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03. April 2015

Langzeitarbeitslose: Neue deutsche Verachtung

 Von Martin Staiger
Dank der diversen Reformen der vergangenen Jahre landen Langzeitarbeitslose heute direkt in der Altersarmut.  Foto: dpa

Unter Bessergestellten setzt sich immer mehr folgende Überzeugung durch: Wer keine Arbeit hat, der sucht sie auch gar nicht. Die Realität ist allerdings eine ganz andere.

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„Arbeitslosigkeit sinkt auf Rekordtief“, „So viele Erwerbstätige wie nie“, „Ifo-Geschäftsklimaindex erneut gestiegen“. So oder so ähnlich lauten die Schlagzeilen vom Arbeitsmarkt.

Wer in einer solchen Zeit erwerbslos ist, hat es doppelt schwer. Arbeitslose sind nicht nur materiell ausgegrenzt – nach einer Untersuchung der Hans- Böckler- Stiftung ist die Armutsquote von Arbeitslosen in Deutschland die mit Abstand höchste in der ganzen EU – sie werden auch vielfältig diskriminiert. Besonders schlecht angesehen sind Langzeitarbeitslose, die Arbeitslosengeld II, besser bekannt als „Hartz IV“, erhalten. Eine häufige, nicht nur in den regelmäßigen Kampagnen der „Bild“- Zeitung, sondern auch in manchem „Leitmedium“ zu beobachtende Denkfigur geht so: Da die Arbeitslosenquote in den letzten Jahren immer weiter zurückgegangen ist, finden anscheinend alle, die arbeiten wollen, auch eine Arbeit. Die allermeisten Arbeitslosen wollen also gar nicht arbeiten, was nur damit zusammenhängen kann, dass die Sozialleistungen für Arbeitslose zu hoch sind.

Es sei nicht in Abrede gestellt, dass es erwerbslose Menschen gibt, die nicht arbeiten wollen und auch Mittel und Wege finden, dem Arbeitsmarkt fern zu bleiben – so wie es auch abhängig Beschäftigte gibt, die nicht arbeiten wollen und denen es tagtäglich gelingt, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Kaum eine Chance

Dass die meisten Arbeitslosen nicht arbeiten wollen, ist jedoch eine durch nichts bewiesene Behauptung. Und es gibt auch keinerlei Belege dafür, dass es hauptsächlich eine Frage des Willens und der eigenen Anstrengung ist, ob jemand aus der Arbeitslosigkeit heraus einen Job findet oder nicht. Im Gegenteil: Die Zahlen vom Arbeitsmarkt zeigen, dass tatsächlich nur ein Bruchteil der Erwerbslosen überhaupt die Chance hat, eine Stelle zu finden. Nach der vergangenen Mittwoch veröffentlichten Arbeitslosenstatistik stehen 542 000 offenen Stellen rund 2,9 Millionen offiziell Arbeitslose gegenüber. Zu den rund 2,9 Millionen Arbeitslosen kommen noch einmal rund 886 000 „Unterbeschäftigte“ dazu – das sind zum Beispiel Erwerbslose, die länger krank sind oder solche, die mindestens 58 Jahre alt sind und seit mindestens einem Jahr keinen sozialversicherungspflichtigen Job mehr angeboten bekamen. Viele Menschen arbeiten darüber hinaus unfreiwillig in Teilzeit, viele haben sich – da sie keine Anstellung finden – mehr oder weniger freiwillig selbstständig gemacht, andere haben es ganz aufgegeben, Arbeit zu finden und tauchen deswegen auch in keiner Statistik auf.

Zur Person

Martin Staiger ist evangelischer Theologe und Sozialarbeiter. Er arbeitet seit dem Wintersemester 2014/15 als Dozent für Sozialrecht an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg.

Der 1967 in Stuttgart Geborene war nach dem Studium Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes der Stadt Stuttgart, freier Journalist, Schuldnerberater beim Kreisdiakonieverband Esslingen, Referent beim Diakonischen Werk Württemberg und freiberuflicher Anbieter von Fortbildungen.

Der Mythos „Wer sich um Arbeit bemüht, der findet auch was“ ist dennoch in der Welt und entfaltet als weitgehend nicht hinterfragte Wahrheit seine Wirkung. Wurde Erwerbslosigkeit Mitte der 70er und Anfang der 80er Jahre, als die Arbeitslosenzahlen in der Bundesrepublik in zuvor unvorstellbare Höhen von zuerst einer, dann zwei Millionen stiegen, noch hauptsächlich als konjunkturbedingt betrachtet, wird sie heute vornehmlich als selbstverschuldet angesehen. Entsprechend hat sich auch die Sozialpolitik gewandelt: Wer arbeitslos wurde, erhielt bis 1983 Arbeitslosengeld in Höhe von 68 Prozent des letzten Nettolohns und nach einem Jahr Arbeitslosigkeit dauerhaft Arbeitslosenhilfe in Höhe von 58 Prozent.

Nach vielen kleineren und größeren Reformen liegt das Arbeitslosengeld inzwischen für Kinderlose bei rund 60 Prozent des letzten Nettolohns, für Erwerbslose mit Kindern bei ungefähr 67 Prozent. Die Arbeitslosenhilfe wurde bereits 1997 für länger Erwerbslose stark gekürzt und 2005 schließlich ganz abgeschafft und durch Hartz IV ersetzt.

