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Rente als Generationenfrage: "Die Jüngeren sind benachteiligt"

Ursula Lehr, die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, warnt vor der Altersarmut der heute 50-Jährigen. Bei Riesterrenten sieht sie einen großen Nachbesserungsbedarf.

        

Ursula Lehr, Gerontologin  und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (Bagso).
Ursula Lehr, Gerontologin und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (Bagso).
Foto: DPA

Der Regierungsdialog Rente wirft ein Schlaglicht auf das Thema Altersarmut. Sehen Sie darin vor allem ein Problem der Zukunft oder ist es schon heute aktuell?

Heute ist echte Altersarmut noch relativ selten, aber es gibt sie. In der Zukunft kann sie zu einem Problem werden. Wir dürfen heute nicht jeden, der nur eine kleine Rente hat, dazuordnen. Manche Ehefrau, die nur wenige Jahre berufstätig war und mit der Heirat ihren Beruf aufgegeben hat – wie das bei heutigen Seniorinnen, besonders im Westen, ja oft üblich war – hat eine Minimalrente und wird dazugezählt. Dass sie nebenbei einen wohlhabenden Mann und ein eigenes Haus hat, wird in manchen Statistiken nicht beachtet. Dennoch, auch heute gibt es echte Altersarmut.

Eine aktuelle DIW-Analyse der Einkommensverteilung zeigt, dass das generelle Armutsrisiko für Ältere in den vergangenen zehn Jahren etwa gleichgeblieben ist, während es für die Gesamtbevölkerung gestiegen ist. Ist die Sorge vor der Altersarmut übertrieben?

Die Sorge ist gewiss nicht übertrieben. Die heute 50- bis 60-Jährigen haben kaum noch Zeit, für die sogenannte 3. Säule, die private Vorsorge, anzusparen.

Wer ist tatsächlich von Altersarmut bedroht?

Die Jahrgänge, die nicht von Mitte zwanzig – oder besser von Beginn ihrer ersten Festanstellung an – ansparen konnten, die unterbrochene Erwerbsbiografien haben, wie viele rentennahe Jahrgänge in Ostdeutschland und Beschäftigte im Niedriglohnsektor, die nur geringe Rentenanwartschaften ansparen konnten. Zum anderen viele Alleinerziehende, vor allem Frauen. Aber auch Scheidungsväter werden sich – vor allem, wenn sie mehrmals geschieden sind – im Alter einschränken müssen. Und schließlich sind alle, die Erwerbsminderungsrenten beziehen, betroffen, da deren Höhe erheblich gekürzt wurde.

Und wie kann man dem vorbeugen?

Unser Verband, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, fordert die Rückkehr zu einer lohnorientierten Rentenanpassungsformel. Diese Anbindung wurde durch verschiedene Kürzungsfaktoren deutlich aufgeweicht. Außerdem müssen die Leistungen bei Erwerbsminderungsrenten verbessert werden. Schließlich müssen die betriebliche und die private Vorsorge für alle wirksam ausgebaut werden.

Ist die Riesterrente kein probates Mittel ?

Fest steht, dass die Riesterrente von den gut Verdienenden gut angenommen wird, von den schlecht Verdienenden weniger oder gar nicht. Der Rentenexperte Winfried Schmähl spricht daher zu recht von Mitnahmeeffekten. Aus sozialpolitischer Sicht besteht in jedem Fall Nachbesserungsbedarf. Ein Problem ist, dass noch immer viele das Alter gern verdrängen – und sich deshalb auch zu wenig um die finanzielle Vorsorge kümmern, ob es nun um Rente oder um die Pflege geht.

Wer Grundsicherung im Alter erhält, sei nicht arm, heißt es. Sie gewährleiste eine würdige und unabhängige Existenz. Können Sie dem zustimmen?

Ich möchte vor allem betonen, dass derjenige, der gearbeitet hat, später mehr haben muss als derjenige, der nicht gearbeitet hat. Das heißt, dass derjenige, der Jahre lang berufstätig war, im Alter deutlich mehr haben sollte als eine Grundsicherung.

Ihr Verband setzt sich für den Dialog der Generationen ein. Wird die wachsende Gefahr der Altersarmut diesen Dialog in Zukunft bestimmen?

Es wäre traurig, wenn Generationen nur über diese finanziellen Aspekte in einen Dialog treten würden! Die finanzielle Absicherung künftiger Generationen sollte aber ein Thema unter vielen sein. Tatsache ist nun einmal: die heutigen Rentner haben in ihrem Berufsleben nicht so lange für vorherige Generationen aufkommen müssen, weil diese früher verstorben sind. Die jüngeren Generationen sind deshalb benachteiligt. Eine längere Lebensarbeitszeit ist notwendig. Allerdings brauchen wir eine Flexibilität der Altersgrenzen. Derjenige, der schon mit 18 auf dem Bau gearbeitet hat, sollte früher bei voller Rente aufhören können als Juristen, Psychologen oder Soziologen, die erst nach dem 30. Lebensjahr ins Berufsleben eingetreten sind.

Das Gespräch führte Katja Tichomirowa

Datum:  7 | 9 | 2011
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