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Architektur

11. Dezember 2012

Alte Staatsbibliothek: Das Lichtwunder als Krisenzeichen

 Von Nikolaus Bernau
Ein Blick in den Allgemeinen Lesesaal. Foto: dapd

Der neue Lesesaal der Alten Staatsbibliothek Unter den Linden ist ein einziges Lichtwunder und eine Architektur-Sensation. Doch gleichzeitig ist er das Relikt einer überholten Forschungsidee.

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Der neue Lesesaal der Alten Staatsbibliothek Unter den Linden ist ein einziges Lichtwunder und eine Architektur-Sensation. Doch gleichzeitig ist er das Relikt einer überholten Forschungsidee.

Berlin –  

Einst erhob sich ein hoher Kuppelsaal im Zentrum der 1914 eingeweihten Alten Staatsbibliothek Unter den Linden. Ein neubarocker Prachtraum, nach aller Überlieferung laut, hallend, kalt und zugig. Trotzdem der Stolz der Bibliothek, hatten doch auch Washington und London solche Säle. Im Krieg wurde er beschädigt, 1977 die Ruinen gegen Proteste der Bibliotheksbauverwaltung abgerissen, 2000 begann die Planung für einen Neubau. Erst vorgestern aber konnte endlich, endlich der von Architekten HG Merz entworfene Hauptlesesaal, der neue Rara-Lesesaal sowie die Tieftresore in der Alten Staatsbibliothek übergeben werden.

HG Merz hat ein Lichtwunder geschaffen. Mitten im gewaltigen Körper der Alten Staatsbibliothek entstand der neue Saal, zugänglich durch ein neues Foyer. Durch dessen wandhohe Fenster sieht man in die Innenhöfe mit ihren noch sehr verschmutzten Fliesendekors. Es muss nämlich noch viel gearbeitet werden für die derzeit auf etwa 400 Millionen Euro kalkulierte Gesamtsanierung der Anlage. Eine breite Treppe steigt aus dem Foyer auf in den rechteckigen, 18 Meter hohen Hauptlesesaal. Von unten schon sieht man die Helligkeit, die warmhölzernen Bücherregale. Ein Motiv aus der von Gunnar Asplund seit 1922 entworfenen Stockholmer Stadtbibliothek: Man steigt auf zur Bildung, zu den Büchern, zur Arbeit.

Gewaltige Haube aus Glasblöcken

Das Lichtwunder des Saals entsteht durch eine gewaltige Haube aus manufakturartig hergestellten Glasblöcken – in einem Außendepot werden die Ersatzstücke schon gelagert. Innen schwebt vor der Haube ein textilartiges Gewebe, durch das das Licht sanft schimmernd fällt. Der ganze Saal atmet mit seinem orangefarbenen Fußbodenbelag, den hellbraunen Tischoberflächen, den orange bezogenen Sesseln die Erinnerung an den milden Avantgardismus französischer Architekturen der 1960er-Jahre. Nichts ist hier zu sehen vom nervenden Kalt-Weiß-Kult des vor einigen Wochen eingeweihten Archäologischen Zentrums der Preußen-Stiftung.

Direktes Licht haben nur die Arbeitsplätze an den Außenseiten. Sie werden eine Hauptattraktion für die Leser sein. Auch, weil im Parkett des Saals die Arbeitstische einander gegenüber angeordnet wurden. Eine Zumutung, man muss sich ständig über die Bücher hinweg ansehen. Schnellstens sollte zum klassischen Schulklassenreihensystem gewechselt werden. Auch sonst gibt es funktionale Mängel zu beklagen: Die Aufsichten im Rara-Lesesaal sitzen so tief in ihrer Nische, dass sie sich weit hinauslehnen müssen, um die Kontrolle über die Kostbarkeiten zu behalten. Die Furniere der Regale und Einbauten sind so dünn, dass sie schon jetzt absplittern, die Innentreppe ist recht schmal und steil, der Aufzug schwer zu finden.

