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07. April 2015

Zeitarbeit: Leiharbeit in Personalnot

In der Zeitarbeitsbranche mangelt es nicht nur an ungelernten Arbeitern sondern auch an Fachkräften wie Schweißern.  Foto: REUTERS

Die Branche hat Mühe bei der Personalgewinnung. Dass die vorhandenen Fachkräfte nicht zuerst zu den Zeitarbeitsfirmen gehen – daran sind die Entleiher nach Meinung von Gewerkschaften mit Schuld.

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Hinfahren, wecken, zur Arbeit bringen: Wenn Nicole Munk, Geschäftsführerin der Karlsruher Zeitarbeitsfirma Synergie Personal Deutschland, zufriedene Kunden haben will, muss sie ihre Mitarbeiter immer öfter eng an die Hand nehmen. Wer am Arbeitsplatz des Kunden nicht auftaucht, wird angerufen, aufgesucht, sogar abgeholt. „Der Zeitaufwand für das gleiche Ergebnis ist viel größer geworden“, sagt Munk.

Woran das liegt? „Ganz klar am Mangel von geeigneten Arbeitskräften“, erklärt Munk. Fachkräfte fehlen genauso wie ungelernte Mitarbeiter – und die Zeitarbeitsbranche trifft es besonders hart. Die kleinen Anbieter – und damit rund 95 Prozent der Player am Markt – begründen dies mit fehlenden finanziellen und logistischen Möglichkeiten, von weit her oder gar im Ausland nach Mitarbeitern zu suchen.

Dass die vorhandenen Fachkräfte nicht zuerst zu den Zeitarbeitsfirmen gehen – daran sind die Entleiher nach Meinung von Gewerkschaften mit Schuld. „Es liegt auch an der Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem Arbeitsmarkt“, betont eine Sprecherin der Gewerkschaft IG Metall Baden-Württemberg. „Wenn die Unternehmen wie derzeit wieder vermehrt einstellen, werden Arbeitnehmer kaum die für sie schlechtere und unsicherere Alternative Leiharbeit wählen.“

Wenn Zeitarbeitsfirmen in ihrem Hauptgeschäft weiter erfolgreich sein wollen, müssen sie sich entweder nach zusätzlichen Geschäftsfeldern umsehen oder auf bestimmte Branchen spezialisieren. „Direkte Folge von Fachkräftemangel ist die Notwendigkeit, Nischen zu finden“, so Ralf Niederdrenk von der Beratungsfirma PWC. So übernehmen kleine Firmen wie Synergie Personal beispielsweise Gehaltsabrechnungen von Kunden oder die Bewerbersuche – oder werben für den Kunden Auszubildende an. „Zeitarbeit ist nicht mehr alleiniger Broterwerb“, sagt Munk.

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Auch die Qualifizierung von Fachkräften wird in der Branche ein Thema. Kleinere Personalverleiher konzentrieren sich auf bestimmte Berufsgruppen wie etwa Ingenieure oder Schweißer und bilden diese auch selber weiter wie etwa die Fair Personal in Ahaus. Ziel solcher Ansätze sei es, dass aus „geringqualifizierten Zeitarbeitnehmern stufenweise Fachkräfte werden“, erklärt Volker Enkerts, Präsident des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP), der dazu im kommenden Jahr ein Pilotprojekt startet. (dpa)

Fachkräftemangel - heute und morgen

HEUTE

In Deutschland gibt es derzeit keinen flächendeckenden Fachkräftemangel – so eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit. Es gibt jedoch Engpässe in einzelnen technischen Berufsfeldern sowie Gesundheits- und Pflegeberufen. Mangel zeigt sich danach zunehmend nicht nur bei akademischen, sondern auch bei nichtakademischen Professionen.

Bei den technischen Berufen zeigen sich Fachkräfteengpässe vor allem im Maschinenbau- sowie in den Metall- und Elektro(-technik)-Berufen. Betroffen sind auch IT-Berufe sowie technische Berufe im Bereich des Eisenbahnverkehrs, ebenso im Bereich Ver- und Entsorgung sowie in der Klempnerei, bei Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik.

Im Gesundheitsbereich zeigt sich der Mangel bei Humanmedizinern, bei examinierten Gesundheits- und Krankenpflegekräften und bei examinierten Altenpflegern. Erstmals festgestellt wurde bei der aktuellen Analyse ein Fachkräftemangel in der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik sowie der Hörgeräteakustik.

MORGEN

Nicht unmittelbar, aber doch in absehbarer Zeit, kommen auf den deutschen Arbeitsmarkt große Umwälzungen zu. Die Zahl der Erwerbspersonen (Erwerbstätige und Erwerbslose) von derzeit 45 Millionen wird deutlich sinken. Sie geht laut Prognosen bis 2030 um drei Millionen und bis 2050 um weitere fünf Millionen zurück. Das geht aus einem aktuellen Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit hervor.

Der Hauptgrund für die schrumpfende Zahl der Erwerbspersonen ist die Alterung der Bevölkerung. Andererseits gibt es auch entlastende Faktoren. Dazu gehören die steigende Zuwanderung und die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen. Diese Faktoren sorgen dafür, dass noch bis 2020 die Zahl der Erwerbspersonen stabil bleibt. Sie kompensieren die demografische Entwicklung. Danach reiche dies nicht mehr aus, so die Forscher.

Engpässe wird es laut der Langfristprojektion des Bundesinstituts für Berufsbildung und des IAB ab 2020 vor allem im mittleren Qualifikationsbereich geben. Der Bedarf an Arbeitskräften ohne abgeschlossene Berufsausbildung wird demnach weiter sinken. Auf der beruflichen Ebene werden sich laut den IAB-Forschern vor allem Engpässe im Gesundheits- und Sozialbereich, in Verkehrs-, Lager-, Transport-, Sicherheits- und Wachberufen, in den Gastronomie- und Reinigungsberufen sowie in den Medien-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Berufen ergeben.

Vorsicht ist bei solchen Prognosen dennoch immer geboten. Darauf machen löblicherweise auch die Autoren dieser Studie selbst aufmerksam: „Anpassungsreaktionen der Unternehmen, neue technische Entwicklungen, sich wandelnde Berufsvorstellungen der Jugendlichen und politische Weichenstellungen könnten (...) entscheidend Einfluss nehmen.“

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+++ Rekord: 43 Millionen Menschen sind erwerbstätig +++ Arbeiter an die Macht. Wenn Mitarbeiter ihren Chef wählen +++ Rubén Cruz, 13 Jahre alt, Gewerkschafter +++ Ohne Chance: Die ungerechte Ausbildungswelt +++ Nur nicht den Zug verpassen: Das Rennen um Fachkräfte +++ Helden der Arbeit +++ Ganz unten: Günter Wallraff im Interview +++ Die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Berufe +++ Was tun gegen Arbeit ohne Sinn? +++ Glücklich am Schreibtisch: Richard Sennett im Interview +++ Respekt. Die „hard-working family“ +++ Panik Demografie +++ Geld ist ein schlechter Motivator +++

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