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Aktuelle Baukunst in Japan: Herr Tezuka ist bescheiden

Dass das Ehepaar Tezuka schlichte Lösungen bevorzugt, ist an ihren Gebäuden zu sehen: Das Deutsche Architekturmuseum zeigt in der Ausstellung "Erinnerte Zukunft" aktuelle Baukunst in Japan.

Ein Gebäude des Ehepaars Tezuka: Kyororo. Naturkundliches Museum, Matsunoyama-Echigo/Niigata, Japan.
Ein Gebäude des Ehepaars Tezuka: "Kyororo". Naturkundliches Museum, Matsunoyama-Echigo/Niigata, Japan.

Auf der Straße seien sie immer leicht zu erkennen, sagt Takaharu Tezuka. Er im blauen Pullover, seine Frau Yui in Rot, die Kinder in Grün und Gelb. Es sei ja nicht so, dass er immer dasselbe anhätte, beeilt sich Herr Tezuka hinzuzufügen. Allein von den blauen Socken besitze er 120 Paar. Dass das Ehepaar Tezuka einfache, verlässliche Lösungen ohne Spielereien bevorzugt, wird auch in ihren Gebäuden klar. Ausgehend von einem klaren Konzept entwickeln Tezuka Architects, wie sie sich nennen, Bauten, die zugleich simpel und genial anmuten, wie man derzeit in der Ausstellung "Erinnerte Zukunft" im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt sehen kann.

Ausgangspunkt für die Entwürfe sei stets der Lebensstil der künftigen Bewohner, erläutert Tezuka. Der Bauherr des "Roof House" (1999) hatte beispielsweise den Wunsch geäußert, auf einem Dach Mahlzeiten einnehmen zu können. Neben einem Tisch und diversen Sitzgelegenheiten ließen die Architekten auch eine Küche und eine Dusche auf das sanft geneigte Flachdach setzen, das man von jedem Zimmer aus mittels Leiter durch eine Dachluke betreten kann. Die Aussicht von hier ist fantastisch.

Wichtig sei ihnen, so Herr Tezuka, dass sie die täglichen Bedürfnisse der Bewohner verstünden, um das Gebäude direkt darauf zuzuschneiden. Hinterher sei es dann oft so, dass der Auftraggeber der Ansicht sei, er selbst habe das Haus konzipiert. Tezukas finden das gut. Etwas heikel sei es ihnen allerdings vorgekommen, als Herr A., ein pensionierter Kunstkurator, sie gebeten habe, ihm "Räume mit guten Proportionen" zu gestalten. Sie seien sich vorgekommen wie Küchenchefs, an deren Sushi-Theke ein bekannter Restaurantkritiker einen besonders köstlichen Thunfisch bestellt habe, so Tezuka. Und tatsächlich scheint es sich bei Herrn A. um einen ausgeprägten Ästheten zu handeln, für den der visuelle Eindruck Priorität vor allen praktischen Entscheidungen hat: "In diesem Haus gibt es rein gar nichts", erläutern die Architekten. "Die Anwesenheit von Gegenständen, die die Gesamtästhetik stören könnten, ist nicht gestattet. Das sechs Meter hohe Ess- und Wohnzimmer weist nichts außer einem massiven Tisch auf. Es existiert kein Sofa oder Bücherregal." Der Ausblick über die Bucht von Ushimado allerdings ist bezaubernd, so dass nur an der einer langen Fensterfront zugewandten Tischseite Stühle stehen. Die Architekten mussten sogar das Waschbecken aus dem Badezimmer in einer eigens konzipierten Wandnische verstecken - es hätte andernfalls den Blick von der Badewanne nach draußen gestört.

Für den Fuji-Kindergarten (2007) in Tachikawa hingegen galt es, ganz andere Bedürfnisse zu berücksichtigen, knapp 600 Kinder sollten sich hier wohl fühlen, doch was wollen Kinder? "Im Kreis laufen", sagt Herr Tezuka, das hätten Studien eindeutig belegt. Was also lag näher, als das Gebäude als ovalen Ring mit Innenhof zu entwerfen, auf dessen Dach die Kinder so lange ihre Runden drehen können, wie sie dazu Lust haben, der äußere Umfang beträgt immerhin 183 Meter. Auch auf der Erde finden die Kinder schier grenzenloses Vergnügen, denn es gibt keine Trennwände und die Maßstäbe sind denen eines Kindes angepasst. Enorm viel Technik stecke in der Architektur, erklärt Herr Tezuka, "doch man sieht sie nicht", und genauso solle es doch sein.

Sie hoffen, dass dieser Kindergarten noch in Jahrzehnten genutzt werde, erklären Tezuka Architects - in Japan, wo Neubauten oft bereits nach 20 Jahren wieder abgerissen werden, keine Selbstverständlichkeit. Doch Tezukas wollen etwas Beständiges, Zeitloses schaffen, weshalb ihr Design in der Regel möglichst schlicht ausfällt. Abgesehen vielleicht vom Natural Science Museum "Kyororo" (2003) in Matsunoyama, das sich wie eine rostige Schlange 160 Meter durch das Gelände windet, auf den Spuren eines Feldwegs, der hier einst durch Reisterassen führte. Es sei dies eine Gegend, so Herr Tezuka, in der es häufig heftig schneie.

Eine zehn Meter hohe Schneeschicht sei keine Seltenheit. Wer im Winter das Museum besucht, hat den Eindruck, in einen Tunnel hineinzuspazieren, die hohen Fenster sind komplett mit Schnee bedeckt. Das immer noch 4,40 Meter lange und 300 Kilo schwere Modell, das ebenfalls aus Cortenstahl hergestellt wurde, sollte eigentlich verschrottet werden, als es von dem DAM-Mitarbeiter Paul Andreas in Tokio entdeckt und gerettet wurde. Letztlich war die Aktion der Auslöser für die Ausstellung im DAM.

Spektakulärer allerdings ist dort der in einem Workshop mit Studenten entstandene Nachbau eines soeben eröffneten Pavillons für das Hakone Freilichtmuseum im Maßstab 1:4: ein luftiger Bau, der ausschließlich aus 580 unterschiedlichen aufeinander geschichteten und ineinander verkeilten Holzbalken besteht. Die komplizierte Konstruktion basiert auf einer traditionellen Technik, die im 17. Jahrhundert etwa für den Kiyomizu-Tempel in Kyoto verwendet wurde, die Optik ähnelt einer Mischung aus Iglu und Baumhaus.

"Unsere Arbeit ist leise und bescheiden", sagt Herr Tezuka, der ursprünglich im Londoner Büro des britischen Architekten Richard Rogers als Flughafenarchitekt ausgebildet wurde. Die "Verrenkungen" die man heutzutage in japanischen Zeitschriften zu sehen bekäme, habe man nicht mitmachen wollen. "Architektur soll aus sich selbst heraus verständlich sein", findet Herr Tezuka und verteilt eine Runde Visitenkarten.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt: bis 28. Juni,

Autor:  SANDRA DANICKE
Datum:  11 | 5 | 2009
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