Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Arbeit. Unsere Religion.
Arbeiten wir, um zu leben? Leben wir, um zu arbeiten? Der FR-Schwerpunkt.

11. April 2015

Günter Wallraff Interview: „Ich kämpfe gegen den Schweinezyklus“

 Von 
Günter Wallraff  Foto: picture alliance / dpa

Im FR-Interview spricht Enthüllungsjournalist Günter Wallraff über moderne Ausbeutung, Hinterlist beim Mindestlohn und den schlimmsten Job, den er je hatte.

Drucken per Mail

Herr Wallraff, was bedeutet Arbeit für Sie?
Zuerst einmal: Arbeit sollte kein Selbstzweck sein und nicht das Alleinbestimmende im Leben. Doch regelmäßig erlebe ich nach neuen Veröffentlichungen, dass Betroffene direkte Hilfe erwarten oder sich mir Insider mit weiterführenden Erkenntnissen anvertrauen. Dem entziehe ich mich nicht, und es wird zu einer Inanspruchnahme, die über die eigentliche journalistische Arbeit weit hinausgeht. Da bin ich gefordert, manchmal auch überfordert. Aber in dieser „Arbeit“ verwirkliche ich mich auch. In meinen Rollenreportagen ist das Spielerische eine kreative Antriebskraft, und ich spiele für mein Leben gern.

Auch Tischtennis habe ich gehört.
Ja, zum Beispiel spiele ich auch ab und zu in der JVA zusammen mit anderen gegen Gefangene. Daraus sind einzelne Freundschaften entstanden. Da ich zum Meditieren zu unruhig bin, schaffe ich es beim Marathontraining – oft spätabends noch – Anspannung und Probleme auszuschwitzen. Als jetzt mal wieder das Büro aufgeräumt werden musste und ich merkte, dass das alles wieder nur in Arbeit ausartet, habe ich zwecks Auflockerung einen Tischkicker reingestellt. Nur leider spielt mein Mitarbeiter in einer anderen Liga, er ist 33 und altersbedingt meist reaktionsschneller.

Zur Person

Günter Wallraff, 72, ist Deutschlands bekanntester Investigativjournalist. Er begann 1965, sogenannte Industrie-Reportagen zu schreiben. Dafür schleuste er sich undercover in verschiedene Betriebe ein und veröffentlichte seine Erfahrungen mit den dortigen Arbeitsbedingungen in mehreren Büchern; das wohl bekannteste ist „Ganz unten“ (1985).

Sein aktuelles Projekt ist das Büro „workwatch“, das Menschen in prekären Arbeitsbedingungen hilft. Im Zuge dieser Arbeit erschien Günter Wallraffs jüngstes Buch „Die Lastenträger“ im Verlag
Kiepenheuer und Witsch, 2014,
304 Seiten, 14,99 Euro. FR

Und wenn Sie dann doch wieder arbeiten?
Meine Art der Arbeit hat sich für mich so ergeben, ich fühle mich gefordert, denn ich bin inzwischen ja auch privilegiert. Ich war zwar Ende der 60er und in den 70ern für eine gewisse Zeit für „Pardon“ und „Konkret“ (zwei Magazine, Anm. d. Red.) tätig und habe dort immer das gemacht, was ich für richtig und wichtig hielt.

Was ist Ihnen gerade besonders wichtig?
Nach meinen jüngsten Recherchen für RTL mit dem „Team Wallraff“ zu den Arbeitsagenturen und Jobcentern fühle ich mich den Menschen gegenüber, deren Schicksale und Demütigungen wir veröffentlicht haben, jetzt erst recht verantwortlich, dran zu bleiben. In Einzelfällen gelingt es unter Einbeziehung aller Beteiligten, Verbesserungen durchzusetzen. Diese „Nacharbeit“ und Nachhaltigkeit sehe ich als Verpflichtung an. Aus diesem Grund habe ich auch zusammen mit meinem Kollegen Albrecht Kieser das Büro „work-watch“ gegründet, das Betroffenen kostenlose Beratung anbietet. Hier engagiere ich mich auch persönlich, und es macht Sinn, sich dafür die Zeit zu nehmen.

