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Unsichere Verhältnisse: Von Angst und Abstieg

Die alte Bundesrepublik mit ihrer nivellierten Mittelstandsgesellschaft ist Geschichte. Die Folge: Die Angst vor dem sozialen Abstieg wird größer. Von Harry Nutt

Es gibt Abwärtsspiralen, die sind  bunt und schön.
Es gibt Abwärtsspiralen, die sind bunt und schön.
Foto: ddp

Das berühmte Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe), das lange als Wandelhalle champagnertrinkender Austernesser angesehen wurde, ist zum Haus der Sorge geworden. Verkäufer fachsimpeln untereinander über Tagesumsätze des finanziell angeschlagenen Warentempels, und in der legendären Lebensmittelabteilung haben sich selbst Besserverdienende inzwischen auf Sonderangebote spezialisiert. Die Zeit des Prassens ist vorbei, und Sorgen und bange Zukunftsfragen stellen sich nicht nur jene, die sich vor Kurzarbeit in ihren Firmen und Schlimmerem fürchten müssen.

Neue Unterschicht, Armutsrisiken und Prekariat waren zuletzt die Vokabeln, mit denen ein Klima der Verunsicherung beschrieben wurde. Die Gewissheiten der "double standards" sind verloren gegangen. Als solche bezeichneten Sozialwissenschaftler die Schwankungen, die sie regelmäßig in ihren Erhebungen vorfanden. Nach ihren Lebensverhältnissen befragt, schätzten die Leute die allgemeine Lage eher schlecht, ihre eigene aber gut bis erträglich ein. Inzwischen kommen die Forscher oft zum umgekehrten Ergebnis. Die Befragten fühlen sich schlechter, als ihre sozialen Daten nahelegen. Die positive Selbsteinschätzung hat Risse bekommen.

Die Angst vor sozialem Abstieg beschäftigt die Sozialwissenschaftler schon länger. Die berühmte Formel des Soziologen Helmut Schelsky, der die frühe Bundesrepublik als nivellierte Mittelstandsgesellschaft beschrieb, in der Klassengegensätze ihre soziale Sprengkraft eingebüßt haben, hat ihre beruhigende Wirkung verloren. Dass die Angst der Mittelschichten vor sozialem Abstieg sogar die US-amerikanische Gesellschaft heimsucht, hatte die Sachbuchautorin Barbara Ehrenreich in ihrem Bestseller "Fear of Falling. The inner Life of the Middleclass" bereits 1989 festgestellt.

Die tatsächliche Bedrohung, die der Verlust des Arbeitsplatzes für eine Familie bedeutet, verdichtet sich ungut zum diffusen Gefühl einer blockierten Zukunft. Dass die Angst vor Armut von den gesellschaftlichen Rändern in die Mitte gewandert sei, konstatiert der Soziologe Ulrich Beck, und der Karlsruher Verfassungsrichter Udo di Fabio spricht kurzerhand von der bedrängten Mitte.

Rente nicht mehr von der Erwerbsbiografie abhängig

Der Globalisierungsdruck und die Finanzmarktkrise, die in den letzten Jahren zahlreiche Traditionsfirmen ins Schlingern brachten, haben auch das Selbstbewusstsein und den Leistungsbegriff der Mittelschichten erodieren lassen. Ob die Rente sicher ist, hängt nicht mehr nur von der Erwerbsbiografie und der eigenen Vorsorge, sondern auch von den Aktienmärkten und der Fondspolitik der Versicherer ab. Längere Arbeitszeiten, eingefrorene Gehälter und der permanente Umbau von Firmenstrukturen haben selbst die Inhaber vergleichsweise sicherer Arbeitsplätze zu einer gehetzt erscheinenden Schicht werden lassen.

Ging es bei Fragen der sozialen Schichtung früher um Abgrenzung, so wird die Erfahrung blockierter Aufstiegsperspektiven nun zu einer Achterbahn der Gefühle, in der auch die eigene Selbstsicherheit schwindet. "Das abgehängte Prekariat unserer Zeit", meint der Frankfurter Soziologe Sighard Neckel, "vermag ein Leistungsbewusstsein als Ressource der eigenen Selbstachtung kaum mehr für sich entdecken." Aus dem kollektiven Empfinden gesellschaftlicher Benachteiligung sei eine gefühlte Abwertung geworden, die die Individuen hauptsächlich für sich allein zu bewältigen haben.

Es sei nicht nur der gesellschaftliche Reichtum, der ungleich verteilt ist, sagt der Berliner Soziologe Claus Offe von der Hertie School of Governance. Während in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen vor allem Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten akkumuliert werden, häufen andere vor allem Risiken an. Wer dauerhaft in unsicheren Verhältnissen lebt, läuft Gefahr, auf vielfältige Weise von gesellschaftlicher Teilhabe abgekoppelt zu werden.

Der Soziologe Claus Offe und andere haben deshalb ein Modell vorgeschlagen, das bekannte Prinzip eines Sozialstaats, der in Notlagen einspringt, auf den Kopf zu stellen. In dem sogenannten Stakeholder-Modell soll bereits jungen Menschen ein Vermögensbetrag ausgehändigt werden, durch den sie auf der Basis von Eigenverantwortung und Chancengleichheit Aussicht auf gesellschaftliche Teilhabe erhalten.

Das würde vielleicht auch die resignative Grundstimmung aufheben, die Heinz Bude vom Hamburger Institut für Sozialforschung selbst bei der Generation der 30-Jährigen vorgefunden hat, die trotz vergleichsweiser guter Prognosen das Gefühl beschleicht, künftig nicht so recht zum Zuge zu kommen. Heinz Bude plädiert anstelle panischer Bestandsaufnahmen für die Verfeinerung der soziologischen Instrumente und schlägt vor, genauer zwischen sozialer Exklusion und Exklusionsempfinden zu unterscheiden.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  16 | 6 | 2010
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