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Arbeit und Soziales

23. April 2014

Textilindustrie: „Ständig habe ich Angst, dass mein Haus einstürzt“

 Von 
Um neun Uhr morgens stürzte das neunstöckige Gebäude ein und begrub tausende Menschen unter sich.

Vor einem Jahr wurden bei dem Zusammensturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch 1127 Menschen getötet. Zwei Aktivistinnen sprechen über Sicherheitsvorkehrungen und die Verantwortung der Konsumenten.

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Shila Begum wirkt klein und schüchtern, als sie den Seminarraum betritt, in dem wir uns zum Gespräch verabredet haben. Zur Begrüßung streckt sie mir die rechte Hand entgegen, doch drücken kann ich sie nicht. Der gesamte Unterarm steckt in einer Schiene, die Finger zucken kraftlos – Spätfolgen des Unglücks im Rana Plaza-Fabrikgebäude, das die junge Frau als eine von mehr als 1000 Arbeiterinnen und Arbeitern überlebt hat. In Deutschland ist sie gemeinsam mit der Gewerkschafterin Safia Parvin auf Einladung der Kampagne für Saubere Kleidung, Medico International und anderen NGOs, um die Öffentlichkeit auf die nach wie vor katastrophale Lage der Textilarbeiter in Bangladesch aufmerksam zu machen.

Es ist das erste Mal, dass sie Bangladesch verlassen hat. Als Shila Begum vom 24. April 2013 erzählt, dem Tag, der ihr Leben verändert hat, bricht immer wieder ihre Stimme, Tränen füllen ihre Augen.

Shila Begum, Sie haben das Unglück überlebt, wie geht es Ihnen heute?
Shila Begum: Die Rana-Plaza-Katastrophe hat mein ganzes Leben zum Negativen verändert. Ich habe den Zusammensturz überlebt, das stimmt, aber mit dauerhaften Verletzungen in meiner rechten Hand und im Unterleib. Ich kann nicht mehr arbeiten. Meine einzige Tochter musste ich zu meiner ältesten Schwester schicken, die auf dem Land lebt, 250 Kilometer entfernt von Dhaka. Ich lebe nun bei meinen jüngeren Schwestern. Ich habe mich an die Gewerkschaft gewandt und bin nun eine derjenigen, die den Protest der Opfer von Rana Plaza organisieren. Dafür bekomme ich von der Gewerkschaft ein bisschen Geld. Damit kann ich überleben, aber meine finanzielle Lage ist nicht gut.

Mit welchen Folgeschäden haben Sie zu kämpfen?
Shila Begum: Als das Fabrikgebäude einstürzte, wurde meine rechte Hand in der Maschine eingeklemmt und ein Teil des Daches fiel darauf. Dabei wurde eine wichtige Ader zertrennt, es gab eine schwere Blutung. Ich habe hinterher keine gute ärztliche Versorgung für meine Hand bekommen, deshalb kann ich sie immer noch nicht richtig bewegen. Außerdem stürzte eine Säule neben mir ein und fiel auf meinen Unterleib, so dass die Gebärmutter teilweise herausgerissen wurde. Sie wurde später im Krankenhaus komplett entfernt. Ich kann keine Kinder mehr bekommen. Und ich habe Alpträume. Ständig habe ich Angst, dass mein Haus einstürzt, beim kleinsten Geräusch denke ich, dass etwas auf mich drauf fällt. Immerhin habe ich noch meine Arme und Beine. Andere Opfer haben bei der Katastrophe ihre Gliedmaßen verloren. Ich kann laufen, sie nicht. Ihr Leben ist noch viel härter.

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Reicht die finanzielle Unterstützung, die Sie bisher bekommen haben, aus, um Ihre Familie zu ernähren?
Shila Begum: Die Notfallhilfe, die wir Arbeiter von Rana Plaza vom Staat bekommen haben, war nicht genug. Das waren 70.000 Taka (900 Euro). Die sind längst aufgebraucht. Ich müsste ins Zentrum für körperlich behinderte Menschen gehen, wegen der Behandlung meiner Hand. Aber die Physiotherapie kostet 100 Taka am Tag. Ich habe das Geld nicht mehr. Ich kann die medizinische Versorgung nicht bezahlen, die nötig wäre. So geht es vielen der Opfer von Rana Plaza heute.

