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Arbeit & Soziales
Kurzarbeit, Jobabbau, Hartz IV

13. Februar 2013

Selbständigkeit: Immer mehr Alleinunternehmer

 Von 
Ob dieser Brezelverkäufer mit Hund noch als Solo-Unternehmer durchgeht?Foto: ddp

Die Zahl der Solo-Unternehmer in Deutschland nimmt beständig zu. Besonders kräftige Zuwächse gibt es bei Lehrern und Dozenten, Publizisten und Künstlern, bei pflegerischen Berufen und bei Kosmetikern.

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Berlin –  

In Deutschland gibt es immer mehr Menschen, die allein den Sprung in die Selbstständigkeit wagen. Die Zahl der Solo-Unternehmer erhöhte sich vom Jahr 2000 bis 2011 um rund 800.000 auf 2,6 Millionen. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum gab es nur drei Prozent mehr Selbstständige mit Beschäftigten, wie eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergibt. Es boomten also vor allem die Gründungen von Kleinunternehmen, insbesondere aus der Arbeitslosigkeit heraus. Insgesamt übten in Deutschland laut dem Bonner Institut für Mittelstandsforschung 4,5 Millionen Menschen ihren Brotberuf als Selbstständige aus.

"Ein Hauptgrund für die Zunahme der Zahl der Alleinunternehmer ist die Förderung von Solo-Selbstständigen durch die Arbeitsagenturen gewesen," erläutert der DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke. Gründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus wurden mit der Einführung des Existenzgründungszuschusses - Stichwort "Ich-AG" im Jahr 2003 beflügelt. Ab 2006 wurde der Existenzgründungszuschuss und das daneben existierende Überbrückungsgeld zum so genannten "Gründungszuschuss" zusammengefasst.

Gründungswelle bei Ausbauberufen

Besonders kräftige Zuwächse gab es laut der DIW-Studie bei Lehrern und Dozenten, Publizisten und Künstlern, bei pflegerischen Berufen und bei Kosmetikern. Auch Steuer- und Wirtschaftsberater sowie IT-Kräfte hatten Konjunktur. Auch bei den Ausbauberufen gab es eine Gründungswelle, weil einige Vorschriften im Handwerk gelockert wurden und es in einigen Bereichen nicht mehr nötig war, einen Meisterbrief vorzuweisen. Für einen weiteren Schub dürfte die EU-Osterweiterung gesorgt haben, schreiben die Autoren in der Studie: "Arbeitnehmer hatten in der Regel bis 2011 keinen Zutritt zum deutschen Arbeitsmarkt, Selbständige konnten aber schon ab 2004 hier tätig werden."

Die zahlenmäßig meisten Solo-Selbständigen sind der Studie zufolge indes als Händler und Vertreter sowie in landwirtschaftlichen der gärtnerischen Berufen tätig; hier hat die Zahl der Solo-Selbständigen allerdings deutlich abgenommen. Zugenommen hat darüber hinaus auch die Zahl der Frauen, die allein eine Existenzgründung wagen.

Menschen, die den Gang in die Selbstständigkeit wagen, lassen sich mit Blick auf ihre Motive in zwei Gruppen einteilen, so das Ergebnis einer SOEP-Erhebung. Entweder machen sie sich selbstständig, weil sie ihr eigener Chef sein wollen, eine Marktlücke entdeckt haben oder mehr Geld verdienen wollen. Bei der anderen großen Gruppe steht die Arbeitslosigkeit im Vordergrund, also also die Gründung mangels einer anderen Alternative am Arbeitsmarkt. Allein im Jahr 2011 förderte die Bundesagentur für Arbeit 145.000 Gründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus. Davon erhielten 134.000 Gründungswillige den Gründungszuschuss. Das Interesse an dem Zuschuss ging damit leicht zurück.

"Wichtige Rolle im Gründungsgeschehen"

Arbeitsmarktexperten halten den Gründungszuschuss für ein Erfolgsmodell: Fünf Jahre nach der Gründung hatte etwas mehr als die Hälfte der Solo-Selbständigen immer noch diesen Status inne. Knapp ein Zehntel hatte laut DIW Arbeitnehmer eingestellt, deutlich größer war der Anteil derjenigen, die eine abhängige Beschäftigung angenommen hatten. Einige sind in den Ruhestand gegangen und nur wenige rutschten in die Arbeitslosigkeit ab. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) resümierte in einem vor einem Jahr veröffentlichten Bericht: "Mehr als 146.000 Teilnehmer und ein Gesamtfördervolumen von fast 1,87 Mrd. Euro allein im Jahr 2010 machen den Gründungszuschuss zu einem bedeutsamen Instrument der aktiven Arbeitsmarktpolitik, das auch im allgemeinen Gründungsgeschehen in Deutschland eine wichtige Rolle spielt".

Drastische Kürzung

Seit dem vergangenen Jahr hat sich die Situation allerdings geändert: das Bundesarbeitsministerium hat den Gründungszuschuss drastisch gekürzt, indem die Regeln für den Zugang verschärft wurden. In der Folge wurden bereits im ersten Halbjahr 2012 nur noch 17.000 statt wie im Vorjahreszeitraum 70.000 Gründungen bezuschusst. Insgesamt gingen im vergangenen Jahr 85 Prozent weniger Arbeitslose mit dem Gründungszuschuss in die Selbstständigkeit. Hier spielen aber womöglich auch Mitnahmeeffekte eine Rolle: Viele dürften ihre geplante Selbstständigkeit nach der Ankündigung der Reform vorgezogen haben.

Gegründet wird trotzdem

Allerdings spiegelt sich der Einbruch der Förderung nicht unmittelbar in der Zahl der Existenzgründungen: Sie ist laut Statistik um nur acht Prozent von Januar bis September 2012 gesunken. In Berlin beispielsweise ist sie nach Angaben der IHK sogar gestiegen. Eine Erklärung dafür liefert DIW-Arbeitsmarktexperte Brenke: "Es gibt zahlreiche weitere Existenzförderprogramme." Ohnehin sieht er die Erfolgsmeldungen zum Gründungszuschuss auch skeptisch: "Es gibt keine Erhebungen darüber, wie viele Menschen durch die geförderten Existenzgründer vom Arbeitsmarkt verdrängt worden sind." Außerdem stellt der die grundsätzliche Frage "warum die Bundesanstalt Existenzgründungen fördern" soll. Schließlich komme es vor allem auf ein überzeugendes, betriebswirtschaftlich tragfähiges Konzept an. Wenn Subventionen im Spiel seien und die Gründung aus der Not geboren, liege der Verdacht nahe, dass manchen Aktivitäten die wirtschaftliche Tragfähigkeit fehle.

Die IHK Berlin jedenfalls hat in ihrem jüngst veröffentlichten Gründungsmonitor beobachtet, dass sich arbeitslose Gründer offenbar besser vorbereiten: "Erfreulich ist, dass die Anträge auf Gründungszuschuss, die der IHK Berlin für eine fachliche Stellungnahme vorgelegt werden, seit Beginn des Jahres eine verbesserte Qualität aufweisen", heißt es dort. Deutlich seltener sind demnach Nachbearbeitungen des Geschäftskonzeptes nötig.

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