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Altersarmut: Wenn das Geld nicht reicht

Viele, die sich bei der Berliner Tafel Lebensmittel holen, sind Rentner - nach einem unabhängigen oft langen berufstätigen Leben fühlen sie sich als Bettler und schämen sich ihrer Hilfsbedürftigkeit.

Essensausgabe in der Pfungstädter Tafel (Archivbild)
Essensausgabe in der Pfungstädter Tafel (Archivbild)
Foto: Andreas Arnold
Berlin –  

Der alte Mann stopft wortlos drei Kartoffeln, drei Tomaten und zwei Brote in seinen Plastikbeutel. Er will seinen Namen nicht sagen und auch nicht, warum er hier ist. Er holt Lebensmittel ab, mit gesenktem Blick schleppt er die volle Tüte zum Ausgang.

Ein Mal in der Woche verteilt die Berliner Tafel an dieser Ausgabestelle im östlichen Stadtzentrum Berlins Lebensmittel an Bedürftige. Bis zu 50 Menschen kommen dann, viele von ihnen sind Rentner. Ingeborg Bernsau, die seit vier Jahren die Lebensmittelausgabe organisiert, schaut dem Mann hinterher. „Niemand gibt gerne zu, dass er arm ist“, sagt sie, besonders nicht die Älteren. Sie kennt das und sagt dann: „Sie sind doch nicht der einzige! Sie müssen sich nicht schämen.“

Auf der Bank im Hof sitzt eine alte Frau in der Sonne, die Arme auf einen Trolley gestützt. Eigentlich will auch sie nicht reden: „Heute ist so ein schöner Tag, das macht mich nur traurig.“ Sie schweigt, dreht die Zeitung zwischen ihren Händen zu einer festen Rolle, dann spricht sie doch weiter: „Stellen Sie sich vor, Sie sind ihr ganzes Leben lang von niemandem abhängig und auf einmal müssen Sie betteln gehen.“ 42 Jahre lang hat sie als Schneiderin gearbeitet, erst in einer Fabrik, dann hat sie am Theater Kostüme genäht. Weil ihre Miete mehrmals gestiegen ist, kommt sie mit ihrer Rente kaum noch über den Monat. 400 Euro zahlt sie für die eineinhalb Zimmer unweit des Arkonaplatzes, eine Gegend, die schick geworden ist, seit die Mauer fiel; wo heute die Eigentumswohnungen mehrere Hunderttausend Euro kosten. Aber sie will nicht weg von dort, wo sie ihr ganzes Leben verbracht hat.

511 Euro und Grundsicherung

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Es sind nur wenige Obdachlose, die sich bei der Tafel Lebensmittel abholen. Meist sind es Leute wie der Mann, der neben der Parkbank steht: Er ist 55 Jahre alt, war bis vor zwei Jahren als Gastronom selbstständig und hatte ein Café in Mitte. Einige Meter weiter wartet eine Musiklehrerin, 62 Jahre alt, die vor kurzem von ihrem Mann verlassen wurde und nun alleine Zuhause ihre Mutter pflegt. Neben der Schneiderin sitzt Valentina Stühler, Ende 60. Sie spricht es aus: „Natürlich reicht das Geld nicht.“ 511 Euro beträgt ihre Rente, dazu bekommt sie Grundsicherung. In ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Leipziger Straße wohnt sie schon seit 1973, sie hat noch einen alten Mietvertrag aus DDR-Zeiten, wenn die 343 Euro für die Miete, dann noch Telefon, Strom und Nebenkosten Anfang des Monats von ihrem Konto abgehen, dann bleibt nicht mehr viel übrig. Ohne die Lebensmittel, die sie hier bekommt, sagt sie, ginge es nicht.

„Ich hatte ein tolles Leben“, sagt sie. In den 60er Jahren war sie mit einem Journalisten verheiratet, sie reisten um die Welt, lebten in einer Villa in Kairo. Dann ging sie zurück nach Berlin und arbeitete im Palast der Republik. Ihre Stimme wird schwärmerisch, wenn sie von den Partys dort erzählt, von Konzerten und Theaterbesuchen, „jede Nacht.“ Nach der Wende verlor sie ihren Job, bekam Depressionen, konnte nicht mehr arbeiten gehen. Es ging eine Zeit lang, weil Valentina Stühler einen Liebhaber hatte, der sie unterstützte. Doch der ist längst tot. Ihre einzige Tochter lebt heute von Hartz IV. „Wie soll sie mich damit unterstützen?“

Die Enkelin studiert Musik. Manchmal tritt sie in der Philharmonie auf, dann bekommt Valentina Stühler eine Karte umsonst, dann ist ihr Leben wieder ein bisschen wie früher. „Es geht nach oben und nach unten. Ich bin optimistisch. Das ist meine Natur“, sagt sie. Und: „Wer weiß, was noch passiert.“

Autor:  Anne Lena Mösken
Datum:  7 | 9 | 2011
Kommentare:  3
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