Sie denken also auch nicht in Kategorien wie Feierabend oder Urlaub?
Das würde ich gerne. Ich nehme mir oft zu viel vor, kann schlecht nein sagen und lehne es ab, sogenanntes Wichtiges von angeblich Unwichtigem zu trennen. Ich genieße es allerdings, wenn das Telefon nicht klingelt, und Sonntage liebe ich über alles. Deshalb bin ich in diesem Punkt voll auf Seite der katholischen Kirche, dass diese Tage und bestimmte Feiertage der Zeit mit der Familie und den Freunden vorbehalten sein sollten. Wenn das alles auch noch der reinen Wirtschaftlichkeit und den Profitinteressen preisgegeben wird, wird die Vereinzelung und Entsolidarisierung der Menschen noch weiter zunehmen. Ich genieße Tage, an denen die Zeit stillsteht, wie jetzt an Ostern oder an Weihnachten zum Beispiel, da lebe ich auf.

Wann glauben Sie, wird Arbeit zur Ausbeutung? Und wann wird Arbeit für Sie Ausbeutung?
Ich bin so privilegiert, dass ich nie sagen kann: „Ich beute mich selber aus“. Ich würde eher sagen, dass ich noch produktiver wäre, wenn mein Leben organisierter abliefe. Aber wenn ich andere erlebe, die sich aufopfern und sich alles gefallen lassen, um das Existenzminimum zu erreichen, dann fühle ich mit diesen Menschen, das nimmt mich mit. Diese Wehrlosigkeit bis hin zur Selbstausbeutung ist von den Arbeitgeber-Strategen vorbereitet worden. In meinem Buch „Aus der schönen neuen Welt“ zitiere ich den damaligen Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Michael Rogowski, der schon 2004 meinte: „Die Arbeitskraft hat ihren Preis, wie ihn auch Schweine haben. Im Schweinezyklus ist der Preis hoch, wenn es wenige Schweine gibt. Werden viele Schweine angeboten, dann sinkt halt der Preis.“ Ähnlich deutlich forderte der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walther, 2008: „Manche von uns (!) werden sich darauf einstellen müssen, künftig einen Lohn zu bekommen, der in Deutschland zum Überleben nicht mehr reicht.“ Das ist die Ideologie der schamlosen Ausbeutung.

Günter Wallraff arbeitet in den 1980er Jahren als türkischer Gastarbeiter in Deutschland.  Foto: dpa

Sie haben schon viel gesehen, was schlechte Arbeit angeht. Frustriert es Sie, dass sich alles immer wiederholt? Damals wurden die Leute ausgebeutet bei Thyssen, heute bei Amazon.
Ich bewahre mir eine gewisse Naivität und tue so, als könnte alles ganz anders sein. Das heißt, ich finde mich mit dem Vorgegebenen nicht ab. Ich bin zwar einerseits Berufsskeptiker, aber andererseits auch Zweckoptimist. Ich sage mir: Alles, was mal die Visionen früherer Generationen waren, ist heute Realität: zum Beispiel Arbeitsrechte, Frauenrechte, Minderheitenrechte oder auch der Umweltschutz. Was heute noch gang und gäbe ist, wird in einer zukünftigen Gesellschaft – die ich nicht mehr erleben werde – schon anders sein.

Das klingt ziemlich optimistisch!
Ja, aber wenn ich andererseits sehe, wie Rechte, die durch eine Arbeiterbewegung erkämpft wurden, rückgängig gemacht werden, dann ist es auch zum Verzweifeln. Dann frage ich mich, ob nicht alles umsonst ist. Doch Sisyphos ist meine Leid- und Leitfigur: Egal, wie wenig erfolgversprechend und anstrengend es im Moment erscheinen mag, wir müssen es trotzdem machen und so tun, als ob alles möglich wäre. Denn es ist oft viel mehr möglich, als man vorher angenommen hat.

Wie haben sich die Menschen als Arbeitnehmer verändert im Laufe Ihrer jahrelangen Recherchen?
Ich habe den Eindruck, wir stehen am Anfang einer neuen sozialen Bewegung. Zu Beginn meiner Arbeit Mitte der 60er Jahre in den Betrieben war es zum Beispiel viel mühseliger, einen Zeugen zu finden, der bereit war, notfalls vor Gericht auszusagen. Heute reden die Menschen offener über unzumutbare Arbeitsbedingungen, sie haben ein Bedürfnis danach. Es sind viele, die sogar Unbill und Nachteile im Beruf riskieren, weil sie wollen, dass Missstände öffentlich werden.


