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Arbeit und Soziales

26. September 2012

Menschen mit Behinderungen: Unternehmen ist Inklusion ein Fremdwort

 Von Stefan Sauer
Bäckerlehrling mit Down-Syndrom.  Foto: dapd

Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf einen Job wie jeder andere auch. Ihre Chancen sind gut. Sie sind gut ausgebildet und hochmotiviert. Aber die meisten Unternehmen grenzen Behinderte lieber aus. Anders eine IT-Firma in Berlin. Dort arbeiten Autisten mit Asperger-Syndrom.

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Die Teilhabe behinderter Menschen an Gesundheit, Bildung und Arbeit ist nach der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 ein Menschenrecht. Der Leitgedanke: „Menschen mit Behinderung gehören von Anfang an mitten in die Gesellschaft.“ Die schönen Worte haben in der Bundesrepublik bisher allerdings kaum etwas bewirkt. Behinderte werden nicht einbezogen, sondern systematisch aussortiert und ausgeschlossen.


Das gilt, trotz gesetzlicher Beschäftigungsvorgaben, auch für weite Teile des Arbeitsmarkts. Zwar sind hiesige Unternehmen mit 20 Mitarbeitern und mehr verpflichtet, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit einem schwerbehinderten Menschen zu besetzen, andernfalls eine monatliche Ausgleichsabgabe zwischen 115 und 290 Euro pro unbesetztem „Pflichtplatz“ fällig ist. Rund 900.000 Schwerbehinderte sind laut Bundesagentur für Arbeit (BA) auf diese Weise beschäftigt, hinzu kamen im August 177.000 Arbeitslose.

Förderung tut nicht nur gut

Allerdings taucht ein erheblicher Teil der derzeit 3,2 Millionen Schwerbehinderten im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren am Arbeitsmarkt gar nicht auf. 300.000 von ihnen sind in Behindertenwerkstätten beschäftigt, fast 100.000 erhalten nach 20 Jahren in der Behindertenwerkstatt eine Rente für volle Erwerbsminderung von zumeist 600 bis 750 Euro,  einige hunderttausend Behinderte sind auf Sozialgeld angewiesen. „Es ist schön, dass unserer Sozialstaat für soziale Sicherheit sorgt, aber ob diese Art der Förderung den Menschen mit Behinderung, der Wirtschaft und der Gesellschaft insgesamt gut tut, bezweifele ich doch sehr“, sagt der Behindertenbeauftrage der Bundesregierung, Hubert Hüppe, dieser Zeitung.

Eingeschränkt

Als schwerbehindert gelten Menschen, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate „von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen“, also deutlich eingeschränkt sind.

Dabei muss ein Grad der Behinderung von mindestens 50 Prozent fachlich festgestellt und amtlich anerkannt worden sein. Dieser Grad erfasst auf einer Skala von 20 bis 100 das Ausmaß der Behinderung.

Die Zahl der Schwerbehinderten in Deutschland nimmt parallel zur Alterung der Gesellschaft zu. 2009 waren sechs Prozent der in Deutschland lebenden Menschen schwerbehindert.

Der CDU-Politiker ist überzeugt, dass Menschen mit Behinderungen auch auf dem regulären Arbeitsmarkt gute Chancen haben. Sie wiesen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ein überdurchschnittliches Ausbildungsniveau auf und seien hochmotiviert.  „Ich möchte Unternehmen von der Anstellung behinderter Mitarbeiter überzeugen, weil das für den Betrieb gewinnbringend sein kann und volkswirtschaftlich sinnvoll ist.“ Dies gelte erst recht in Zeiten heraufziehenden Fachkräftemangels. „Mir geht es darum, die Wirtschaft mit ökonomischen Argumenten zu gewinnen. Gut gemeinte Appelle reichen nicht aus.“

Inklusive Arbeit

Der Behindertenbeauftrage will daher in den kommenden 15 Monaten bundesweit unter der Überschrift „Unternehmen inklusive Arbeit“ in der Wirtschaft für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen werben. Bei der Auftaktveranstaltung  am morgigen Donnerstag in Berlin berichten der Outdoor-Ausrüster Globetrotter und die IngDiba Bank von ihren positiven Erfahrungen, die beide Unternehmen mit der Anstellung behinderter Mitarbeiter gemacht haben. Interessant ist auch das Projekt der Berliner Auticon GmbH, die Autisten mit Asperger-Syndrom im IT-Bereich einsetzt. Bei diesen Menschen sind logisches Denken und Konzentrationsvermögen überdurchschnittlich ausgeprägt, ihre sozialen Fähigkeiten sind dagegen nicht entwickelt. „Als Computerspezialist muss man aber auch kein Partylöwe sein“, sagt Hüppe.

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Die mangelnde Integration behinderter Menschen in das Arbeitsleben hat tief gehende Ursachen, die mit der zwar intensiven, aber stets ausgrenzenden Förderung in Deutschland zu tun hat. Behinderte besuchen eigene Kindergärten und Sonderschulen. Hüppe zählt auf: es gebe Förderschulen für Lernbehinderte mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“;  Kinder mit seelischen Auffälligkeiten etwa einem ausgeprägten Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom würden Schulen mit dem Förderschwerpunkt „emotionale Entwicklung“ zugewiesen; blinde Kinder kämen allen Ernstes auf Schulen mit dem Förderschwerpunkt „Sehen“.

System auf Defizite ausgerichtet

„Das ganze System ist auf die Defizite der behinderten Menschen ausgerichtet, nicht auf ihre Fähigkeiten“. Die Ausgrenzung bewirke überdies, dass die Gesellschaft nicht lerne mit Behinderten normal umzugehen. „Viele scheuen sich, behinderte Menschen anzusprechen, geschweige denn, sie einzustellen“, sagt Hüppe. Entsprechend gestaltet sich die Berufsausbildung. 90 Prozent der Azubis mit Behinderung erhielten in Berufsbildungswerken ihre Qualifikation, im Durschnitt mit 120.000 Euro öffentlicher Mittel gefördert, nur zehn Prozent in Betrieben. Zu solchem Missverhältnis tragen auch  Regelungen bei, die Lehrlinge mit Behinderung schützen sollen, tatsächlich aber ihre betriebliche Ausbildung verhindern. So sollen Unternehmen, die Azubis mit Lernbehinderung einstellen, künftig einen ihrer Mitarbeiter einer 320 Stunden umfassenden Fortbildung in den Fächern Didaktik, Gesundheit und Recht unterziehen. Dass derart praxisferne Vorstöße Ausbildung verhindern, statt sie zu fördern, liegt auf der Hand.

Einem Teil des professionellen Apparates im Behindertenbereich sei das sogar ganz recht, glaubt Hüppe. Man wolle keine Personen, die irgendwann weitgehend oder vollständig allein zu recht kämen, sondern abhängige Schutzbefohlene. Nur so glaube manche Einrichtung, ihre Daseinsberechtigung und öffentliche Finanzierung aufrecht erhalten zu können.

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