Damit hätten Wirtschaft und Gesellschaft die Chance verpasst, kräftig in Nachwuchs zu investieren, so IG-Metall-Bildungsfachmann Klaus Heimann. „Wenn man auf Innovation und Wachstum setzt, braucht man aber Fachkräfte.“
Bundesweit wurden 2010 rund 560.000 neue Ausbildungsverträge geschlossen – 0,8 Prozent weniger als zuvor, so das Bundesinstitut für Berufsbildung. „Die Hoffnung, dass der starke Wirtschaftsaufschwung, gepaart mit der Fachkräftedebatte, zu einem Aufwuchs bei den Ausbildungsverträgen führen würde, hat sich nicht erfüllt“, kritisiert Heimann in einer IG-Metall-Analyse zum Lehrstellenmarkt 2010, die der Frankfurter Rundschau vorliegt.
Die Wirtschaft lasse damit ein „Riesenpotenzial“ brachliegen. So suchten Ende September noch rund 85.000 Jugendliche eine Lehrstelle. Insgesamt hätten sogar 1,5 Millionen junge Menschen unter 30 Jahren keinen Berufsabschluss, so Heimann. Auch die Metall- und Elektroindustrie habe Tausende „schnöde zurückgewiesen“. So hätten sich 196000 Menschen für Fertigungsberufe wie Mechaniker oder Elektroniker interessiert. Doch die Firmen hätten nur 178.000 Lehrstellen angeboten. „Die Metallarbeitgeber stehlen sich aus der eigenen Verantwortung und bereiten sich nicht auf die zukünftigen knapperen Arbeitsmärkte vor.“
Arbeitgeber lesen die Zahlen anders
Die Arbeitgeber weisen die Vorwürfe zurück. Sie betonen, dass die Zahl der betrieblichen Ausbildungsverträge immerhin um 0,1 Prozent gestiegen ist. Geschrumpft ist also nur die Zahl der öffentlich geförderten Lehrstellen. Zudem hätten viele Unternehmen bereits vor einem Jahr entschieden, wie viele Azubis sie einstellen. Und damals habe die Wirtschaft noch in der Krise gesteckt, betont Tanja Nackmayr, Bildungs-Fachfrau bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Obendrein hätten viele Firmen inzwischen Schwierigkeiten, genug geeignete Leute zu finden. Deshalb müsse die Ausbildungsreife und Berufsorientierung von Schülern verbessert werden, so Nackmayr.
Die Metall-Arbeitgeber bewerten die stabile Lehrstellenzahl als „ordentliche Leistung“. Angesichts der Arbeitsmarktlage hätten sich die Firmen vorsichtig verhalten, erläutert Gesamtmetall-Geschäftsführer Michael Stahl. Die Gewerkschaft hält die Stagnation für unzureichend, denn im Krisenjahr 2009 gab es extrem wenige Lehrstellen. „Darauf kann man sich nicht ausruhen“, so Heimann. Für Firmen werde es zwar schwieriger, Lehrstellen zu besetzen, weil die Zahl der Schulabgänger sinkt und mehr Abiturienten ein Studium anstreben. Jedoch „entwickeln kluge Betriebe eine Doppelstrategie“: Sie drängten auf bessere Schulen und förderten Jugendliche mit Defiziten.
Genau das tun schon viele Firmen, zeigt eine Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft. Danach bieten 37 Prozent der Firmen, die Azubis mit Hauptschulabschluss haben, zumindest einem Teil der Leute Nachhilfe an.
Und wie geht es 2011 weiter? „Ich bin sicher, dass es im nächsten Jahr deutliche Zuwächse gibt“, verspricht Gesamtmetall-Geschäftsführer Stahl. Die IG Metall meint: Insgesamt seien 600000 Lehrstellen nötig, und damit rund sieben Prozent mehr als in diesem Jahr.