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125 Jahre Ernst May: Individuell Typ B

Das Deutsche Architektur Museum widmet Ernst May (1886 – 1970) eine große Werkschau. Die Stationen sind Breslau  und Frankfurt, die UdSSR und Kenia, schließlich die Bundesrepublik.

        

Nomen est omen: Zickzackhausen  entstand 1930 in Frankfurt-Niederrad.
Nomen est omen: Zickzackhausen entstand 1930 in Frankfurt-Niederrad.
Foto: Deutsches Kunstarchiv Nürnberg, dam

England war Neuland. Zwei Mal sah er sich um, 1907 in London, drei Jahre später kam der 24-Jährige als Praktikant erneut in die Weltstadt, um ein neues „Wohnklima“ zu inhalieren. Gelobtes Land der Gartenstadt. Auf der Agenda der Architekten stand der Auszug aus dem Dickicht der Städte ins lichte Stadtrandgrün.

Gleich zu Beginn der Retrospektive, die das Deutsche Architektur Museum (DAM) von heute an zum 125. Geburtstag Ernst Mays zeigt, werden Skizzenbücher und Lithographien aufgeblättert – sehr feine, sehr schöne Zeichnungen architektonischer Details. Die Hand folgte in immer wieder neuen Anläufen den gotischen Traditionslinien, gleichzeitig reizte den Englandreisenden der Charme eines in die Natur eingehegten Siedlungsbaus. „Town Planning“ ging raus aus der Stadt, Planung drängte an die Peripherie, maßgeblich beeinflusst von der Arts-and-Crafts-Bewegung, ihrem Credo des Beisammenseins von ästhetischer Anmut und sozialem Engagement.

Von Ernst May und seinem Erbe

Am 27. Juli des Jahres 1886 ist der Architekt und Stadtplaner Ernst May in Frankfurt am Main geboren. Das Deutsche Architektur Museum eröffnet aus diesem Anlass heute Abend die Ausstellung „Ernst May 1886 bis 1970 – Neue Städte auf drei Kontinenten“ (Bericht im Feuilleton). Die Ausstellung läuft bis zum 6. November.

So geben die Englandanfänge Aufschluss über den May’schen Grundgedanken, hier wurde ihm sein städtebauliches Leitmotiv mit auf den Weg gegeben, die Einbettung selbst einer Großsiedlung in die Natur, wobei dem Nachbarschaftsgedanken dieselbe Aufmerksamkeit galt wie dem architektonischen Detail, Straßenpflaster, Beleuchtung, Briefkasten. Städtebau als sozialer Paternalismus, gesellschaftliches Harmoniehandeln auf der Basis gestalterischer Konventionen.

Zwei Mal bereits konzentrierte das DAM die Aufmerksamkeit auf Ernst May. 1986, zum 100. Geburtstag, diskutierte Heinrich Klotz in einer Ausstellung über das Neue Frankfurt die nur fünf Jahre, in denen es May und wahrhaftig seine Stadt zu Weltruhm brachten. Zehn Jahre ist es jetzt her, dass das DAM das Exil Mays in Ostafrika anschaulich machte, mit dem Farmer, Architekten und Stadtplaner eine Vielfachbegabung, die in Kenia traditionelle Villen hinterließ, mit steilen, weit herabhängenden Satteldächern, ja, ein wenig arts-and-crafts-artig, romantisch verschattet.

Manifest der kompromisslosen Moderne

Gleichzeitig erzählte die Ausstellung, und die jetzige Jubiläumsausstellung wiederholt dies anhand exemplarischer Einzelheiten, wie May die europäische Zwischenkriegsmoderne nach Kenia importierte, wie er funktionalistische Siedlungsbauten, streng typisiert, „maytypisch“ eben, anlegen ließ. Und wie er, Ausdruck seines Heimwehs nach Europa, mit seinem Haus Karen, 1937/38 in der Nähe Nairobis errichtet, Anklänge an sein früheres Wohnhaus in Frankfurt-Ginnheim ebenso heraufbeschwor wie an die Meisterhäuser in Dessau. Haus Karen, so sah es der DAM-Besucher damals, war ein Manifest der kompromisslosen Moderne, und so sieht es der DAM-Besucher jetzt erneut.

Damit steht er vor einer der großen Entdeckungen der May-Schau – der Wiederentdeckung des Architekten May. Die Präsentation unter der Federführung Claudia Quirings holt den hinter dem Planer und Organisator, dem Propagandisten und Bürokraten verschwundenen Baumeister wieder hervor, angefangen mit dem May-Haus in Ginnheim.

Sein Haus am Hang, mit Ausblick in den Taunus, sollte Ausdruck des Optimismus sein: den „unsere Zeit überzeugt bejahenden Menschen mit beschränkten Mitteln befriedigen“, ohne repräsentatives Gepränge, gar ohne Dekor. Das war dann ein nicht unbedingt eingehaltener Schwur. Auch bemerkte bereits die zeitgenössische Kritik, dass in dem „schlichten Kubus mit dem Raum verschwenderischer umgegangen werde“ als etwa im konservativen Villenbau der Zeit. Auch die bautechnischen Mängel des Hauses wurden thematisiert, der Katalog erinnert an übelste Anfeindungen – wobei, soviel Wahrheit muss sein, die May-Erbmasse den Wohnungsbaugesellschaften, die sie auch bauphysikalisch immer wieder päppeln müssen, richtig Arbeit macht.

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Autor:  Christian Thomas
Datum:  27 | 7 | 2011
Seiten:  1 2 3
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