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"Stuttgart 21" droht Fehlstart: Der kastrierte Bahnhof

Wie gut kennen die Urheber von "Stuttgart 21" eigentlich den Hauptbahnhof? Dem künftigen "Herzen Europas" soll ein Flügel abgeschnitten werden. Heute entscheidet das Stuttgarter Landgericht über die Klage der Erben des Erbauers. Von Max Bächer

Herz oder doch eher ein schlechter Scherz? Protest gegen das Projekt Stuttgart 21.
Herz oder doch eher ein schlechter Scherz? Protest gegen das Projekt "Stuttgart 21".
Foto: dpa

Schwäbischer geht es kaum. In demonstrativer Bescheidenheit wurde der Prellbock Nr. 49 auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof zur Einsegnung des gigantischen Großprojektes in die Höhe gehievt. Die wenigen Anwesenden legten ihre Hände aufeinander wie zum Rütlischwur. Vermutlich gab es für jeden ein Glas Trollinger und die obligate Laugenbrezel, während draußen bis zu dreitausend Stuttgarter gegen das ungeliebte Prestigeobjekt der Deutschen Bahn demonstrierten.

Man muss halt sparen, nachdem sich die prognostizierten Baukosten von circa 2,5 Milliarden Euro erst verdoppelt und bald verdreifacht hatten. Hatte nicht der Oberbürgermeister versprochen, einen Bürgerentscheid zu bewilligen, für dessen Einsetzung 20.000 Stimmen erforderlich gewesen wären? Dumm gelaufen, denn auf Anhieb hatten sich schon mehr als 60.000 gegen das Projekt ausgesprochen. "Macht nix!", meinte der OB generös. "Den Steuerzahler kostet es fast gar nix! Den größten Anteil zahlen doch nicht wir, sondern der Bund, das Land und die DB!"

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Am heutigen Donnerstag entscheidet das Stuttgarter Landgericht über eine Klage der Erben des Erbauers des Stuttgarter Bahnhofs Paul Bonatz (1877 bis 1956) gegen den Abriss von Teilen des Hauptbahnhofs. Insbesondere der Abriss der beiden Seitenflügel stellt nach Einschätzung eines der Erben, des Stuttgarter Architekten Peter Dübbers, eine Verletzung des Urheberrechts dar, weil dadurch die Proportionen des Baus insgesamt verschoben würden.

Max Bächer, Jahrgang 1925, war 30 Jahre lang Ordinarius für Entwerfen und Raumgestaltung an der TU Darmstadt und über Jahrzehnte einer der einflussreichsten Juroren bei internationalen Architekturwettbewerben. ( fr)

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Man brauche ja nur die Gleise um 90 Grad quer zur Achse des Tals zu drehen, eine zugige Verbindung von Paris nach Budapest und einen neuen Bahnhof elf Meter tief in den Schlossgarten zu versenken, dem alten die Flügel abzuschneiden, 250 Parkbäume zu fällen und einen 30 Kilometer langen Tunnel unter der Schwäbischen Alb durchzubohren. Dann werde in Stuttgart "Das neue Herz Europas!" schlagen, sogar weitgehend ohne Tageslicht!

Die Hauptfassade des Bahnhofs mit der großen Halle und dem markanten Turm werde man nicht mehr brauchen. Aber man könne sie dem Denkmalschutz und der Baukultur zuliebe stehen lassen. Die Durchlüftung des Parks sei gewährleistet, die Mineralquellen würden gesichert, da habe man Gutachten. Die circa drei Kilometer langen Parkanlagen könnten durch einen grünen Wall geteilt werden, und über die Höhe der Lichtkrater müsse man noch reden. Ja, man hat wirklich an alles gedacht. Und was sind schon zehn Jahre Bauzeit! Wie lange hat man für den Kölner Dom oder das Ulmer Münster gebraucht! "Ihr werdet Stuttgart nicht mehr wiedererkennen"! Soll das das Ziel sein?

