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Arbeit und Soziales

17. September 2014

Lohn-Forderung bei der Caritas: Streit im Haus der Nächstenliebe

 Von Martin Brust
Erstmals wurde im Caritas-Tarifstreit die Vermittlungskommission eingeschaltet.

Die Mitarbeiter der Caritas wollen beim Lohn mit dem öffentlichem Dienst gleichziehen. Nun sind die Verhandlungen im größten Wohlfahrtsverband Deutschlands vorerst gescheitert.

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Caritas ist lateinisch und heißt Nächstenliebe. „Wir sind die institutionelle Nächstenliebe“, schreibt Rainer Brockhoff, Diözesan-Caritasdirektor und Verhandlungsführer für die Dienstgeber in der arbeitsrechtlichen Kommission der Caritas, in der Hauszeitung.

Ganz anders sieht das die Mitarbeiterseite in dieser Kommission vom Mai. Sie schildern im Mitarbeitermagazin das Schicksal einer 47-jährigen Caritas-Altenpflegerin aus Gelsenkirchen. Die Einzelhandelskauffrau sei nach Familienpause, Arbeitslosigkeit und Scheidung froh gewesen, wieder einen festen Job zu bekommen.

Aber was für einen: Ihr befristeter Halbtagsvertrag wurde bereits dreimal verlängert. Sie arbeite fast Vollzeit, schreibt das Mitarbeitermagazin, bekomme aber dafür nicht mehr Geld, denn das würde sowieso die Steuer wegfressen, sage ihre Pflegedienstleitung. Aussicht darauf, den Berg von Überstunden „abzufeiern“, bestehe nicht. Spätschicht, Wochenenddienst, Arbeiten am Feiertag: Standard.

Damit die Alleinerziehende mit ihrer pubertierenden Tochter über die Runden kommt, habe sie noch zwei Putzstellen. Laut Mitarbeitermagazin geht sie am Monatsende mit 850 Euro nach Hause.

Es sind Menschen wie diese Altenpflegerin, die überdurchschnittlich stark von der Lohnforderung der Mitarbeiterseite in der arbeitsrechtlichen Kommission profitieren würden, denn die fordert 3,5 Prozent mehr Geld für ein Jahr, rückwirkend ab März 2014, sowie einen Sockelbetrag von mindestens 100 Euro.

Zudem soll die Regionalkommission Ost der Caritas ihre Tarife an das Westniveau anpassen. Der Sockelbetrag käme gerade den unteren Lohngruppen, wie der Altenpflegehelferin in Gelsenkirchen, zugute. Aber Ende Juni sind die Tarifverhandlungen vorerst gescheitert und gingen in die Vermittlungskommission – ein Novum in der Caritas-Geschichte.

Verdi-Katalog übernommen

Nun liegt ein Vermittlungsvorschlag vor, der aber nicht öffentlich ist. Er tue beiden Seiten ziemlich weh, war aus Verhandlungskreisen zu hören. Vergangene Woche haben Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite der Caritas sich mit dem Ergebnis beschäftigt. An diesem Freitag und Samstag wollen sie auf einer Sondersitzung über die Annahme oder Ablehnung des Vorschlags beraten.

Die Forderung der Mitarbeiter ist identisch mit der, mit der die Gewerkschaft Verdi im Frühjahr in ihre Tarifauseinandersetzung mit den öffentlichen Arbeitgebern gegangen ist. Verdi hat einen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) bis Ende Februar 2016 geschlossen, der 90 Euro Sockelbetrag und zusammen 5,4 Prozent Lohnerhöhung in zwei Stufen vorsieht.

Tarifverhandlungen sind häufig mit kämpferischen Ritualen und Aussagen verbunden. Bei der katholischen Kirche läuft es viel ruhiger, werden Tarifverträge in der paritätisch besetzten arbeitsrechtlichen Kommission ausgehandelt, die mit Dreiviertelmehrheit beschließen muss. In der Vergangenheit war der öffentliche Dienst stets Richtschnur.