Das heißt doch auch, dass man über eine breitere Front Probleme angehen könnte. Warum tun sich die Menschen nicht stärker zusammen? Erst nachdem jemand seine Stimme erhebt, trauen sich die Menschen, von ihren Problemen zu erzählen.
Es wird ein starker Druck ausgeübt! Es gibt Regionen, gerade im Osten Deutschlands, das sind gewerkschaftsfreie Zonen. Die meisten haben Angst vor den Konsequenzen, wissen gar nichts über die Arbeit einer Gewerkschaft und ihre Arbeitnehmerrechte. Das ist ein Riesenproblem. In vielen Betrieben wird eine gewerkschaftliche Betätigung nicht nur erschwert, sondern sogar verhindert.

Es scheint so viele Menschen zu geben, die in der gleichen Situation sind. Doch keiner redet darüber. Viele scheinen das Gefühl zu haben, ihres sei ein Einzelschicksal.
Viele schämen sich sogar. Sie verspüren eine Ohnmacht gegenüber dem Arbeitgeber und empfinden sich als wehrlos und geben ihre Rechte auf. Und so etwas wie Solidarität ist oft abhanden gekommen. „Proletarier“ war mal ein Ehrentitel, heute ist er zum Begriff „Prolet“ verkommen und geht schon in Richtung „Assi“. Es ist eine Verrohung und Entsolidarisierung entstanden. Oder wie in der Jugendsprache das Wort „Opfer“ zum ausgrenzenden Schmäh- und Schimpfwort pervertiert wurde. Wo früher dem Opfer noch Mitgefühl und Hilfsbereitschaft entgegengebracht wurde, bleibt heute nur Spott und es darf nachgetreten werden.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

1 von 2
Nächste Seite »

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

FR-Schwerpunkt

Arbeit. Unsere Religion.

Arbeit – welche Bedeutung hat sie für uns? Arbeiten wir, um zu leben? Leben wir, um zu arbeiten? Was alles ist Arbeit und warum überhöhen wir ihren Wert und erheben ihn zum Glaubensbekenntnis? „Arbeit – unsere Religion“, die FR beleuchtet das Thema mit Analysen, Interviews, Reportagen, Hintergründen. Der Schwerpunkt.

Analyse

Arbeit. Unsere Religion.

Von  |
DIE LEHRERIN: Janine Schreiner kann sich nichts anderes vorstellen als Lehrerin für Deutsch, Englisch, Arbeitslehre, Kunst und Sport zu sein.

Mehr Menschen als je zuvor arbeiten. Nur wenige haben Freude daran, andere werden krank. Trotzdem machen wir weiter. Immer weiter. Mehr...

Umfrage
Stefanie Eiden.

Labore ergo sum. Ich arbeite, also bin ich. Das zählt in einer Arbeitsgesellschaft. Wenn Arbeit zur Religion wird. Ist es das wirklich? Wir fragen Menschen, was sie in ihrem Leben am liebsten tun. Und ob Ihnen die Arbeit dafür genug Zeit lässt. Die Antworten.

+++ Rekord: 43 Millionen Menschen sind erwerbstätig +++ Arbeiter an die Macht. Wenn Mitarbeiter ihren Chef wählen +++ Rubén Cruz, 13 Jahre alt, Gewerkschafter +++ Ohne Chance: Die ungerechte Ausbildungswelt +++ Nur nicht den Zug verpassen: Das Rennen um Fachkräfte +++ Helden der Arbeit +++ Ganz unten: Günter Wallraff im Interview +++ Die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Berufe +++ Was tun gegen Arbeit ohne Sinn? +++ Glücklich am Schreibtisch: Richard Sennett im Interview +++ Respekt. Die „hard-working family“ +++ Panik Demografie +++ Geld ist ein schlechter Motivator +++

Anzeige

Videonachrichten Wirtschaft
Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen