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Arbeit und Soziales

21. April 2014

Rente mit 63: Vergiftetes Erbe

 Von 
Einen Euro Arbeitslohn für sich selbst, zwei für den Opa? Azubis in Oberursel.  Foto: Michael Schick

In den kommenden Jahren sinkt die Zahl der Erwerbstätigen wohl so stark wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Rente mit 63 verschärft das Problem, der Druck auf die Rentenkasse steigt.

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Seit Wochen konzentriert sich die Debatte um die Rente mit 63 auf die Frage, ob sie als gerechter Ausgleich für jahrzehntelange Arbeit zu begrüßen sei oder ob sie den drohenden Fachkräftemangel durch Frühverrentungsanreize noch verschärfen würde. Kurioserweise spielt das zentrale Argument, das die erste große Koalition unter der Bundeskanzlerschaft Angela Merkels 2006 für die damalige Einführung der Rente mit 67 ins Feld führte, derzeit so gut wie keine Rolle mehr.

Dabei hat sich nämlich am Sachstand seither nichts geändert: Die deutsche Bevölkerung altert rapide und das hat tiefgreifende Konsequenzen für die sozialen Sicherungssysteme dieses Landes. Ganz besonders, nämlich von zwei Seiten, gerät dabei die umlagefinanzierte gesetzliche Rente unter Druck.

Einerseits werden die Menschen immer älter und beziehen daher länger Rente. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg seit 1960 für Frauen wie auch für Männer um rund elf auf 83 und 78 Jahre an.

Frauen, die heutzutage das 65. Lebensjahr erreichen, werden im Schnitt sogar 86 Jahre alt, Männer erreichen mittlerweile das Alter von durchschnittlich 83 Jahren. Bis zum Jahr 2030, so prognostizieren es Bevölkerungswissenschaftler, werden 88 und 85 Jahre erreicht.

Für die Rentenkassen bedingt diese Alterung milliardenschwere Mehrausgaben, die von den Beitragszahlern, also sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und Arbeitgebern, finanziert werden müssen.

Die künftige Generation wird mehr Geld zur Erhaltung des Rentensystems ausgeben müssen.  Foto: rtr/Symbolbild

Derzeit ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt zwar günstig, die Beiträge fließen in die Sozialkassen, doch auch künftig sind Wirtschaftskrisen und damit niedrigere Einzahlungssummen wahrscheinlich.

Zudem wird die Zahl der Erwerbspersonen in den kommenden Jahren so stark sinken wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Denn die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1970 scheiden allmählich aus dem Arbeitsleben aus. Auf dem Höhepunkt des Babybooms in Deutschland kamen 1964 fast 1,36 Millionen Kinder zur Welt. Sie erreichen im Jahresverlauf 2031 das gesetzliche Renteneintrittsalter von dann nunmehr 67 Jahren.

Dem Arbeitsmarkt werden 2030 aber deutlich schmalere Jahrgänge zur Verfügung stehen als heute. Die Zahl der jährlichen Geburten sinkt zwar seit einigen Jahren nicht weiter, liegt aber bei nur noch 680 000 Kindern. Folge: Der „Pillenknick“ wird für die Babyboomer-Renten aufkommen müssen.

Wie sehr steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten kommende Generationen belasten werden, verdeutlicht der Altenquotient: Im Jahr 2010 kamen auf 100 Bundesbürgern im Alter zwischen 20 und 60 Jahren 47,8 Personen über 60 Jahren. Bis zum Jahr 2050 steigt dieser Wert dann auf rund 85 Menschen.

Arbeitnehmer und ihre Arbeitgeber werden durch die Rentenfinanzierung folglich viel stärker belastet als die heutigen Beitragszahler. Vor diesem Hintergrund erscheint die Rente mit 67 nicht als Folterinstrument neoliberaler Wüstlinge, sondern als Versuch, sowohl die Beitragssatz- als auch die Rentenhöhe erträglich zu gestalten.

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Diesem Ansatz widerspricht die abschlagsfreie Rente mit 63 eklatant, denn sie belastet kommende Generationen zugunsten heutiger. Überdies vermindert die Altersteilzeit, die schon heute hunderttausendfach in Anspruch genommen wird, das reale Renteneintrittsalter um weitere Jahre.

Wer mit 59 vier Jahre Altersteilzeit vereinbart, kann künftig am Ende der aktiven Phase mit 61 faktisch in den Ruhestand treten und ab 63 abschlagsfrei Altersrente beziehen. Der seit Jahren spürbare – und allseits erwünschte – Anstieg des Renteneintrittsalters könnte so zum Stillstand kommen.
Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen sie ihre Kinder oder Enkel, in 20 Jahren.

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