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Arbeit und Soziales

24. März 2014

Nebenjob: Zweitjobs auf Rekord-Niveau

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Die Arbeit als Kellner/in in Cafés zählt zu den klassischen Nebenjobs.

Die Zahl der Mehrfach-Beschäftigten hat sich in Deutschland in den vergangenen 25 Jahren mehr als verdreifacht. Mehr als drei Millionen Menschen haben neben ihrem Hauptberuf noch einen Zweitjob.

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Die Zahl der Beschäftigten mit einem Nebenjob hat einen neuen Rekordwert erreicht. Im vorigen Jahr hatten in Deutschland erstmals mehr als drei Millionen Menschen neben ihrem Hauptberuf einen Zweitjob. Die Zahl der Mehrfach-Beschäftigten hat sich damit seit der Wiedervereinigung mehr als verdreifacht auf zuletzt 3,02 Millionen. Das geht aus Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor.

Zur Gruppe der Menschen mit Nebenjob gehören Professoren mit einem Beratervertrag ebenso wie Geringverdiener, die aus finanzieller Not zwei Arbeitsstellen haben. Die meisten, nämlich 2,6 Millionen Menschen, haben neben ihrem Hauptberuf einen Minijob. Mittlerweile üben sieben Prozent aller männlichen Arbeitnehmer zusätzlich einen Minijob aus, bei den Frauen sind es sogar elf Prozent. Gut möglich, dass insbesondere Frauen mit einer Teilzeitstelle ihren Verdienst auf diese Weise aufstocken. Jedenfalls gibt es heute insgesamt deutlich weniger Vollzeitstellen als nach der Wiedervereinigung (siehe Grafik).

Wie viele Menschen aus finanzieller Not nebenher arbeiten, ist nicht bekannt. Das IAB versucht zurzeit, Licht ins Dunkel zu bringen. IAB-Forscher Enzo Weber kann derzeit so viel sagen: „Es gibt Geringverdiener, die aus finanzieller Not einen Zweitjob übernehmen müssen. Der Großteil hat aber einen ordentlich bezahlten Hauptberuf.“

Wenn das stimmt, stellt sich umso drängender die Frage: Warum boomen die Nebenjobs? Auffallend ist, dass die Zahl in den vergangenen elf Jahren besonders stark gestiegen ist. Dies ist fast ausschließlich auf eine Form der Nebentätigkeit zurückzuführen: die Minijobs. Die Zahl der Menschen, die nebenher eine geringfügige Beschäftigung haben, ist seit 2003 von 1,2 auf 2,6 Millionen gestiegen. Dieses Minijob-Wunder hat die rot-grüne Bundesregierung vollbracht: Vor 2003 galt die Regel: Wer ausschließlich einen Minijob hat, muss keine Sozialbeiträge zahlen. Ein Minijob als Nebentätigkeit war dagegen abgabenpflichtig. Diese Vorschrift schaffte Rot-Grün ab. Seither gilt: Wer neben seinem Hauptberuf einen Minijob hat, muss dafür ebenfalls keine Sozialabgaben entrichten. Diese Vergünstigung ist für IAB-Forscher Weber ein „wesentlicher Grund“ für den Zweitjob-Boom.

Kritik an Minijob

Die Politik hat damit einen finanziellen Anreiz geschaffen, eine Nebentätigkeit aufzunehmen. Wer in seinem Hauptberuf Überstunden macht oder die Arbeitszeit aufstockt, muss dafür die üblichen Abgaben leisten. Wer dagegen zusätzlich einen Minijob annimmt, zahlt dafür nichts in die Sozialkassen. Eine solche „Subvention eines zweiten Jobs ist schwer nachvollziehbar“, sagt Weber. Schließlich würden nicht nur Geringverdiener entlastet, die zwei Arbeitsstellen übernehmen müssen, um über die Runden zu kommen. Von der Regelung profitierten auch Gutverdiener mit einer Nebentätigkeit. Warum man dies begünstigt, sei schwer zu begründen.

Dabei sind die Gehälter für Minijobs in aller Regel sehr niedrig. 80 Prozent erhielten zuletzt Niedriglöhne von weniger als 9,30 Euro pro Stunde. Viele Beschäftigte dürften die geringe Bezahlung auch deshalb hinnehmen, weil der Minijob nur ein Zuverdienst zum eigenen Haupteinkommen oder – bei ausschließlich geringfügig Beschäftigten – zum Einkommen der Familie ist.

In einzelnen Branchen arbeiten mittlerweile extrem viele Minijobber, sei es als Neben- oder Haupttätigkeit. Im Gesundheits- und Sozialwesen sind rund 760 000 geringfügig Beschäftigte tätig, im Gastgewerbe 870 000 und im Einzelhandel 970 000. Damit profitieren diese Wirtschaftszweige massiv von dieser staatlich geförderten Beschäftigungsform. Ohne die subventionierten und schlecht bezahlten Minijobs würden diese Branchen nicht mehr funktionieren.

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