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Arbeit und Soziales

03. August 2014

Rente: "Eine Regelung passt nicht für alle"

 Von 
Arbeitgeber wollen Fachkräfte gern über das Alter von 67 hinaus in den Betrieben halten. Hier ein älterer Mitarbeiter in einer Firma für Maschinenbauteile.  Foto: Imago

Nach der Verabschiedung des Rentenpakets ist es ruhig geworden um die schwarz-roten Sozialreformen. Aber die große Koalition hat ihr Pflichtenheft noch nicht abgearbeitet. SPD-Fraktionsvize Carola Reimann spricht über gleitende Übergänge in die Rente ab 60 und lebenslanges Arbeiten.

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Nach der Verabschiedung des umstrittenen Rentenpakets ist es ruhig geworden um die schwarz-roten Sozialreformen. Aber die große Koalition hat ihr Pflichtenheft noch nicht abgearbeitet. Ihr Ziel: Die Übergänge zwischen Arbeitsleben und Ruhestand sollen insgesamt flexibler werden. Im FR-Interview erläutert die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Carola Reimann die Pläne für eine attraktivere Teilrente, für Arbeitszeitkonten und altersgerechte Jobs.

Frau Reimann, bei der Einführung der Rente mit 63 hat die Koalition vereinbart, nach Möglichkeiten zu suchen, den Übergang in den Ruhestand zu flexibilisieren. Ist das ein Placebo für den Wirtschaftsflügel der Union, der auf eine längere Beschäftigung dringt?
Dieser Eindruck ist falsch. Schon im Koalitionsvertrag haben wir verabredet, dass wir über flexible Übergänge reden. Außerdem gibt es bereits in dem vom Bundestag verabschiedeten Rentenpaket eine Regelung, die es erleichtert, bestehende Arbeitsverhältnisse über die Regelaltersgrenze hinaus zu verlängern, wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber das wollen.

Erst ermöglichen Sie langjährig Beschäftigten, schon mit 63 Jahren abschlagsfrei aus dem Job auszuscheiden. Jetzt reden Sie in einer Koalitionsarbeitsgruppe über eine mögliche Verlängerung der Erwerbstätigkeit im Alter. Plagt Sie das schlechte Gewissen?
Nein, wir haben kein schlechtes Gewissen. Wir wollen eine Angebotsvielfalt. Die Menschen sind verschieden, die Branchen sind unterschiedlich, die Ansprüche an den Übergang vom Arbeits- zum Rentnerleben wandeln sich. Eine Regelung passt nicht mehr für alle.

War die von Ex-Minister Franz Müntefering beförderte Rente mit 67 also ein Fehler?
Grundsätzlich war diese Reform richtig. Wenn wir alle länger leben, werden wir auch länger arbeiten müssen. Das einzige, was aus meiner Sicht unglücklich war, ist die mangelnde Differenzierung. Es gibt durchaus Menschen, die gerne über die gesetzliche Altersgrenze hinaus im Job bleiben möchten. Andere schaffen es einfach nicht bis 67. Dafür müssen wir Lösungen anbieten.

Gegen Flexibilisierung hat ja niemand etwas. Allerdings stellen sich die Gewerkschaften darunter vor, dass man schon mit 60 Jahren aus dem Job raus kann. Die Arbeitgeber wollen die Fachkräfte hingegen gerne über 67 hinaus in den Betrieben halten. Wie passt das zusammen?
Beides wird möglich sein müssen. Wir wollen, dass jeder früher aufhören, aber auch länger arbeiten kann – abhängig von der Situation am Arbeitsplatz und der individuellen Leistungsfähigkeit.

Klingt gut. Aber wie soll das funktionieren?
Wir wollen die Teilrente flexibilisieren. Im Moment kann man die erst mit 63 Jahren in Anspruch nehmen. Ich sehe keinen Grund, warum das nicht auch früher gehen soll . . .

. . . das heißt beispielsweise: Ein 60-Jähriger könnte sich entscheiden, nur noch halbtags zu arbeiten und dafür schon seine halbe Rente zu beziehen?
So in etwa. Allerdings sind im Moment die Höhe der Teilrente und die Hinzuverdienstgrenzen sehr starr. Wer nur ein bisschen davon abweicht, der hat unter Umständen große Verluste. Das ist total unattraktiv. Deswegen wollen wir die Stufen kleiner machen und ermöglichen, dass man 30, 40, 50, 60 oder 70 Prozent Rente in Anspruch nehmen kann. Gleichzeitig sollen die Hinzuverdienstgrenzen gelockert werden. So wollen wir die Übergänge geschmeidiger machen.

Carola Reimann (SPD) vermisst altersgerechte Arbeitsplätze für die, die länger arbeiten wollen.  Foto: SPD

Ein Problem bleibt: Wer seine Rente schon vorzeitig in Anspruch nimmt, der muss lebenslang erhebliche Abschläge hinnehmen.
Das stimmt. Wir prüfen gerade zusammen mit dem Ministerium, wie man das kompensieren kann. Denkbar wäre etwa, dass die Beschäftigten in jüngeren Jahren Arbeitszeit ansparen und dann einsetzen. Oder man könnte Betriebsrenten oder freiwillige Beiträge dafür verwenden. Klar ist, dass die Lösung für die Rentenkassen keine neue Belastung verursachen darf.

Wie wollen Sie es umgekehrt für Arbeitnehmer attraktiver machen, freiwillig länger zu arbeiten?
Zunächst einmal: Es ist schon heute sehr attraktiv, über die Regelaltersgrenze hinaus zu arbeiten. Das bringt pro Jahr sechs Prozent mehr Rentenanspruch zusätzlich. Das ist eine ganze Menge. Aber auch davor kann Arbeiten attraktiver werden, wenn wir die Hinzuverdienstgrenzen flexibilisieren und großzügiger ausgestalten.

Aus der Wirtschaft kommt die Forderung, Beschäftigte jenseits der Altersgrenze von der Beitragspflicht zur Renten- und Arbeitslosenkasse zu entbinden.
Darüber werden wir sprechen müssen. Aber die Regelung muss bezahlbar sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir auf die Rentenbeiträge verzichten.

Gibt es denn überhaupt genug altersgerechte Arbeitsplätze?
Das ist ein wichtiger Punkt. Wir wollen nicht nur den engen Bereich der Rente anschauen. Mein Ziel ist es, dass wirklich alle, die länger arbeiten wollen, auch im höheren Alter oder bei gesundheitlicher Beeinträchtigung in den Betrieben Möglichkeiten vorfinden, die ihnen das ermöglichen. Da geht es etwa um betriebliche Gesundheitsvorsorge, um Arbeitsorganisation und um Stress. Es gibt gute Beispiele für altersgerechte Arbeitsplätze in der Wirtschaft, aber in der Fläche ist das noch sehr zaghaft.

Wie optimistisch sind Sie, dass die große Koalition eine Einigung zur Rentenflexibilisierung hinbekommt?
Wir haben im Koalitionsvertrag eine größere Variabilität bei den Zugängen verabredet. Beide Seiten sind motiviert, etwas zu tun. Deshalb bin ich guter Dinge, dass wir uns im Herbst auf konkrete Vorschläge einigen, die wir dann mit den Sozialpartnern diskutieren wollen. Zum Jahresende wäre dann klar, was im Gesetzgebungsverfahren umgesetzt werden soll.

Interview: Karl Doemens

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