Für einmal musste der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, die Bekanntgabe der Arbeitsmarktdaten der Regierung überlassen. Bereits am Mittwoch hatte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) mitgeteilt, dass die Zahl der Arbeitslosen unter die Drei-Millionen-Grenze gefallen sei. Weise blieb es überlassen, diese Zahl einzuordnen − und auf die Euphoriebremse zu drücken. Wenn Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) Deutschland auf der Schnellstraße zur Vollbeschäftigung sehe, dann könne er ihm nur empfehlen, vorsichtig zu fahren, sagte Weise.
Allerdings ist auch der BA-Chef Optimist. Vorausgesetzt die guten Konjunkturprognosen treten ein, werde sich der Arbeitsmarkt auch 2011 positiv entwickeln. Dann sei es möglich, dass im kommenden Oktober sogar die Grenze von 2,7 Millionen Arbeitslosen unterschritten werde. Die Wurzeln des Erfolges siedelte Weise wie viele andere Experten in den Reformen der rot-grünen Regierungszeit bis 2005 an. „Das waren Entwicklungen, die den heutigen Erfolg treiben“, sagte Weise.
Nicht nur die Arbeitslosigkeit liegt auf niedrigem Niveau, auch die Zahl der Menschen in Arbeit ist so hoch wie noch nie. Im September hatten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 40,9 Millionen Menschen einen Job.
Die Art der Beschäftigung hat sich seit der Wende allerdings deutlich verändert, wie eine Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit belegt. Demnach ist der Anteil der unbefristet in Vollzeit Beschäftigten zwischen 1992 und 2007 von 45 Prozent auf 38 Prozent gesunken. Gleichzeitig nahm der Anteil der unbefristet Teilzeitbeschäftigten um vier Prozentpunkte auf elf Prozent zu. Leiharbeit war Anfang der 90er Jahre kaum verbreitet, im Jahr 2007 waren der Studie zufolge dann bereits vier Prozent der Beschäftigten Leiharbeiter.
Flexibilisierung als Hauptursache
Die IZA-Experten sehen in der Entstehung atypischer Beschäftigungsverhältnisse und der damit verbundenen Flexibilisierung eine der Hauptursachen für die Entstehung neuer Arbeitsplätze. Diese sind allerdings vor allem im Niedriglohnbereich entstanden. Der Anteil der Beschäftigten, die für einen Niedriglohn arbeiten, ist nach Berechnungen des Instituts für Arbeit und Qualifikation zwischen 1994 und 2007 von 15 Prozent auf 21,5 Prozent gestiegen.
4,5 bis 5 Millionen Menschen arbeiten derzeit in Minijobs. „Es gibt viele Indizien dafür, dass im Gaststättengewerbe und im Handel Vollzeitstellen durch Minijobs ersetzt werden“, sagt Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI). Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Einzelhandel hat zwischen 1999 und 2008 um 4,5 Prozent abgenommen. Im Bauhauptgewerbe war ein Rückgang um 41 Prozent zu verzeichnen. Auch im Holz-, Papier- und Druckgewerbe, in der Chemie- und Kunststoffindustrie oder dem Ernährungs- und Textilgewerbe ist die Bilanz negativ.
Arbeitsplätze in großem Stil sind dafür in der IT-Industrie , der Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatung, in der Gebäudereinigung, dem Sicherheitsgewerbe, der Werbung und der Forschung und Entwicklung entstanden. Große Zuwächse gab es auch im Bereich der sozialen Dienstleistungen und im Gesundheitswesen. Wobei Experten kritisieren, dass gerade bei letzteren die Arbeitskonditionen für die Beschäftigten oft schlecht sind.