sich auf maximal fünf, Daimler auf acht Prozent Leiharbeiter verpflichtet. Zumindest geht es den BMW-Leiharbeitern finanziell relativ gut. Sie erhalten tariflichen Grundlohn. Geringere Zuschläge summieren sich aber auch noch auf rund ein Viertel weniger Jahresentgelt, rechnet Köhler vor.

Im Mittel seien Leiharbeiter drei bis vier Jahre im Werk Leipzig. "Wir haben aber auch Arbeiter, die seit acht Jahren bei uns eingesetzt sind", sagt er. Damit liegt BMW im Trend. Leiharbeit wird von Betrieben strategisch eingesetzt und nicht wie ursprünglich gedacht, um Auftragsspitzen abzudecken, sagt Holst.

Arbeitsagentur muss zu Mini-Löhnen zuzahlen

Vielfach sind Leiharbeiterlöhne so niedrig, dass die Bundesagentur für Arbeit zuzahlen muss, um die Existenz eines Vollbeschäftigten zu sichern. Eine halbe Milliarde Euro kostet das die Agentur jährlich, hat Professor Gerhard Bosch berechnet, Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen. Für Firmen gehe es schlicht um dauerhafte Kostensenkung.

Die IG Metall hat Leiharbeiter befragt. Sie fühlen sich als "moderne Sklaven", nennen sich selbst "Arbeitsgurken" und wähnen sich "in ewiger Probezeit". "Ich habe keine Perspektive, muss meinen Mund halten und darf nichts sagen, sonst werde ich ausgetauscht, sagt eine 34-jährige.

Ein anderer ist Leiharbeiter, wo er früher fest angestellt war. "Sie glauben gar nicht, wie weh es tut, wenn man weiß, was man vorher als Mitarbeiter im selben Betrieb verdient hat, nun schon über 18 Monate die gleiche Arbeit macht und etwa die Hälfte weniger Lohn hat."

Der BMW-Gesamtbetriebsrat verhandelt indessen mit dem Konzern eine neue Betriebsvereinbarung zur Flexibilisierung der Arbeitszeit, in die auch Leiharbeit eingeschlossen sein soll, verrät Köhler. Ziel ist es, künftig Krisenzeiten ohne massiven Stellenabbau zu überstehen und nicht zu Lasten von Leiharbeitskollegen.

 

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