Immer häufiger wird die Frage gestellt, wie gut die geistigen Urheber der Projekts Stuttgart eigentlich kennen. Die meisten kämen doch aus der württembergischen Provinz, fast alle hätten Jura oder Betriebswirtschaft studiert. Und keiner sei bisher durch besondere Kompetenz in Stadtgeschichte, Stadtgestaltung, Verkehrs- oder Grünplanung aufgefallen. Da habe man auch Gutachten. Viel wichtiger sei die wirtschaftliche Vermarktung der Immobilien, für erfolgreiche Technokraten kein Problem.

Daher ist es kein Wunder, dass keiner auf die Idee gekommen war, dass es auch andere Werte gibt außer Geld, und man muss sich fast dafür entschuldigen, wenn man Begriffe der Ästhetik, der Tradition, der Identität oder gar Schönheit und des Anstandes anspricht. Aber die Tausende, die da draußen stehen, protestieren nicht als linke Störer gegen Fortschritt und Zukunft, sondern gegen die Abschaffung von Erinnerung, Geschichte und Heimat.

Die charakteristischen Merkmale stehen oft nur noch auf dem Papier und werden kaum mehr wahrgenommen. Ihre Spuren vergehen immer schneller und damit auch Interesse und Verständnis für deren Herkunft und Bedeutung. Wir sehen keine Räume mehr, sondern nur noch digitalisierte Flachbilder, weshalb sich manche - auch Architekten - fragen, was denn an der kannibalischen Notschlachtung der beiden Flügel des Bahnhofs so schlimm sei. Die zahlreichen Modelle in der Monsterschau "Stuttgart 21" geben darauf keine Antwort, weil Größenverhältnisse und Maßstäbe fehlen und räumliches Vorstellungsvermögen nicht vorausgesetzt werden kann.

Dem kastrierten Bahnhof würde ohne die Flügel eine Wand als unverzichtbare Abgrenzung und Einbindung in die Umgebung fehlen, sein Torso wie eine Kreuzung aus Kirche und Ordensburg haltlos herumstehen. Die Fläche des "Straßburger Platzes" mit seinen riesigen Oberlichtern wäre vielleicht eine monumentale Komposition, die es nur in Stuttgart gäbe, aber die beanspruchten Funktionen eines Platzes nie erfüllen könnten. Es hätte der Vorstellung mehr geholfen, zwei oder drei einfache Attrappen in natürlicher Größe aufzustellen, an denen die Bürger die monumentale Präsenz einer Panzersperre hätten studieren und entscheiden können.

Freie Perspektivskizzen in Augenhöhe des Betrachters hätten ohne Zweifel diese Nachteile deutlicher gemacht als die liebevoll bearbeiteten Modelle wie auch den "Westwall", der das ehemalige Gestüt rücksichtslos in zwei Teile trennen würde. Aber das Stuttgarter Wappentier ist nicht der Maulwurf, sondern das "Rössle" und das Gestüt in der feuchten Talaue, dem die Stadt ihren Namen verdankt.

Aber warum dann der ganze Aufwand eines Wettbewerbs als Anleitung zur Stadtzerstörung, wo sich die Erhaltung des voll funktionsfähigen Kopfbahnhofs mit weitaus geringeren Kosten anbietet? Die Berufung auf die bereits verplanten Mittel ist wenig überzeugend und noch weniger hilfreich als die Angst, das Gesicht zu verlieren. Wie konnte es zu dieser Fehlentscheidung in einem Wettbewerb kommen, an dem angesehene Architekten als Preisrichter und Planverfasser teilnahmen?

Könnte es sein, dass diese die Ausschreibung mehr als eine Befehlsausgabe missverstanden hatten, ohne zu prüfen, ob man sie denn mit Vernunft umsetzen könne? Stand die Jury unter Erfolgszwang oder folgte längst abgestimmten Zielen und orientierte sich an gefälligen Plänen und dem Trend, alles in den Untergrund zu legen? Die Erläuterung des 1. Preises muss jedenfalls eine erhebende Glanzleistung gewesen sein, so wurde berichtet.

Die Deutsche Bahn ließ schon vor geraumer Zeit ein Satzfragment des Stuttgarter Philosophen Hegel an der Südfassade des Hauptbahnhofs anbringen: "... dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist." Bei Nacht leuchtet es wie ein Menetekel.

Autor:  Max Bächer
Datum:  22 | 4 | 2010
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