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Sozialer Abstieg: Die Mittelschicht schrumpft

Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wächst. Das Ergebnis einer Studie liefert der Kritik am Sparpaket der schwarz-gelben Regierung neue Nahrung. Von Eva Roth


Foto: FR

Eine neue Studie über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich unterstützt Kritiker des Sparpakets der Bundesregierung. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat herausgefunden, dass nicht nur die Zahl der ärmeren Haushalte stetig gewachsen ist. "Seit zehn Jahren werden die ärmeren Haushalte auch immer ärmer", so das DIW. Gleichzeitig gebe es immer mehr Reiche, die immer reicher werden.

Die logische Folge: Die Mittelschicht schrumpft. Im Jahr 2000 gehörten noch 64 Prozent der Bundesbürger zur Mittelschicht. Ihr Anteil sank dann stetig, bis er im vorigen Jahr erstmals wieder leicht auf 61,5 Prozent anstieg. Diese leichte Stärkung der Mittelschicht sei ein vorübergehendes Phänomen, vermutet der DIW-Verteilungsforscher Markus Grabka. Denn die Wirtschaftskrise sei noch nicht ausgestanden. DIW-Experte Martin Gornig nennt die Entwicklung besorgniserregend. "Eine starke Mittelschicht ist wichtig für den Erhalt der gesellschaftlichen Stabilität."

Die Studie

Die Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben für ihre Studie die Haushaltsdaten des sogenannten sozio-oekonomischen Panels (SOEP) verwendet.

Das SOEP ist eine Langzeitbefragung von mehr als 10.000 privaten Haushalten in Deutschland, die 1984 erstmals organisiert wurde. Gefragt wird beispielsweise nach Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit.

Jedes Jahr werden im Auftrag des DIW über 20.000 Personen in 11.000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Weil immer die gleichen Personen befragt werden, können langfristige Trends gut verfolgt werden. (fr)

Das Auseinderdriften der Gesellschaft verunsichere die Mittelschicht. Problematisch sei das vor allem dann, wenn andere Bevölkerungsgruppen für den drohenden Statusverlust verantwortlich gemacht würden. Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit könnten zunehmen. Auch für die Stadtentwicklung berge die wachsende Einkommenskluft Risiken. Wenn es immer mehr arme Menschen gebe, können auch in Deutschland Armenviertel entstehen.

Forscher rügen Sparpaket

Zur Mittelschicht rechnen die Forscher Singlehaushalte mit einem Nettoeinkommen von 920 bis 1970 Euro im Monat. Dabei sind auch Einkünfte wie staatliche Hilfen eingerechnet.

Das Sparpaket der Bundesregierung halten die Wissenschaftler für zu einseitig: "Die bisher gemachten konkreten Vorschläge betreffen nur die unteren Einkommen", sagt Jan Goebel, der die Studie zusammen mit Gorig verfasst hat. Wenn die Zahl der Reichen steige und diese Menschen immer mehr verdienten, dann "stellt sich schon die Frage, ob diese Gruppe nicht auch einen Sparbeitrag leisten soll".

Die Zahl der Menschen mit niedrigem Einkommen ist seit 2000 von 18 Prozent auf 22 Prozent im vorigen Jahr gestiegen, so die Studie. Zur Jahrtausendwende habe ein Singlehaushalt mit einem Geringverdiener im Schnitt 680 Euro zur Verfügung gehabt. Acht Jahre später waren es real fünf Prozent weniger.

Genau in die andere Richtung ging der Trend bei Menschen mit höheren Einkünften. Sie verfügten im Jahr 2000 im Schnitt über 2400 Euro im Monat und konnten ein Plus von zwölf Prozent verbuchen. Wenn man noch genauer hinschaut, "konzentriert sich dieser Zuwachs ausschließlich auf die reichsten fünf Prozent der Bevölkerung", sagte Grabka der Frankfurter Rundschau.

Im Krisenjahr 2009 nahm zwar der Anteil der Haushalte mit hohen Einkommen ab. Das Durchschnittseinkommen der verbliebenen reichen Haushalte sei aber weiter gestiegen. Dank des deutschen "Jobwunders" habe sich die Krise auf die unteren Einkommensgruppen kaum ausgewirkt. Denn eine hohe Arbeitslosigkeit treibt die Zahl der armen Menschen nach oben.

Für ihre Studie haben die Berliner Forscher die Haushalte in drei Gruppen aufgeteilt: Wer über weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens verfügt, gehört zur unteren Gruppe. Zur Mittelschicht gehören Menschen mit 70 bis 150 Prozent des sogenannten Medianeinkommens. Wer über 150 Prozent liegt, wird zu den Besserverdienenden gezählt.

Autor:  Eva Roth
Datum:  16 | 6 | 2010
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