Arbeit & Soziales
Kurzarbeit, Jobabbau, Hartz IV

09. August 2010

Rente mit 67: Ältere sind wieder gefragt

 Von Karl Doemens, Damir Fras und Markus Sievers
Arbeit für Senioren: Diese Frau arbeitet halbtags in einem Textilgeschäft. Foto: picture-alliance/ dpa

Die Bundesagentur sieht eine Trendwende am Arbeitsmarkt − die Zahl älterer Beschäftigter stieg bis Dezember 2009 auf über sieben Millionen.

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Berlin –  

Die beruflichen Chancen von Älteren sind deutlich besser als von SPD-Chef Sigmar Gabriel und anderen Kritikern der Rente mit 67 unterstellt. Wie Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigen, stieg die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung der 50- bis 65-Jährigen bis Dezember 2009 auf über sieben Millionen. Das sind fast 300000 mehr als zwölf Monate zuvor und über eine Millionen mehr als drei Jahre zuvor. Dagegen hatte Gabriel am Wochenende erklärt, er wolle das Gesetz über die Rente mit 67 aussetzen, wenn die Erwerbsquote der über 60-Jährigen so gering bleibe wie heute.

„Die Älteren sind in den vergangenen zehn Jahren eindeutig die Gewinner am Arbeitsmarkt“, sagte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) der FR. Das BA-eigene Forschungsinstitut IAB sprach von einer „Trendwende“ am Arbeitsmarkt für Ältere. Die OECD kommt in einem internationalen Vergleich zu dem Ergebnis, dass die Bundesrepublik mit den Beschäftigungsquoten für Ältere ihren Rückstand weitgehend aufgeholt hat und auf einen höheren Wert kommt als der Schnitt der EU. Demnach waren 2008 hierzulande 54 Prozent der 55- bis 64-Jährigen berufstätig, rund die Hälfte mehr als 1994. Allerdings lag der Anteil der Beschäftigten an allen Älteren noch niedriger als in den USA oder europäischen Vorzeigeländern wie Schweden und Großbritannien.

In der SPD wird die Einführung der Rente mit 67 durch die damalige große Koalition als eine Ursache für die Niederlage bei der Bundestagswahl ausgemacht. Deswegen drängt SPD-Chef Gabriel seine Partei zu einer Abkehr von dem Gesetz, als dessen geistiger Vater der frühere SPD-Parteichef Franz Müntefering gilt. Die Regelung, die 2012 in Kraft treten soll, wird unter Sozialdemokraten als „starr, bedrohlich, realitätsfern und unehrlich“ angesehen.

Rückendeckung aus dem linken SPD-Flügel

Nun verwies Gabriel auf die schlechten Berufsaussichten der Menschen kurz vor dem Ruhestand und erhielt flügelübergreifend Unterstützung. Der frühere SPD-Chef und rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck kritisierte am Montag indirekt Münteferings Rolle in der Entstehungsgeschichte des Gesetzes. „Ich bin schon froh, dass man jetzt über solche Fragen wieder reden kann“, sagte Beck. Statt „Fallbeil-Lösungen“ müsse es Lösungen geben, „die dem Arbeitsmarkt gerecht werden, damit nicht de facto nur Rentenkürzungen herauskommen“, forderte Beck.

Auch der Sprecher des linken Flügels in der SPD gab Gabriel Rückendeckung. „Viele in der Parlamentarischen Linken begrüßen es, dass Gabriel einen vernünftigen Weg vorschlägt“, sagte Ernst Dieter Rossmann der FR. Es müsse erst eine altersgerechte Erwerbsgesellschaft entstehen, bevor ein späteres Renteneintrittsalter gesetzlich festgeschrieben werde. In der SPD heißt es, der Parteitag im September werde dem von Gabriel skizzierten Kompromiss folgen. Demnach soll das Gesetz nur ausgesetzt werden, bis eine angemessene Beschäftigungsquote erreicht ist, deren Höhe noch unklar ist. Damit könnte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier leben, der eine grundsätzliche Abkehr ablehnt.

Die Regierungskoalition wird allerdings an der Rente mit 67 festhalten. „Angesichts des demografischen Wandels gibt es zur Rente mit 67 keine Alternative“, sagte Peter Weiß, Chef der Arbeitnehmergruppe in der Unionsfraktion, der FR. Der SPD warf er „Populismus“ vor. „Den Sozialdemokraten geht es nicht um die Sache, sondern um ihren Parteitag“, meinte Weiß.

Andere Einstellung bei den Arbeitgebern

Den anhaltenden Aufwärtstrend bei der Beschäftigung Älterer erklärte das BA-eigene Forschungsinstitut IAB mit politischen Korrekturen, so der Einschränkung der Frühverrentung und den Hartz-Reformen. Geholfen hat laut DIW-Ökonom Karl Brenke auch eine andere Einstellung bei den Arbeitgebern. „Die Unternehmen kommen weg vom Jugendkult, weil sie angesichts des Fachkräftemangels die erfahrenen Leute brauchen“, meinte Brenke. Auch der Strukturwandel spiele eine Rolle. Die körperliche Arbeit sei weniger schwer als früher, und sie werde weniger, meint Brenke. Besonders lang arbeiten schon heute die gut Qualifizierten in den Bürojobs, allen voran die Akademiker.

Getrübt wird die insgesamt positive Bilanz durch die anhaltende Benachteiligung zweier Problemgruppen. Schwer tun sich Menschen ohne Berufsabschluss und alle kurz vor der Rente. „Je älter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind, desto geringer ist ihre Integration in Beschäftigung“, stellt das IAB fest. Immerhin aber sei die Beschäftigungsquote der 60- bis 64-jährigen Männer von 15 Prozent zwischen 1998 und 2008 auf 25 Prozent gestiegen.

Laut Gesetz steigt der reguläre Rentenbeginn von 2012 schrittweise von 65 bis auf 67 Jahre von 2029 an.

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