Was ist mit den Familien derjenigen, die bei der Katastrophe umkamen?
Shila Begum: Viele von den Familien der Toten haben 100.000 Taka (knapp 1300 Euro) Nothilfe erhalten, und noch einmal 200.000 Taka (rund 2500 Euro) für die Beerdigung. Aber sie haben keine Entschädigung bekommen, deshalb sind sie inzwischen in einer fatalen finanziellen Krise. Besonders schlimm ist es für die, deren Angehörige bis heute vermisst sind. 393 Leichen wurden begraben, ohne identifiziert worden zu sein. Ihre Familien haben keinen Cent gesehen.

Wie können Sie überleben, wenn Sie kein Geld mehr als Näherin verdienen können?
Shila Begum: Ich bin auf die Hilfe meiner jüngeren Schwestern angewiesen, bei denen ich lebe, und die als Näherinnen in verschiedenen Textilfabriken arbeiten. Und ich bekomme etwas von der Gewerkschaft. Damit schaffe ich es irgendwie, aber es ist sehr, sehr schwer.

Unter welchen Bedingungen leben die Textilarbeiter in Bangladesch heute? Wie sieht ihr Alltag aus?
Shila Begum: Jeden Tag haben die Textilarbeiter eine normale Schicht, die geht von 8 Uhr morgens bis 17 Uhr nachmittags. Danach müssen sie regelmäßig Überstunden machen, oft bis 22 Uhr abends. In Hochzeiten fallen dazu noch Nachtschichten an, von 20 Uhr abends bis 3 Uhr morgens. Danach bleiben nur wenige Stunden, um nach Hause zu gehen, zu schlafen, zu kochen, sich zu waschen – und dann morgens wieder zur Arbeit zu gehen. Es gibt einen Mindestlohn von 66 Dollar im Monat. Vor dem Unglück waren es nur 38 Dollar. Doch auch jetzt reicht der Lohn nur für ein Leben in Not.

Die Gesprächspartner
Shila Begum und Safia Parvin kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen in Bangladesch.

Shila Begum war eine von mehr als 3500 Menschen, die am 24. April 2013 in dem neunstöckigen Textilfabrik-Gebäude Rana Plaza waren, als das Haus einstürzte. Sie überlebte schwer verletzt unter den Trümmern. Einen Tag lang war sie verschüttet, bevor sie geborgen werden konnte.

Safia Parvin ist Generalsekretärin der Gewerkschaft National Garment Workers Federation (NGWF) in Bangladesch und kümmert sich seit Jahren um die Opfer von Unglücken in Textilfabriken, etwa der Feuerkatastrophen von Spectrum und Tazreen und des Einsturzes von Rana Plaza.

Haben sich denn die Arbeitsbedingungen seit dem Unglück verbessert?
Safia Parvin: Nach Rana Plaza hat sich die Lage der Textilarbeiter teilweise verbessert was die Sicherheit angeht. Zumindest etwas. Vor allem weil die Fabrikbesitzer Angst haben, ins Gefängnis zu müssen, falls irgendein Unfall passiert. Denn von den fünf Besitzern von den Textilfabriken, die im Rana Plaza-Gebäude waren, sind inzwischen vier inhaftiert. Der fünfte war Ausländer, von den Philippinen – er war nicht in Bangladesch zum Zeitpunkt des Unglücks und ist nie zurückgekehrt.

Was wird für die Sicherheit der Arbeiterinnen getan?
Safia Parvin: Es gibt zum Beispiel Untersuchungen. Die Regierung hat einen Aktionsplan für die Sicherheit der Arbeiter entworfen. Als erster Schritt wurden 200 Inspektoren ernannt, die die Fabriken überprüfen sollen. Seither wurden rund 200 Textilfabriken geschlossen, weil sie in baufälligen Häusern untergebracht waren. Sicherheit ist nun ein Thema für die Regierung.

Also sind die Kontrollen inzwischen mehr als nur Alibi-Veranstaltungen?
Safia Parvin: Meistens leider nicht. Normalerweise informieren die Inspektoren das Management der Fabriken, bevor sie kommen. Also arrangieren sie alles so, dass es in Ordnung ist. Und wenn die Inspektoren gehen, ist gleich alles wieder beim Alten. Das ist fast wie eine Show. Dabei sind die meisten Fabrikgebäude baufällig. Und auch die direkte Arbeitsumgebung birgt viele Gefahren.

Hat das Unglück von Rana Plaza in anderen Bereichen Veränderungen bewirkt?
Safia Parvin: Die Arbeit der Gewerkschaften ist etwas leichter geworden. Der Zugang für Gewerkschafter zu den einzelnen Fabriken ist nicht mehr so stark eingeschränkt – mit dem Ergebnis, dass sich in den vergangenen Monaten 150 neue Gewerkschaftseinheiten beim Arbeitsministerium registriert haben, um vor dem Gesetz als offizielle Vertreter der Arbeiter zugelassen zu werden. Auch das Arbeitsgesetz wurde zugunsten der einfachen Leute geändert. Und dann ist da natürlich der Rana Plaza Fonds, der unter der Führung der Internationalen Gewerkschaftsorganisation ILO gegründet wurde.

