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Arbeit und Soziales

06. Januar 2016

Praktiker: Katastrophe mit gutem Ausgang

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Hier geht’s raus: Rund 15 000 Mitarbeiter hatten in Deutschland infolge der Pleite von Praktiker ihren Arbeitsplatz verloren.  Foto: rtr

Vor zwei Jahren verlieren 15 000 Beschäftigte der Baumärkte von Praktiker und Max Bahr ihren Job. Forscher erkunden, was aus ihnen geworden ist.

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Im Herbst 2013 steht endgültig fest, dass die insolvente Baumarkt-Kette Praktiker nicht mehr zu retten ist. Die Konkurrenz ist zu groß, es gibt zu viele Baumärkte, die Läden müssen schließen. Wenige Monate später folgt das Aus für Tochter Max Bahr. Insgesamt verlieren rund 15 000 Menschen ihren Job. Was aus den Leuten geworden ist, war lange Zeit unklar. Nun haben Forscher etwas Licht ins Dunkel gebracht. Sie haben Ex-Beschäftigte befragt und stellen heute eine Studie vor, deren zentralen Ergebnisse dieser Zeitung vorliegen.

Nach der Pleite der Baumärkte von Praktiker und Max Bahr setzen der Betriebsrat und die Gewerkschaft Verdi durch, dass Transfergesellschaften eingerichtet werden, die den Entlassenen bei der Suche nach einer neuen Stelle helfen sollen. 8200 Ex-Beschäftigte durchlaufen ein sogenanntes Profiling, bei dem ihre Ausbildung und ihre Berufswünsche erkundet werden, berichtet Gernot Mühge, Geschäftsführer des Helex-Instituts, das die Praktiker-Studie verfasst hat. Rund 7600 Männer und Frauen entscheiden sich anschließend, in eine Transfergesellschaft zu wechseln. Es sind ausschließlich Leute, die in den Baumärkten eine sozialversicherungspflichtige Stelle hatten. Die rund 5000 Minijobber haben keinen Anspruch auf die Leistungen der Transfergesellschaften, weil sie nicht arbeitslosenversichert sind.

Ralf Ninnemann hat im Berliner Max-Bahr-Markt als Verkäufer gearbeitet. Für ihn haben Transfergesellschaften klare Vorteile: Man komme relativ einfach an Bildungsangebote heran, sei nicht arbeitslos und habe mehr Geld. So erhielten die 7600 ehemaligen Baumarkt-Mitarbeiter einen befristeten Arbeitsvertrag, der maximal über sechs Monate lief. Von der Bundesagentur für Arbeit gab es Kurzarbeiter-Geld in Höhe des Arbeitslosengeldes. Hinzu kam ein Zuschuss, der aus der Insolvenzmasse finanziert wurde, so dass die Leute 75 bis 80 Prozent ihres früheren Nettogehalts erhielten. Die Gläubiger akzeptierten diesen Zuschuss, um sicherzustellen, dass es genug motivierte Beschäftigte gibt, die den Abverkauf der restlichen Waren organisieren.

So konnten Träger der Transfergesellschaften in der ganzen Republik Büros eröffnen und mit den Entlassenen besprechen, welche Hilfe sie brauchen, ob ein Bewerbungstraining oder eine Fortbildung sinnvoll ist.

Das Bochumer Helex-Institut kommt nun in seiner Studie zu dem Schluss, dass die Transferträger insgesamt einen guten Job gemacht haben: „Sie haben dem Großteil der Betroffenen neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt eröffnet.“ So ergab eine Befragung von Transfer-Teilnehmern, dass im Frühjahr 2015 rund 68 Prozent der Leute eine neue sozialversicherungspflichtige Stelle hatten oder selbstständig waren. Rund 25 Prozent waren weiterhin arbeitslos oder in Umschulungen. 3,3 Prozent bezogen Rente, relativ wenige fanden lediglich einen Minijob. Die Vermittlungsquote sei ein Erfolg angesichts der relativ kurzen Transfer-Zeit von maximal sechs Monaten, sagt Marco Steegmann von der Gewerkschaft Verdi, der die Praktiker-Beschäftigten damals betreute. Beim Gehalt mussten etliche allerdings Einbußen hinnehmen: 52 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mit der neuen Arbeit weniger verdienen als zuvor. 25 Prozent haben sich finanziell verbessert.

Ralf Ninnemann wurde von der Bauhaus-Kette eingestellt, die in Berlin den Max-Bahr-Standort übernahm. Einige seiner ehemaligen Kollegen fingen hingegen nicht in der Filiale in Niederschöneweide an, erzählt Ninnemann. Manche wollten nicht, zudem gab es für die rund 60 Stellen Tausende Bewerbungen – es gab also schlicht viel mehr Interessenten als Stellen. Manche Berliner Max-Bahr-Leute seien an anderen Bauhaus-Standorten untergekommen oder in anderen Unternehmen, als Sachbearbeiter in Büros zum Beispiel. Einige wenige fanden laut Ninnemann keine Stelle, er erinnert sich etwa an zwei ältere, behinderte Menschen, die seines Wissens keinen neuen Job gefunden haben.

Erstaunlich ist, dass sich in der Helex-Befragung die meisten ehemaligen Praktiker- und Max-Bahr-Beschäftigten positiv über die Transfergesellschaft äußerten –  und zwar unabhängig davon, ob sie erwerbstätig waren oder nicht. So erklärten rund 70 Prozent der Arbeitslosen, sie seien ganz oder eher zufrieden mit ihrem Transfer-Berater. Unter den Beschäftigten waren es mit 69 Prozent sogar etwas weniger.

Für viele Beschäftigte sei die Entlassung ein Schock, erklärt Helex-Chef Mühge. Manchmal gerate die Ehe in eine Krise, manchmal wüssten die Leute nicht mehr, wie sie ihr Haus abbezahlen sollen. Die Transfer-Berater könnten auf diese Probleme eingehen und die Leute in Ruhe beraten. Das würden die Teilnehmer honorieren.

Viele Entlassene hätten zudem Angst, dass sie sofort nach dem Stellenverlust unter Druck gesetzt werden. Sie würden dann schnell erfahren, dass dies in der Transfer-Gesellschaft nicht geschieht. Die Leute müssten zum Beispiel nicht den erstbesten Job annehmen, auch wenn er viel schlechter bezahlt ist. Für Arbeitslose gelten schärfere Regeln: Laut Gesetz ist nach drei Monaten Arbeitslosigkeit eine Stelle zumutbar, die 30 Prozent niedriger vergütet wird als die vorherige Arbeit.

Mühge hält es für sinnvoll, dass die Leute in Transfer-Gesellschaften frei von Sanktionsdrohungen beraten werden können. Denn: „Mit Druck motiviert man Jobsuchende nicht.“

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