Arbeit & Soziales
Kurzarbeit, Jobabbau, Hartz IV

19. Juli 2011

Studie zu Lohneinbußen: Weniger Gehalt für Geringverdiener

 Von Eva Roth
Hauptsache Arbeit, und sei sie noch so schlecht bezahlt, lautete das Credo von Rot-Grün im Zuge der Hartz-Reformen. Die Politik habe die Schraube überdreht, kritisieren Forscher.  Foto: picture-alliance / Sven Simon

Neue Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen: Der wirtschaftliche Aufschwung kommt bei vielen Menschen nicht an. Stattdessen wird die Gehaltskluft in der Bevölkerung immer größer - und die Geringverdiener immer mehr.

Drucken per Mail

Die Einkommen von Geringverdienern sind drastisch gesunken. Das zeigen neue Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Deshalb muss die Politik nun schleunigst umsteuern, fordern Volkswirte und Arbeitsmarktforscher.

Die rot-grüne Bundesregierung hat im Zuge der Hartz-Reformen den Druck auf Arbeitslose erhöht, irgendeinen Job anzunehmen, und sei er noch so schlecht bezahlt. Zudem wurden Leiharbeit erleichtert und Minijobs gefördert. Ziel war es, dass mehr Arbeitslose einen Stelle finden.


Dies sei zum Teil auch gelungen, meint Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Allerdings gebe es im Niedriglohnsektor Auswüchse, „die man beschäftigungspolitisch nicht rechtfertigen kann“. Zudem habe sich die Gehaltskluft auch unter den Beschäftigten vergrößert, die seit 2000 immer einen Job hatten. „Der zunehmenden Lohnspreizung könnte man durch einen Mindestlohn entgegenwirken“, sagt der Direktor des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit der FR.

„Die Politik hat die Reformschraube überdreht“, meint auch DIW-Verteilungsforscher Markus Grabka. „Wenn von 40 Millionen Erwerbstätigen sieben Millionen Minijobber sind, dann ist etwas aus dem Ruder gelaufen.“ Er empfiehlt, die Förderung der geringfügigen Beschäftigung zu überdenken. Zudem sollten Leiharbeiter ebenso entlohnt werden wie Festangestellte. Die Gewerkschaften sollten ermutigt werden, bei Lohnverhandlungen den Verteilungsspielraum aus Preisanstieg und Produktivitätsfortschritt stärker auszuschöpfen.

Grabka hat für die FR neue Umfrageergebnisse des Sozio-oekonomischen Panels (Soep) ausgewertet, um herauszufinden, wie sich die realen Nettoeinkommen in Deutschland von 2000 bis 2010 entwickelt haben. Demnach verbuchten Beschäftigte in der höchsten Einkommensgruppe ein leichtes Plus von knapp einem Prozent. Die gesamten Einkünfte der Wohlhabenden dürften deutlich stärker gestiegen sein, betont Grabka. Denn in der Umfrage wurde nur nach dem regelmäßigen Arbeitseinkommen gefragt, Boni sowie Einkünfte aus Vermögen sind nicht erfasst. Beschäftigte in den unteren Einkommensgruppen mussten dagegen starke Einbußen hinnehmen: Ihre Nettogehälter sanken preisbereinigt um 16 bis 22 Prozent.

Die Politik schaue dieser Entwicklung tatenlos zu, kritisiert der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. „Es gibt Möglichkeiten, die Löhne zu stabilisieren. Doch die Politik interessiert sich nicht dafür.“ Der Volkswirt plädiert dafür, Arbeitnehmer bei den Sozialabgaben zu entlasten. Möglich sei dies etwa bei der gesetzlichen Krankenversicherung. Derzeit zahlen Beschäftigte 8,2 Prozent ihres Einkommens in die Kassen, Unternehmen nur 7,3 Prozent. Künftig sollten Arbeitnehmer und Arbeitgeber wieder jeweils die Hälfte der Kosten übernehmen. „Eine solche Rückkehr zur Parität würde den Staat keinen Cent kosten“, betont Bofinger.

Die dürftige Lohnentwicklung sei ein Grund für das „Wutbürgertum“, meint der Professor an der Uni Würzburg. „Die meisten Menschen haben das Gefühl, dass die wirtschaftliche Entwicklung an ihnen vorbei geht – und sie haben recht.“ Die Unzufriedenheit richte sich weniger gegen die Unternehmen, sondern vielmehr gegen Staat und Politik.

In Durchschnitt sind die realen Nettolöhne laut DIW innerhalb eines Jahrzehnts um 2,5 Prozent gesunken. Die Bruttoeinkommen sind im Schnitt sogar noch stärker gesunken. Angesichts dieser Einbußen plädieren mittlerweile auch Banken-Volkswirte für einen stärkeren Lohnanstieg in Deutschland, um die Binnennachfrage und damit die gesamte Wirtschaft anzukurbeln. So hat sich die französische Bank Natixis die Entwicklung von Löhnen, Gewinnen und Produktivität in großen Industrieländern angesehen. Das Ergebnis: In Deutschland wäre ein stärkerer Lohnanstieg eine „gute Idee“. Weil die Unternehmen sehr profitabel sind, könnten sie die höheren Kosten gut verkraften, ohne dass die Wettbewerbsfähigkeit leidet.

Jetzt kommentieren

Videonachrichten Wirtschaft
Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Steueroasen
Beliebtes Steuerparadies: Cook Inseln.

Die Enttarnung geheimer Geschäfte in Steueroasen beschäftigt Politik und Wirtschaft. Berichte und Hintergründe finden Sie in der Offshore Leaks-Themensammlung.