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01. April 2015

Zwangsarbeit: Wie viele Sklaven für uns schuften

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Sie suchen nach dem edelsten Metall und verdienen selbst nur einen Hungerlohn: Goldschürfer im Kongo.  Foto: rtr

Die Geschichte der Sklaverei ist wohl so alt wie die Menschheit. Auch heute ist es noch ein Geschäft mit Milliarden-Profiten.

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Für 700 Liter Brandwein war im 17. Jahrhundert an der Westküste Afrikas ein Sklave zu haben. In Amerika kostete vor dem Bürgerkrieg ein 18-Jähriger 10 000 bis 12 000 Dollar. Da waren wir längst in der Neuzeit angekommen. Die Geschichte der Sklaverei reicht indes viel weiter zurück – sie ist wohl so alt wie die Menschheit. Und sie wird täglich noch immer auf grausame Weise fortgeschrieben.

Erst vergangene Woche enthüllten Reporter der amerikanischen Nachrichtenagentur AP das Schicksal von Seafood-Sklaven auf einer indonesischen Insel. Was die Journalisten ein Jahr lang recherchierten, verschlägt einem die Sprache: Hunderte Männer, meist Migranten aus dem bitterarmen Birma, müssen bis zu 22 Stunden auf Schiffen schuften. Sie werden in Käfigen „gehalten“, bekommen kaum Lohn, dürfen die Insel weitab ihrer Heimat nicht verlassen, werden misshandelt oder gar getötet, wenn sie aufbegehren.

Kontrolle, Zwang und Gewalt zum Zweck der Ausbeutung eines Menschen – der Fall der Fischer erfüllt die typischen Merkmale moderner Leibeigenschaft, wie sie auch der renommierte US-amerikanische Sklaverei-Forscher Kevin Bales beschreibt.

So viele Menschen wie nie in der Geschichte sind davon betroffen. Nach einer Studie der australischen Stiftung „Walk Free“ vom November 2014 sind weltweit 35,8 Millionen Menschen Opfer moderner Sklaverei. Darunter fallen nach Definition von „Walk Free“ alle Formen von Leibeigenschaft, Zwangsarbeit und Menschenhandel. Die Schätzungen der UN, deren Internationale Arbeitsorganisation (ILO) das Phänomen enger definiert, geht immer noch von global rund 21 Millionen Sklaven aus.

Am Anfang der Lieferkette

Sie malochen in Steinbrüchen, nähen in Textilfabriken, bedienen Freier oder bauen WM-Stadien in Katar. Organisierte Kriminelle, skrupellose Fabrik- und Minenbesitzer machen mit Sklaverei Milliarden. Nach UN-Angaben werden durch Zwangsarbeit einschließlich sexueller Ausbeutung weltweit Profite von jährlich 150 Milliarden Dollar (110 Milliarden Euro) erzielt.

Und wir Konsumenten hängen mit drin in diesem menschenverachtenden Geschäft – das zeigt auch das aktuelle Beispiel der Seafood-Sklaven. Was sie aus dem Meer fischen, wird zur Weiterverarbeitung nach Thailand verschifft und landet schließlich auch in deutschen Supermärkten und Restaurants, wie die AP-Rechercheure herausfanden. Wer hier zugreift, kauft Erzeugnisse aus Sklaverei, trägt dazu bei, dass Zwangsarbeitsverhältnisse bestehen bleiben.

Zugegeben – es ist für Verbraucher in der Regel nur schwer durchschaubar, wo Zwangsarbeit im Spiel ist. Denn Sklaverei steht oft am Anfang einer langen Lieferkette. Sie ist vor allem auf Plantagen, in Minen, Steinbrüchen und in den frühen Stufen der Rohstoffverarbeitung zu finden. Nicht nur Fisch, auch T-Shirts, Schokolade, Kaffee, das Smartphone und viele andere Produkte sind damit sklavereiverdächtig.

„Billig“ ist meist schon einmal ein erster Hinweis darauf, dass etwas im Produktionsverlauf nicht stimmen könnte und andere den Preis für unser Schnäppchen zu zahlen haben. Aber auch teure Markenartikel garantieren noch nicht, dass es sich um menschenwürdige Arbeit handelt.

Selbsttest in elf Schritten

Eine Antwort darauf, wie viele Menschen unser persönlicher Konsum versklavt, will die US-amerikanische Nichtregierungsorganisation „Made in a Free World“ mit einem Selbsttest geben. Nach dem Vorbild des CO2-Fußabdruck-Rechners kann sich jeder auf der Webseite Slaveryfootprint.org die Anzahl der Sklaven ermitteln lassen, die für ihn schuften.

In elf Schritten fragt der interaktiv gestaltete Online-Test differenziert die persönlichen Konsum- und Lebensgewohnheiten ab: Es geht um die Wohnverhältnisse, um Ernährung, Kleidung, Kosmetika, Schmuck, elektronische Geräte und die eigenen Freizeitaktivitäten. Die individuelle Bilanz am Ende der Befragung („33 Sklaven arbeiten für Dich“) lässt die meisten Nutzer schwer schlucken.

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Plakativ, aber keineswegs aus der Luft gegriffen sind die Ergebnisse. Hinter der Webseite steckt die kalifornische Non-Profit-Organisation Fair Trade Fund, deren Projekt vom US-Außenministerium mitfinanziert wird. „Wir haben für den Sklaven-Fußabdruck einen Algorithmus programmiert, der berechnet, wie hoch die Risikofaktoren unserer Kleidung und Geräte sind“, erklärt Justin Dillon, Leiter des Projektes. Basis der Kalkulation sind Informationen über 400 Produktgruppen, die in ihre Rohstoffe zerlegt werden. Ihnen wird jeweils eine durchschnittliche Zahl von Sklaven zugeordnet.

Neuerdings bietet „Made in a free World“ auch Unternehmen die Möglichkeit, ihre Zulieferkette zu überprüfen. Eine neue Software errechnet nach Eingabe eines internationalen Produktcodes innerhalb weniger Sekunden, wie hoch das Risiko von Sklavenarbeit ist.
Es geht den Machern der Webseite darum, das Bewusstsein von Verbrauchern für einen verantwortlichen Konsum zu schärfen. Denn die Entwicklung des „Global Slavery Index“ der Stiftung „Walk Free“ zeigt, dass die Zahl moderner Sklaven immer noch steigt. Und sie werden immer billiger. Im weltweiten Durchschnitt, sagt Soziologe Bales, kostet ein Sklave heute nur noch etwa 90 Dollar.

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