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01. April 2015

Textilbranche: „Kein Boss schreit uns mehr an“

 Von Kathrin Hartmann
Büstenhalter im Akkord: In Indiens Textilfabriken nähen Frauen täglich bis zu 14 Stunden.  Foto: rtr

El Salvador ist ein Zentrum der Textilindustrie. Die Löhne sind niedrig, die Firmen zahlen keine Steuern. Doch einige Arbeiterinnen begehren auf.

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Es sind ganz normale T-Shirts, grün, blau und schwarz, die da auf dem Tisch liegen. Doch in jedem einzelnen Stich, mit dem sie genäht sind, stecken Mut, Stolz und Hoffnung. Sie stammen aus der Nähkooperative Acopius in San Salvador. Für die Frauen dort sind sie mehr als nur ein Kleidungsstück: ein Symbol der Freiheit, denn sie haben es geschafft, der Ausbeutung in den Textilfabriken El Salvadors zu entkommen.

Das kleinste Land Mittelamerikas ist ein Zentrum der Textilindustrie. Um die Kosten zu senken, haben Markenfirmen wie Adidas, Puma, Fruit of the Loom, Hanes oder The North Face ihre Produktion in Sonderwirtschaftszonen ausgelagert, die in den 80er Jahren und nach dem Bürgerkrieg auf Betreiben der USA dort entstanden. Die Löhne sind niedrig, die Firmen, die für den Export produzieren lassen, zahlen keine Steuern. Obwohl dort keine Billig-Mode wie in Bangladesch hergestellt wird, sondern teure Sport- und Outdoor-Bekleidung, ist die Arbeit mies: Hungerlöhne, Gewerkschaftsbehinderung und Unterdrückung sind an der Tagesordnung.

Auch Estela Ramirez und ihre Kolleginnen von Acopius haben viele Jahre unter solchen Bedingungen in der Fabrik Hermosa geschuftet, die auch für Adidas produzierte. Sie verdienten so wenig, dass sie sich nebenher als Haushaltshilfe verdingten oder Nachtschichten in anderen Maquilas übernahmen. Der Chef, Salvador Montalvo, brüllte sie zusammen, zwang sie zu unbezahlten Überstunden und steckte sich die Sozialabgaben der Frauen in die eigene Tasche.

Die Situation war so unerträglich, dass Ramirez eine Gewerkschaft gründete. Da schloss Montalvo die Maquila und prellte die Frauen um ihren letzten Lohn. Mit Unterstützung der nichtstaatlichen Organisation Christliche Initiative Romero gelang es den Frauen, international Aufmerksamkeit für den Fall zu erregen und Adidas öffentlich unter Druck zu setzen; Montalvo kam vor Gericht und wurde bestraft.

Als Kooperative anerkannt

Zwar hat Montalvo, der den Frauen 353 000 Dollar schuldete, nie bezahlt. Aber weil die Geschichte der Heldinnen von Hermosa um die Welt ging, richtete die internationale Organisation Fair Labour Foundation einen Entschädigungsfonds ein. Die 64 Frauen, die auf der Straße saßen, erhielten je zwei Monatslöhne. Insgesamt etwa 20 000 Dollar – ein Bruchteil dessen, was ihnen zustand. Auch Adidas zahlte zähneknirschend einen kleinen Beitrag. Aber die Näherinnen hatten einen Präzedenzfall geschaffen.

Das ist zehn Jahre her. Keine der Frauen hat je wieder eine Anstellung in einer Maquila bekommen; sie standen auf schwarzen Listen. Zehn Jahre kämpften sie gemeinsam ums Überleben. Ramirez erinnert sich: „Man hat uns gesagt: werdet Kleinunternehmerinnen. Aber Unternehmer waren bei uns einfach zu negativ besetzt.“ Dann fiel ihr ein Buch über Kooperativen aus den 70er Jahren in die Hände: „Etwas gemeinsam zu machen, das für die Gemeinschaft nützlich ist – das war etwas für uns.“ Sie organisierten sich Industrienähmaschinen und schafften es bald, als Kooperative rechtlich anerkannt zu werden.

Heute erzählen die Frauen mit glänzenden Augen von Acopius. Hier entscheiden alle alles gemeinsam. Alle teilen alles – Geld, Arbeit, Sorgen. Niemand muss sich demütigen und ausbeuten lassen. „Es gibt keinen Boss, niemand schreit uns mehr an.“

Adidas am Pranger

Nur: gut leben können sie von ihrer Arbeit nicht. Sie verdienen teils sogar weniger als bei Adidas. Obwohl sie 100 T-Shirts am Tag nähen können, haben sie zu wenig Aufträge. Nicht, weil sie nicht wirtschaften könnten. Das gnadenlose System der Billigarbeit ist mächtig und macht auch ihnen Konkurrenz. Einmal sei der Vertreter einer großen Firma zu ihnen gekommen und war beeindruckt von ihrer Leistung. Er wollte ihnen einen Auftrag für 1000 T-Shirts geben aber nicht mehr als 50 Cent pro Stück zahlen. 500 Dollar für zehn Tage Arbeit und 16 Leute! Da lehnten die Frauen ab. „Wir haben ihm gesagt, dass wir feministisch wirtschaften und uns nie mehr ausbeuten lassen“, erinnert sich Ramirez, „da ist er gegangen.“

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Dazu kommt, dass die Kooperative – anders als die Großkonzerne, die in El Salvador in den Sonderwirtschaftszonen nähen lassen – hohe Steuern zahlen muss. Zudem müssen sie den Kredit zurückzahlen, den sie für die Nähmaschinen aufnehmen mussten. Momentan ist die Kooperative bei Maria Fernandez* zu Hause untergebracht. Sie lebt in einem Viertel, das von kriminellen Banden kontrolliert wird. Es gab bereits Schutzgeldforderungen, deshalb halten die Näherinnen die Kooperative geheim.

Der Preis, den die Rebellinnen für ihre Freiheit zahlen, ist hoch. Dennoch: „Wenn man einmal erkannt hat, dass man ungerecht behandelt und erniedrigt wird, dann kann man nicht mehr zurück“, sagt Margerita Chavez*.

Die Arbeiterinnen von Hermosa haben es geschafft, dem Weltkonzern Adidas an den Pranger zu stellen und einen kriminellen Fabrikbesitzer vor Gericht zu bringen. Sie sind für viele Frauen und Männer zum Vorbild geworden, die gegen Ungerechtigkeit aufstehen und sich trotz Widrigkeiten in Gewerkschaften solidarisieren. Man kann sagen, dass sie ihr Land verändert haben. Und ein bisschen auch die Welt.

* Name geändert

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