Bei der Caritas gleicht die Tarifauseinandersetzung einem Tauziehen, bei dem beide Seiten nicht nur an unterschiedlichen Enden eines Stricks ziehen, sondern auch mal gemeinsam am gleichen. Mitten in der laufenden Tarifauseinandersetzung verabschiedeten Arbeitgeber- und Mitarbeiterseite eine gemeinsame Erklärung, in der sie von der Politik fordern, der Altenhilfe und anderen sozialen Dienstleistungen „eine eindeutige gesetzlich geregelte Refinanzierung auf Tariflohnniveau“ zu ermöglichen. Der Lohnspirale nach unten müssen Einhalt geboten werden. In den Tarifverhandlungen werfen die Mitarbeiter den Arbeitgebern allerdings genau dies vor: die Forderung nach Lohnsenkungen und die Abkehr von der Anlehnung an den TVöD.

Seit sich Verdi und die öffentlichen Arbeitgeber im Frühjahr einigten, ringen Mitarbeiter und Arbeitgeber bei der Caritas um eine Tarifvereinbarung für den mit rund 560 000 Mitarbeitern größten Wohlfahrtsverband. Arbeitgebervertreter Brockhoff sieht den Sockelbetrag als größte Hürde. „Der Mindestbetrag von 90 Euro würde in vielen Einrichtungen zu deutlichen Kostensteigerungen führen.“ Denn er bedeute für die unteren Lohngruppen Erhöhungen von bis zu acht Prozent.

Herten Mpaku Makabi bekam ihre Ausbildung als Altenpflegerin über das Jobcenter vermittelt.  Foto: imago

Weil das Personal in Einrichtungen der Altenhilfe bis zu 30 Prozent der Kosten ausmacht, fürchtet Brockhoff deutliche Nachteile zu tarifungebundenen Einrichtungen. „Wenn der Mindestlohn in der Pflege einen deutlichen Sprung machen würde, hätten wir mehr Spielraum.“ Grundsätzlich wären die Forderungen der Mitarbeiter kein Problem, würde die Konkurrenz mitziehen. Die aber zahle oft nur Mindestlohn.

Der Marktlogik widerstehen

Auch Rolf Cleophas, Pressesprecher der Mitarbeiterseite, ist weit entfernt von der Kampf-Rhetorik anderer Tarifauseinandersetzungen: „Wir verstehen die Sorgen der Dienstgeberseite“, sagt er, bleibt aber fest: „Die Caritas muss der Marktlogik gemeinsam widerstehen. Die Wettbewerbsproblematik in der Altenhilfe darf nicht auf den Rücken der unteren Beschäftigtengruppen ausgetragen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem.“

Nach seiner Ansicht wollen die Dienstgeber Tarife in den unteren Vergütungsgruppen schleichend absenken, indem sie etwa in Ostdeutschland vergangene Tariferhöhungen nicht umgesetzt haben. Dort werde teils 14 Prozent unter Westniveau gezahlt – auch in den Westteilen der Regionalkommission Ost wie den Erzbistümern Hamburg und Berlin.

Wenn die Arbeitgeber den Aufstieg in den Tariftabellen strecken oder ganz abschaffen wollten, so treffe das wegen der Inflation auch Bestandsmitarbeiter und wirke daher als Lohnsenkung.

Zudem sollen Neueinstellungen zu deutlich schlechteren Bedingungen erfolgen, was langfristig für alle zu einem deutlich niedrigeren Gehalt führt. Einen entsprechenden Antrag haben im Januar die Bistümer Limburg, Mainz, Fulda, Speyer und Trier – die Caritas-Region Mitte – gemeinsam gestellt. Künftig sollen also in Hessen und Teilen der angrenzenden Bundesländer neu eingestellte Altenpflegerinnen, Mitarbeiter der Hauswirtschaft oder Küche und Reinigungspersonal bis zu 18 Prozent weniger verdienen als ihre Kolleginnen.

Das kann laut Klaus Koch von der Mitarbeiterseite der Region Mitte ein Minus von 300 bis 500 Euro im Monat bedeuten.

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