Das kontinuierlich sinkende Ansehen, das Arbeitslose in unserer Gesellschaft erleben müssen, lässt sich auch an der Rentenpolitik ablesen. Für Langzeitarbeitslose, die in der zweiten Hälfte der 90er Jahre die damalige Arbeitslosenhilfe erhielten, wurden Beiträge auf der Basis von rund 80 Prozent des letzten Gehaltes in die Rentenversicherung einbezahlt – mit der Folge, dass sie im Rentenalter für diese Zeit eine annähernd gleichwertige Rente bekommen, als wenn sie weiter gearbeitet hätten. Seit 2000 wurden für sie nur noch Rentenbeiträge auf Basis der tatsächlich gezahlten Arbeitslosenhilfe bezahlt.

Hartz IV

Als vor zehn Jahren die Arbeitslosen- und Sozialhilfe durch „Hartz IV“ ersetzt wurden, wurden die in die Rentenkasse bezahlten Beiträge für Langzeitarbeitslose erneut gesenkt mit der Folge, dass ein heutiger Rentner, der 2005 und 2006 Hartz IV bezog, für diese beiden Jahre rund zehn Euro Rente pro Monat erhält. 2007 wurde der Rentenversicherungsbeitrag für Langzeitarbeitslose in etwa halbiert, 2011 wurde er abgeschafft. Langzeitarbeitslosigkeit führt seitdem direkt in die Altersarmut.

Arbeitslosigkeit wirkt sich jedoch auch gesundheitlich aus. Mehrere Studien haben unabhängig voneinander ergeben, dass Arbeitslose besonders häufig und besonders schwer krank sind. Nach einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes aus dem Jahr 2010 waren Arbeitslose doppelt so häufig an Krebs und viermal häufiger psychisch erkrankt als Erwerbstätige. Nach einer 2006 veröffentlichten Untersuchung des Institutes für medizinische Psychologie der Universität Leipzig steigt das Sterblichkeitsrisiko von Arbeitslosen bereits kurz nach Beginn der Arbeitslosigkeit deutlich an.

Gründe sind unter anderem Suchterkrankungen, Bluthochdruck bis hin zum Herzinfarkt und Depressionen. Und nach einer jüngst veröffentlichten Studie der Universität Zürich liegt die Suizidrate von Erwerbslosen deutlich über der Suizidrate von Erwerbstätigen. Die „soziale Hängematte“ ist keine.

Mehr dazu

Es gibt eine leider viel zu wenig beachtete repräsentative Studie des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer über Vorurteile und Diskriminierungen, die sich über den Zeitraum von 2002 bis 2011 erstreckte. Heitmeyer beobachtete in dieser Zeit vermehrte „Abwertungen der als „Nutzlose“ und „Ineffiziente“ deklarierten Gruppen, also von Hartz-IV-Empfängern und Langzeitarbeitslosen.“ Nach der Beobachtung der Forschergruppe hat die Verachtung von Randgruppen im Beobachtungszeitraum insbesondere bei Gutverdienerinnen und Gutverdienern stark zugenommen. Heitmeyer spricht von einem „eisigen Jargon der Verachtung“ und einer „rohen Bürgerlichkeit“, die sich unter finanziell Bessergestellten etabliert hat.

In einem solchen gesellschaftlichen Klima ist es für arbeitslose Menschen verdammt schwer, menschenwürdig zu leben. Oder anders ausgedrückt: Wenn Arbeit tatsächlich unsere Religion ist, dann sind die Arbeitslosen die Exkommunizierten. Und so ist es dann höchste Zeit, diese Religion kritisch zu hinterfragen.

Vielleicht sollten wir uns wieder auf die Prinzipien wesentlich älterer Religionen besinnen: Sowohl in der jüdischen als auch der christlichen Tradition kommt dem Menschen eine unveräußerliche Würde zu – gänzlich unabhängig davon, was er zu leisten imstande ist. Und diese Überzeugung, die auch mal das deutsche Grundgesetz geprägt hat, ist um vieles menschenfreundlicher – und um vieles realistischer – als unser Arbeitskult.

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Arbeit – welche Bedeutung hat sie für uns? Arbeiten wir, um zu leben? Leben wir, um zu arbeiten? Was alles ist Arbeit und warum überhöhen wir ihren Wert und erheben ihn zum Glaubensbekenntnis? „Arbeit – unsere Religion“, die FR beleuchtet das Thema mit Analysen, Interviews, Reportagen, Hintergründen. Der Schwerpunkt.

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+++ Rekord: 43 Millionen Menschen sind erwerbstätig +++ Arbeiter an die Macht. Wenn Mitarbeiter ihren Chef wählen +++ Rubén Cruz, 13 Jahre alt, Gewerkschafter +++ Ohne Chance: Die ungerechte Ausbildungswelt +++ Nur nicht den Zug verpassen: Das Rennen um Fachkräfte +++ Helden der Arbeit +++ Ganz unten: Günter Wallraff im Interview +++ Die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Berufe +++ Was tun gegen Arbeit ohne Sinn? +++ Glücklich am Schreibtisch: Richard Sennett im Interview +++ Respekt. Die „hard-working family“ +++ Panik Demografie +++ Geld ist ein schlechter Motivator +++

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