Wie stark sind die Gewerkschaften in Bangladesch?
Safia Parvin: Wir sind nicht besonders mächtig, obwohl manche Organisationen wie unsere NGWF etwas stärker geworden sind. Wir können längst nicht die Erwartungen erfüllen, die die Arbeiter an uns haben, weil unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Manche Fabrikbesitzer stellen Sicherheitsleute an, die die Arbeiter unter Druck setzen. Es ist schwierig für uns, in solche Fabriken überhaupt hereinzukommen. Das ist ein Problem. Außerdem ist unser Draht zu den Behörden und in die Ministerien nicht besonders gut. Und das größte Problem ist der geringe Organisationsgrad in Bangladesch. Nur drei Prozent der Arbeiter sind Gewerkschaftsmitglieder.

Was muss sich vor Ort ändern, um das Leben der Arbeiterinnen zu verbessern?
Safia Parvin: Ganz allgemein sind das drei Dinge: sichere Gebäude, ein gutes Arbeitsumfeld und die flächendeckende Vertretung durch Gewerkschaften.
Shila Begum: In den Fabriken sollte es Ventilatoren geben und eine Klimaanlage. Es sollte genug Platz für die Arbeiter sein. Eine Medizinstation wäre auch schön, und eine Kinderkrippe.

Bis heute haben die Arbeiterinnen und Arbeiter nicht die Entschädigung enthalten, die ihnen zusteht.  Foto: imago stock&people

Der Entschädigungsfonds wurde aufgesetzt, um den Opfern medizinische Betreuung zu finanzieren und ihre Lohnausfälle zu kompensieren. Mindestens 40 Millionen Dollar sind dafür nötig. Haben alle Firmen, die aus dem Rana Plaza-Gebäude ihre Kleidung bezogen, etwas zu dem Fonds beigetragen?
Safia Parvin: Nein, leider nicht. Bei weitem nicht alle Firmen haben sich beteiligt. Bis jetzt sind etwa 15 Millionen Dollar zusammengekommen.
Shila Begum: Deswegen bin ich hierher nach Europa gekommen, für die Opfer von Rana Plaza, um den Menschen hier, den Konsumenten, den Regierungen, den Firmen von unserem Leid zu erzählen. Wir Opfer sind oft abhängig von der Hilfe anderer, weil wir kein Geld mehr verdienen können. 39 Marken haben in den Fabriken von Rana Plaza produzieren lassen. Ich will, dass diese Firmen Entschädigung bezahlen, damit wir leben können und unser Leben neu organisieren, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen und für die Bildung unserer Kinder zu sorgen.

Welche Firmen sind mit gutem Beispiel vorangegangen?
Safia Parvin: Nur Primark hat für alle Opfer von Rana Plaza gezahlt und sieben Millionen Dollar für den Fonds überwiesen. Ein schlechtes Beispiel ist dagegen Wal-Mart. Der Konzern hat 50 Millionen Dollar an die Fabrikbesitzer gezahlt – und keinen Cent für die Arbeiter.

Und mit der Entschädigung ist es dann getan?
Safia Parvin: Natürlich nicht. Die Firmen, die ihre Textilien aus Bangladesch importieren, müssen sicherstellen, dass die Fabriken ihrer Zulieferer sicher sind, dass die Arbeitsbedingungen in Ordnung sind und die Arbeiter anständig bezahlt werden.

Was für eine Verantwortung haben die Konsumenten?

Safia Parvin: Die Käufer in den westlichen Ländern sollten ihren Einfluss auf ihre Regierung und die Markenunternehmen geltend machen, damit die Opfer von Rana Plaza und Tazreen entschädigt werden. Denn die Unternehmen sind die, die von den Bedingungen in Bangladesch am meisten profitiert haben. Und die westlichen Regierungen erhalten enorme Steuereinnahmen von diesen Konzernen.

Die Importe von Textilien aus Bangladesch sind seit der Katastrophe deutlich gestiegen, nur aus China kommt inzwischen mehr Kleidung nach Deutschland. Eine gute Nachricht für Sie?
Safia Parvin: Ja, natürlich.
Shila Begum: Wir leben doch von diesem Geschäft.

Interview: Nadja Erb

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