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Arbeit und Soziales

13. Juni 2012

Smartphone-Burnout im Job: Nach Dienstschluss Handy aus!

 Von Stefan Sauer
Ob Frau von der Leyen ihr Handy nach Dienstschluss immer ausmacht?  Foto: dapd

Viele Arbeitnehmer sind für ihre Kollegen und Chefs jederzeit erreichbar. Doch dieser dauerhafte Standby-Modus bedeutet Stress. Arbeitsministerin von der Leyen fordert jetzt, dass die Unternehmen klare Regeln erlassen.

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Es kann jederzeit passieren und überall, nachts, an Sonntagen, im Zoo, am Strand. Es kann eine Mail sein vom Chef, eine SMS oder eine nicht abgehörte Nachricht, die klingelt, summt und dudelt, die gelesen, gehört, zur Kenntnis genommen werden will. Handys, Smartphones und Konsorten sind die heimlichen Tyrannen unserer Zeit, als Taktgeber im Alltag und Peiniger am Feierabend. Sie übertragen den Standby-Modus auf ihre Besitzer. Ausschalten wäre heilsam. Doch immer weniger Menschen besinnen sich solcher Remedur.

Es gibt sehr unterschiedliche Zahlen zur Frage, wie viele Menschen nach Arbeitsschluss einfach weitermachen. Einer Umfrage des Hightech-Verbands Bitkom zufolge sind unglaubliche 88 Prozent aller Berufstätigen auch außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit für Vorgesetzte, Kollegen oder Kunden ansprechbar. Von den abhängig Beschäftigten gab rund ein Drittel an, in beruflichen Belangen jederzeit für ihren Arbeitgeber erreichbar zu sein. Eine Erhebung des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen ergab, dass 50 Prozent der Berufstätigen in Sachen Job allzeit ansprechbar sind, eine DGB-Studie ermittelte einen Standby-Anteil von 27 Prozent der Beschäftigten.

So oder so, die Zahlen sind hoch, zu hoch, wie nun auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) meint. Es müsse „glasklare Regeln“ geben, zu welchen Uhrzeiten Mitarbeiter erreichbar sein müssten sowie darüber, wie Freizeitarbeit auszugleichen sei. Der Einsatz von Diensthandys in der Freizeit müsse, im Sinne des Arbeitsschutzes, beschränkt werden. Das Arbeitsschutzgesetz nämlich unterscheide nicht zwischen seelischer und körperlicher Gesundheit der Beschäftigten, für die der Arbeitgeber – auch durch das Beachten der Freizeit – Sorge zu tragen habe, erläutert Ministeriumssprecher Jens Flosdorff. Andernfalls drohten Geldbußen, Betriebsschließungen und gar Haftstrafen.

Drastische Maßnahmen bei VW

Ob von der Leyens Appell viel bewirken wird, ist fraglich. Bisher haben sich nur wenige große Unternehmen verpflichtet, ihre Mitarbeiter außerhalb der Arbeitszeiten in Frieden zu lassen. VW allerdings ergriff drastische Maßnahmen: Auf Dienst-Blackberrys werden 30 Minuten nach Dienstschluss keine Mails mehr weitergeleitet, erst kurz vor Arbeitsantritt können sie wieder abgerufen werden. Die Telekom fordert ihre Mitarbeiter ausdrücklich auf, in der Freizeit und im Urlaub berufliche Telefonate und dienstlichen Schriftverkehr zu unterlassen, beim Energieversorger Eon dürfen nach 20 Uhr keine Dienstmails mehr versendet oder bearbeitet werden. Auch BMW und Puma führten Beschränkungen ein.

Ansonsten aber, das ergab eine Umfrage der Frankfurter Rundschau unter den 30 Dax-Konzernen im Januar, kümmert das Thema die Unternehmen wenig. In kleineren Firmen sieht es nach Einschätzung von Ministeriumssprecher Flosdorff noch schlechter aus: „Die allermeisten nehmen das Thema nicht ernst genug.“ Dabei bedeutet permanente Erreichbarkeit permanenten Stress. „Die Erreichbarkeit geht oft direkt in Arbeit über, Mails müssen beantwortet, Anfragen bearbeitet werden, ein Abschalten ist nicht mehr möglich“, sagt DGB-Arbeitsrechtlerin Martina Perreng der Frankfurter Rundschau. In vielen Firmen habe sich die Führungsebene ausgeklinkt und überlasse die unbegrenzte Verfügbarkeit niederen Chargen. „Arbeitgeber schaffen Diensthandys ja nicht aus Nächstenliebe an, sondern sie knüpfen daran Erwartungen – und wer sich dem nicht entzieht, klappt irgendwann zusammen“, warnt Perreng.

Die Folgen sind volkswirtschaftlich kostspielig. Ein Zusammenhang zwischen der Zunahme psychischer Erkrankungen und der dauernden Erreichbarkeit ist zwar nicht zweifelsfrei belegbar, plausibel aber ist er allemal. Nach Auskunft der Bundespsychotherapeutenkammer wurden im vergangenen Jahr 14 Mal so viele Fehltage aufgrund seelischer Erkrankungen gezählt wie 2004. Laut Bundesarbeitsministerium waren vier von zehn Menschen, die 2010 eine Erwerbsminderungsrente erhielten, psychisch erkrankt, wobei Suchterkrankungen und Psychosen bereits herausgerechnet wurden. Das Durchschnittsalter der seelisch bedingt Erwerbsgeminderten lag bei nur 48 Jahren. Das Arbeitsministerium beziffert die Kosten für die sozialen Sicherungssysteme und den Produktionsausfall auf 26 Milliarden Euro jährlich.

Es wird Zeit zur Besinnung.

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