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Arbeit & Soziales
Kurzarbeit, Jobabbau, Hartz IV

18. Dezember 2012

Rente: Armut im Alter steigt nur wenig

 Von Stefan Sauer
Ältere sind auch künftig seltener mittellos als andere Bevölkerungsgruppen, sagt der Wissenschaftliche Beirat.Foto: dapd

Die alarmierende Botschaft Ursula von der Leyens lautet: Ohne Zuschussrente wird Altersarmut zum Massenphänomen. Wissenschaftler widerlegen nun die These von der Verelendung künftiger Rentnergenerationen.

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Ursula von der Leyen hat in diesem Sommer getan, was sie besonders gut kann: Die Bundesministerin für Arbeit und Soziales hat medienwirksam für ein politisches Anliegen geworben. Es ging um die Zuschussrente für langjährig beschäftigte Kleinverdiener. Deren Notwendigkeit begründete die CDU-Politikerin mit der eingängigen These, selbst nach 35 Arbeitsjahren und einem Monatsbruttoeinkommen von 2 500 Euro im Monat kämen Neurentner ab 2030 lediglich auf eine Rente in Höhe der Grundsicherung von etwa 690 Euro. Die alarmierende Botschaft lautete: Ohne Zuschussrente wird Altersarmut zum Massenphänomen.

Dass die Botschaft mittlerweile geglaubt wird, belegt eine aktuelle Umfrage des Münchner Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik. Danach gehen inzwischen 38 Prozent der deutschen Haushalte davon aus, dass sie im Ruhestand auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein werden. Das ist reichlich absurd: Die Hälfte der Pessimisten hatte zum Zeitpunkt der Befragung bereits Rentenanwartschaften erworben, die ihnen Altersbezüge über dem Grundsicherungsniveau garantierten. Hat Frau von der Leyen mithin Panikmache betrieben, um ihre in letzter Zeit mäßigen Popularitätswerte zu liften?

Axel Börsch-Supan, Professor für Wirtschaftswissenschaften in Mannheim und seit Jahrzehnten mit Rentenfragen befasst, würde sich einer solchen Unterstellung schon aus Fragen des Stils enthalten. Als er aber am Dienstag gemeinsam mit seinem Kölner Professorenkollegen Achim Wambach das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium zum Thema Altersarmut vorlegt, kann Börsch-Supan seine Verärgerung über die Äußerungen der Ministerin nicht verbergen: „Das hat der Debatte ungeheuer geschadet.“

Alleinerziehende viel gefährdeter

Börsch-Supan legt Daten vor, die das Katastrophenszenario verarmter Rentnergenerationen in profunder Weise widerlegen. Ältere sind demnach sehr viel seltener von Armut betroffen als andere Bevölkerungsgruppen. Derzeit beziehen nur 2,6 Prozent der über 65-Jährigen Grundsicherung, während 7,4 Prozent der Gesamtbevölkerung auf die gleich hohen Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind. Mit Monatseinkünften von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens gelten zwar 15,4 Prozent der über 65-Jährigen als armutsgefährdet. In der Gesamtbevölkerung aber sind es knapp 20 Prozent, von den Alleinerziehenden 37, von Alleinerziehenden mit Migrationshintergrund gar 49 Prozent. Auch in der Altersgruppe zwischen 18 und 25 befinden sich mit 22,4 Prozent (mit Migrationshintergrund 28,5 Prozent) deutlich mehr armutsgefährdete Personen als gerade unter den Alten.

Und dies wird auf absehbare Zeit so bleiben, trotz Niedriglohnsektor und Arbeitslosigkeit. Börsch-Supan legt für seine Berechnung absichtsvoll pessimistische Annahmen zugrunde. Doch selbst bei durchschnittlich zehn Jahren Hartz-IV-Bezug, stagnierenden Einkommen im Osten, und stärkeren Abschlägen für Frührentner durch die Rente mit 67 werden im Jahr 2030 lediglich fünf Prozent der über 67-Jährigen auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein. Ein solcher Anstieg bereite fraglos Sorge, so Börsch-Supan. Insbesondere in Ostdeutschland werde das Niveau der gesetzlichen Renten durch die hohe Arbeitslosigkeit zwischen 1990 und 2005 deutlich sinken (siehe Grafik). Von einer explosionsartigen Ausbreitung der Altersarmut könne aber nicht die Rede sein.

In frühkindliche Bildung investieren

Ebenfalls irrig sei die Annahme, mit Hilfe eines allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns von unter zehn Euro Altersarmut wirksam zu begegnen. Um Altersbezüge von monatlich 850 Euro zu erhalten – dem Niveau der Zuschussrente von der Leyens – müsste der Mindestlohn im Westen 14,40 und im Osten 16,20 Euro betragen. In dieser Höhe werde ein Mindestlohn mit Sicherheit zu massivem Arbeitsplatzabbau führen – und damit zu sinkenden Einnahmen der Rentenversicherung, geringeren Rentenanwartschaften und vermehrter Altersarmut.

Auch die politischen Forderungen nach Solidar-, Garantie-, Zuschuss- oder Lebensleistungsrenten zielen nach Ansicht des Beirats in die falsche Richtung. Börsch-Supan: „Weil wir jeden Euro nur einmal ausgeben können und die Mittel knapp sind, sollten wir dort investieren, wo es am nötigsten ist: in frühkindliche Bildung, in Integration von Migranten, in berufliche Aus- und Weiterbildung, in Maßnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit.“ Dies lindere auch Altersarmut viel wirksamer als vergleichsweise teure Sozialtransfers.

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