Monument einer vergangenen Zeit

Vor allem aber ist dieser Saal das Monument einer vergangenen Zeit. Das Internet, E-Medien und Heimarbeitsplätze würden Bibliothekslesesäle ersetzen, hieß es um 2000 weithin. Genau das Gegenteil ist der Fall: Bibliotheken und Lesesäle werden von den Nutzern regelrecht gestürmt. Sie sind Orte der Kommunikation und des gemeinsamen Lernens geworden. Im neuen Lesesaal der Staatsbibliothek aber gibt es keinen einzigen Gruppenraum. Er geht noch ganz vom erzkonservativen Ideal des einsam brütenden Wissenschaftlers aus.

Auch in anderer Hinsicht ist dieser Saal hochelitär. Als Hermann Parzinger, Präsident der Preußen-Stiftung, bei der Eröffnung von „Bescheidenheit“ sprach, sah man manch erstaunte Lächeln. Denn hier wurde an gar nichts gespart. Das beginnt mit den feinen Holzfurnieren, den eigens eingelegten Buchenkanten an jedem (!) Regal und geht bis zu den Bauteilen der Lichthaube. Das Foyer ist üppigst, zumal ja noch die historischen Foyers hinter der aktuellen Bau-Wand locken. Die 50 Tische im Rara-Lesesaal bieten – und zwar jeder (!) – auch breitesten Kartenwerken ausreichend Platz, auch die Tische im Lesesaal sind überbreit. Deswegen gibt es nun nur noch 250 Arbeitsplätze im großen Saal statt der 376 in der Kaiserzeit. Diese Reduktion ist also kein Zeichen von Bescheidenheit, sondern von Raum-Luxus.

Jeder Arbeitsplatz kostete knapp 270 000 Euro

80 Millionen Euro haben alleine die beiden Lesesäle und ihre Nebenräume gekostet. Jeder der 300 Arbeitsplätze also fast 270.000 Euro. Im Vergleich das direkt benachbarte Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität: Es bietet 1200 Lesetische bei knapp 75 Millionen Gesamtbaukosten. Das sind knapp 63.000 Euro pro Arbeitsplatz. Auch für sie wurden gute Lampen besorgt, schöne Hölzer, auch hier haben die Leser nicht mehr die schmalen Ein-Buch-ein-Notizblatt-Tische der Vergangenheit. Zudem hat die Universität auch noch Büros und die Regale für 2 Millionen Bände errichtet.

Sicher, die Staatsbibliothek musste auf mitten in einem Altbau bauen. Firmenbankrotte, der Wechsel des Ausführungsarchitekten und eine Finanzkrise blockierten die schnelle Ausführung. Das erklärt aber nicht, warum solche Kosten politisch durchsetzbar waren.

Auch hier hilft zum Verständnis der Vergleich mit der Humboldt-Universität. Sie musste sich ihren Bau vom Leib absparen, ihn aus dem Etat heraus finanzieren. Bund und Senat halfen nur ganz am Rand. Sparsamkeit bis hin zur Toilettenausstattung waren da vonnöten.Der Preußen-Stiftung hingegen finanziert der Bund mit dem Verweis auf ihre Hauptstadt-Funktion einen überaus auskömmlichen Bauetat. Sie kann deswegen Ideal-Zustände anstreben.

Allerdings kontrastiert diese Baupolitik mit den seit Jahren krass beschnittenen Betriebs- und Anschaffungsetats der Stiftung. Für diese müssten sich die Politiker nämlich immer neu einsetzen. Parzinger erhofft sich genau das auch. Aber ein solcher Einsatz wird nicht leichter durch ihre Bauprojekte, die durchweg in den meisten Bundesländern unfinanzierbar wären. Von der Preußen-Stiftung wird wohl bald auch in Sachen Finanzen Vorbildlichkeit verlangt werden.

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