Architektur

19. April 2012

Welterbe: Notanker der Denkmalpflege

 Von Nikolaus Bernau
Die Berliner Mauer: Einer von vielen deutschen Vorschlägen zur Aufnahme als Welterbe. Foto: dpa

Der Welterbe-Boom hält an. Die Berliner Mauer und der Bremer Dom sind nur zwei von zahlreichen deutschen Vorschlägen für den Unesco-Welterbe-Titel. Oftmals hat die Auszeichnung noch eine andere Funktion: Als Stoppschild schützt sie vor unliebsamen Veränderungswünschen.

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Es könnte wie zum jährlichen Medien-Ritual werden: Icomos, die internationale Vereinigung der Denkmalpfleger, lädt zum Internationalen Denkmaltag am 18. April ins Berliner Alte Museum, um über den Zustand der Welterbestätten in Deutschland, neue und abgewehrte Gefahren sowie frische Anträge zu berichten. Wie gestern wieder.

Michael Petzet, einstiger bayrischer Konservator und Präsident von Icomos Deutschland, lobte enthusiastisch die finanziellen Zusatzleistungen, die Bund, Länder und Gemeinden für die Unterhaltung der Welterbestätten in der jüngsten Zeit aufgebracht hätten. 36 Einzelobjekte wie die Wies-Kirche in Bayern, Kulturlandschaften wie das Rheintal und Naturräume wie die Buchenwälder auf Rügen sind aktuell auf der Welterbeliste als "herausragende" Schätze eingetragen, so wie es in der 1972 verabschiedeten und inzwischen (mit Palästina) von 189 Ländern unterschriebenen Konvention vorgesehen ist.

Aber um die normale Denkmalpflege sei es in Deutschland nur bedingt gut gestellt. Besonders scharf kritisierte Petzet das neue Denkmalgesetz in Schleswig-Holstein, das im März in Kraft trat. Dort ist der Schutz der historischen Häuser, Gärten und Bodenfunde nun ganz in die Hände der lokalen Bürgermeister gelegt. Es werde im Norden, so Petzet, unterschieden nach angeblich wichtigen und weniger wichtigen Objekten; das Landesdenkmalamt dürfe zwar gefragt werden, doch könnten – der Einfluss der Wirtschaftslobbyisten in der Regierungspartei FDP habe sich hier durchgesetzt – wirtschaftliche Interessen kulturelle aushebeln.

Pergamon-Pläne verändert

Dabei freute er sich so über den Erfolg in Aachen, wo ein Hochhaus nach dem Einspruch von Icomos derart in seinen Ausmaßen reduziert wurde, dass die Fernsicht auf den Karls-Dom nicht mehr tangiert wird. Und in Berlin wurden die radikalen Umbaupläne für den Nordflügel des Pergamonmuseums, die im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgten, verändert. Christina Haak, die neue Stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen, bestätigte auf Nachfrage ausdrücklich, dass nun wenigstens die ursprünglich zum Abbruch frei gegebenen Fensternischen im Stadtbahnsaal erhalten bleiben sollen, die frühislamische Mschatta-Fassade vor ihnen aufgestellt werde.

Der Welterbe-Boom dauert an. Icomos Deutschland stellt in einem Heft die aktuellen deutschen Vorschläge vor, von der Berliner Mauer über den Bremer Dom und den gläsernen Bau der Teddybären-Fabrik Steif bis zur Hamburger Sternwarte und dem einstigen Konzentrationslager Theresienstadt (Bäßler-Verlag, 128 S., 22,80 Euro). Auffällig ist, wie viele Vorschläge aus Bundesländern kommen, in denen die Denkmalpflege besonders von den Politikern gebeutelt wird. Der Unesco-Welterbe-Titel soll hier offenbar wie beim Berliner Flughafen Tempelhof als Notanker gegen Veränderungswünsche dienen.

Wird es aber einen internationalen Antrag für die jüdischen Friedhöfe Europas geben, die in einem weiteren Heft vorgestellt werden (ICOMOS Hefte 53, Bäßler-Verlag, 212 S., 22,80 Euro)? Jörg Haspel, stellvertretender Chef von Icomos Deutschland und Berliner Landeskonservator, machte wenig Hoffnungen: Zwar seien aus Deutschland mehrere Anträge zum jüdischen Erbe in Vorbereitung, in Mainz, Worms, Speyer und Erfurt, auch der sephardische Friedhof in Hamburg und der in Berlin-Weißensee hätten gute Chancen für die nationale Vorschlagsliste.

In Warschau, Budapest oder Wien sei man aber noch nicht so weit. Petzet hingegen forderte gerade die Grenzen überschreitende Zusammenarbeit: Sie sei der eigentliche, friedensstiftende Sinn der Welterbekonvention.

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