Li Qhing Zhi hatte einen Traum: Der gelernte Koch wollte in seiner Heimat China ein japanisches Restaurant aufmachen. Als er von einem Weiterbildungsprogramm für ausländische Fachkräfte in Japan hörte, sah er darin die Chance seines Lebens. Doch Zhi erlebte einen Alptraum: Drei Jahre lang musste er für einen Möbelhersteller Hilfsarbeiten wie Abfallverbrennen verrichten. Bis heute hat der Chinese keine Restaurantküche in Japan betreten. "Inzwischen habe ich die Hoffnung aufgegeben", sagt Zhi tief enttäuscht.
Statt Ausbildung stand Ausbeutung auf seinem Stundenplan. Von sieben Uhr morgens bis 22 Uhr abends dauerte die Fron, nur an 21 Tagen im Jahr hatte er frei. Trotzdem hat der 34-Jährige noch Glück gehabt. Denn 2008 kamen 35 und letztes Jahr 27 Trainees ums Leben - viele davon wohl durch Überarbeitung. 25 starben an einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall, obwohl die Trainees zwischen 20 und 40 Jahre alt sind.
Inzwischen hat die japanische Arbeitsaufsicht einen ersten Trainee-Tod als Karoshi - dem japanischen Begriff für Tod durch Überarbeitung - anerkannt. Der 34-jährige Chinese Jiang Xiao Dong hatte in den drei Monaten vor seinem Tod im Juni 2008 jeweils zwischen 93 und 109 Überstunden geleistet und qualifizierte sich damit als Karoshi-Opfer.
Dem Zuzug von jährlich mehr als 60.000 Ausländern für jeweils drei Jahre hat Japan ein humanitäres Deckmäntelchen umgehängt: Offiziell erhalten dabei Fachkräfte aus Schwellenländern die Chance auf Weiterbildung, um die dortige wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. "Vordergründig geht es um den Transfer von Know-how", erklärt Lila Abiko vom Anwälte-Netzwerk für ausländische Trainees. In Wirklichkeit seien die "Trainees" jedoch überwiegend ungelernte Kräfte aus China und den Philippinen, die für Niedriglöhne schuften sollen.
Mehr als 60 Prozent der beschäftigenden Firmen sind Kleinbetriebe, die für viele Jobs keine Japaner finden und ohne Billigkräfte insolvent wären. Koch Zhi erhielt zwei Jahre lang überhaupt kein Geld, dann speiste ihn sein Chef mit umgerechnet 3,60 Euro je Überstunde ab - knapp der Hälfte des gesetzlichen Mindestlohns.
Als Reaktion auf die Missstände gilt seit Anfang Juli auch im ersten "Ausbildungsjahr" der Mindestlohn, und den Trainees darf nicht mehr der Reisepass abgenommen werden. Die zuständige Behörde zeigte sich einsichtig. "Wir werden die Firmen anweisen, solche Vorfälle zu vermeiden", erklärte ein Beamter. Aber die Natur des Programms habe sich nicht geändert, betont Abiko.
Es sei vor fast 20 Jahren ins Leben gerufen wurden, um billige Gastarbeiter zu holen. Heute ist der Bedarf noch größer. Es fehlen Altenpfleger und Fabrikarbeiter, weil Japans Bevölkerung altert und schrumpft. "Ohne Einwanderung bricht die Sozialversicherung zusammen", warnt der frühere Immigrations-Beamte Hidenori Sakanaka. Doch aus Angst vor den lautstarken Rechten bleibt das Thema tabu. Im Frühjahr gab die Reformregierung den Versuch auf, Ausländern das kommunale Wahlrecht zu geben.