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27. April 2015

Altersentwicklung: Wird die Demografie zur Katastrophe?

 Von Daniel Baumann
Trotz niedriger Geburtenrate ist die Bevölkerung in Deutschland seit 1970 gewachsen. Eine wichtige Rolle spielt die Geburtenrate.  Foto: rtr

Der Blick auf die demografische Entwicklung der Gesellschaft in Deutschland löst regelmäßig Panik unter den Beobachtern aus. Doch es gibt auch gute Argumente gegen die Angst.

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Ein Gespenst zieht durch deutsche Chefetagen. So präsent, dass es fast schon Fleisch und Blut geworden ist. Das Gespenst von der alternden Gesellschaft. Es macht ängstlich und schreckhaft. Und verleitet zum Handeln. Fachkräftemangel? Bekämpfen! Sozialsysteme? Nicht mehr finanzierbar! Die Zukunft? Düster! So läuft der Diskurs.

Man scheint sich einig, die dramatische Alterung Deutschlands beschlossene Sache. Quasi Alternativlos. Der Fachkräftemangel – nur noch eine Frage der Zeit. Doch ist dem wirklich so? In der Wissenschaft wird die Frage noch diskutiert. Und Forscher weisen auf Widersprüche und Defizite in der Lageanalyse hin.

Erstaunlich ist zunächst, dass sogar offensichtlich erfreuliche Nachrichten in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch ankommen. So ist die Bevölkerung in den vergangenen Jahren gewachsen. Lebten 1970 auf dem Boden der heutigen Bundesrepublik 78,1 Millionen Menschen, waren es zehn Jahre später 78,4 Millionen und 1990 dann 79,8 Millionen. Heute sind es über 81,1 Millionen Menschen.

Wieso ist der Eindruck entstanden, dass die Bevölkerung kleiner wird? Vor allem deshalb, weil zwischen der Wiedervereinigung und dem Jahr 2011 keine Volkszählung stattgefunden hat. Über die Jahre verschlechterte sich die Datenbasis immer weiter und damit die Annahmen über die Bevölkerungsentwicklung. „Die für 2000 vermeldete Zahl von 82,3 Millionen wurde durch den Zensus 2011 als deutlich fehlerhaft festgestellt“, so der Kölner Statistiker Gerd Bosbach. Verlässlich ist erst die Zahl für 2011 wieder, und die liegt mit 81,1 Millionen deutlich über dem Stand von 1990.

Das Bild von der Vergangenheit ist aber offenbar auch noch an anderer Stelle falsch. So kommen hierzulande laut amtlichen Zahlen seit 1970 im Schnitt 1,4 Kinder pro Frau zur Welt. Zum Erhalt der Bevölkerung wären 2,1 Kinder pro Frau nötig. Die logische Folgerung daraus ist, dass die Bevölkerung seit 1970 geschrumpft sein müsste. Doch auch das ist nicht eingetroffen. Die Zuwanderung spielt eine wichtige Rolle.

So viel zur Vergangenheit. Nun liegt die demografische Gefahr ja aber in der Zukunft. Eine viel zitierte Modellberechnung (keine Prognose!) des Statistischen Bundesamtes von 2008 ist das Szenario, dass die Bevölkerung bis 2060 auf 65 Millionen Menschen sinkt. Die Zahl der Menschen im Erwerbsalter soll von knapp 50 auf dann noch 33 Millionen zurückgehen. Das entspricht einem Schwund um 17 Millionen Menschen oder 34 Prozent. Das wirkt in der Tat bedrohlich.

Gibt es daran irgendetwas zu deuteln? Die Zahl scheint kaum Zweifel zuzulassen. Doch die Bedrohung relativiert sich schon erheblich, wenn man den jährlichen Rückgang ausrechnet. Das bedeutet nämlich laut dem Statistiker Bosbach, dass Jahr für Jahr 0,8 Prozent der heutigen Arbeitskräfte ersetzt werden müssen.

Hinzu kommen weitere Faktoren, die diesen Wert weiter drücken. So liegt der Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes zum Beispiel die Annahme zugrunde, dass das Renteneintrittsalter im Jahr 2060 bei 65 Jahren liegen wird, obwohl die Rente mit 67 bereits beschlossene Sache ist. Damit werden zwei Jahrgänge der Gruppe der Ruheständler zugerechnet, obwohl sie dort gar nicht hingehören (sofern die Leute dann tatsächlich bis 67 Jahre arbeiten). Weiter ließe sich diskutieren, ob bei kleinerer Gesamtbevölkerung eigentlich genauso viele Erwerbstätige nötig sind wie heute, um die Versorgung der Mitmenschen zu sichern. Und ob mit politischen Entscheidungen die Geburtenrate und die Zuwanderung nicht erhöht werden können.

Damit ist die Liste der Faktoren, die die demografischen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt dämpfen können, aber noch nicht vollständig: An verschiedensten Stellen schlummert Potenzial für die Fachkräftegewinnung: Ältere Arbeitnehmer werden noch immer aus dem Arbeitsleben aussortiert; für Jugendliche gibt es nicht genügend Ausbildungsplätze; Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern schaffen den Aufstieg viel zu selten; die Arbeitsbedingungen führen dazu, dass viele Menschen vor dem offiziellen Rentenalter ihren Beruf aufgeben müssen; noch immer leisten wir uns eine hohe Arbeitslosenzahl; über sechs Millionen Arbeitende würden heute zudem gerne mehr arbeiten als sie dürfen – und jeder sechste Arbeitnehmer ist in einem Beruf tätig, für den er überqualifiziert ist.

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Der wichtigste Faktor aber dürfte werden, dass durch die gewaltigen Sprünge, die bei der Automatisierung der Produktion erwartet werden, künftig die Maschinen einen guten Teil des Wohlstandes sichern werden. Die Frage stellt sich, ob es für Menschen überhaupt noch genügend bezahlte Arbeit geben wird.

Mit all diesen Einwänden soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die demografische Entwicklung die Gesellschaft herausfordert. Es ist aber nicht so, dass der Untergang des Deutschlandes bevorsteht. Etwas weniger Aufregung täte der Diskussion gut.

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