Hinter der Formulierung steht der Vorwurf, dass der Städtebau der letzten Jahrzehnte ein einziges Versäumnis und Versagen war.
Ja, wir haben die Stadt den Fachdisziplinen überlassen, dem Raumplaner, dem Verkehrsplaner, dem Architekten, und jeder sieht seine Disziplin als Königsdisziplin.
Der Architekt soll zurück auf den Thron.
Nicht der Architekt, der Städtebauer, der an einer Architekturfakultät ausgebildete Städtebauer, mit Kenntnissen der europäischen Stadtbaugeschichte und vielem mehr. Ein Städtebauer, der wie noch Fritz Schumacher in den 1950er Jahren, eine Stadt zu gestalten weiß.
Schumacher, das wäre dann das Bekenntnis zu einem konservativen Modernevertreter.
Vielleicht, ich will darauf hinaus, dass es nicht um die Gestalt eines einzelnen Gebäudes geht, sondern um das städtebauliche Ensemble, wobei, damit kein Missverständnis aufkommt, unser Anliegen nichts mit einer stilistischen Rückwärtsgewandtheit in der Architektur zu tun hat.
Eine allgemeine Retrostimmung ist aber nicht zu leugnen.
Die Retrobewegung ist unübersehbar, in Frankfurt sehnen sich Teile der Bürgerschaft nach dem Wiederaufbau der Innenstadt mit „alten“ Fachwerkhäusern. Da muss sich die Architektenschaft doch fragen, warum eine solche Nostalgiewelle ausgelöst wurde.
Warum?
Offenbar haben wir Architekten für die Bedürfnisse der Gesellschaft nicht mehr die richtigen Antworten. Warum sind die teuersten Häuser auf dem Immobilienmarkt nach wie vor die Häuser aus dem 19. Jahrhundert? Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, das hat mit Qualität zu tun.
Das heißt, dass das Unbehagen in weiten Teilen der Bevölkerung gegenüber Architekten nachvollziehbar ist?
Ja, natürlich ist das nachvollziehbar.
Christoph Mäckler, Jahrgang 1951, leitet ein eigenes Architekturbüro in Frankfurt am Main. Seit 1998 hat er den Lehrstuhl für Städtebau an der Technischen Universität Dortmund inne. Dort gründete er 2008 das „Deutsche Institut für Stadtbaukunst“. Im Frühjahr lud das Institut nach Düsseldorf zu einer Konferenz über „Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt“.
Auf dieser Tagung wurden „10 Grundsätze zur Stadtbaukunst heute“ formuliert. 1. Stadttheorie: Komplexität statt Reduktion; 2. Stadtbild: Städtebau statt Fachplanung; 3. Stadtarchitektur: Gebautes Ensemble statt individualistischer Eventarchitektur; 4. Stadtgeschichte: Langfristige Stadtkultur statt kurzfristiger Funktionserfüllung; 5. Stadtidentität: Denkmalpflege statt Branding; 6. Stadtgesellschaft: Stadtquartier statt Wohnsiedlung und Gewerbepark; 7. Stadtpolitik: Stadtbürger als Gestalter statt anonymer Immobilienwirtschaft; 8. Stadtökonomie: Einzelhandel statt Ketten; 9. Stadtverkehr: Stadtstraßen statt Autoschneisen; 10. Städtische Umwelt: Nachhaltig bauen statt schnell verpacken. (fr)
Ist es auch berechtigt? Das Unbehagen schlägt immer wieder um, auch in offenen Hass, vor allem gegenüber den Errungenschaften der Moderne.
Zweifellos hat auch die Moderne Architekturen geschaffen, die den Ort und seine Geschichte mit dem jeweils vorhandenen Stadtraum respektiert haben. Jede Zeit hat qualitätvolle Architektur, doch alles in allem bleibt dieser Gedanke eher eine Ausnahme. Der Architekt arbeitet heute vorwiegend an „seiner“ Architektur, an „seinem“ Konzept und nicht im Sinne der Gesamtgestaltung eines Ortes.
Dem, sagen Sie, hatte die Moderne abgeschworen.
Das Anliegen unserer Konferenz ist die Überwindung der Ideologie der Moderne in jeglicher Hinsicht, deswegen haben wir auf unserem Kongress Redner der unterschiedlichsten Disziplinen zusammengeführt, den Architekten und den Architekturkritiker, den Stadtplaner, den Soziologen, den Verkehrsplaner, den Politiker oder den Schriftsteller, der uns den Zustand der Stadt beschreibt. Wir bringen diese Disziplinen ganz bewusst zusammen, um nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. In dieser Vielfalt unterschiedlicher Herangehensweisen zeigt sich bereits unser Anspruch an die Vielfalt der Stadt. Auf der Düsseldorfer Konferenz sind zehn Thesen zur Stadt diskutiert worden. Jeder einzelne Aspekt, der dabei analysiert wurde, die Stadt und ihre Geschichte, die Stadt und der Verkehr, die Stadt und die Ökologie, usw. wird in den kommenden Jahren auf weiteren Konferenzen aufgegriffen und vertieft werden. Im kommenden Frühjahr der Einzelhandel.
Um den Einzelhandel zu stärken und gegen Ketten oder gar innerstädtische Shopping-Malls zu verteidigen, bedarf es einer ausgeprägten Kampfeslust.
Dafür, dass ich offene Worte spreche, bin ich, glaube ich, bekannt. Gleichzeitig jedoch verstehen Wolfgang Sonne und ich die Konferenzen aber nicht als Schauplätze der Anklage. Wir wollen vielmehr den Versuch machen, Lösungsvorschläge für die Städte zu erarbeiten, Vorschläge nicht zuletzt auch für neue Gesetze.
Das 20. Jahrhundert hat immer wieder grundsätzliche Stadtbauleitlinien verfasst. Ist eine neue Städtebau-Charta überfällig?
Unbedingt, es bedarf eines Neuanfanges im Städtebau! Wir müssen uns auf eine Vor-Moderne besinnen, dies jedoch nicht im stilistischen Sinne, sondern im städtebaulichen Sinne.
Wie sähe der erste Artikel einer solchen Charta aus?
Die erste These zur Stadt der Düsseldorfer Konferenz ist „Komplexität statt Reduktion“.
Reduktion, das war zum Beispiel die verkehrsgerechte Stadt.
Die verkehrsgerechte, die aufgelockerte, die durchgrünte Stadt, die Stadtlandschaft, all diese angeblich heilbringenden Leitbilder mit ihren, wie wir heute wissen, stadtzerstörerischen Auswirkungen.
Es geht also um die Errungenschaften: Kompaktheit, Dichte, Mischung.
Und um Schönheit.
Es beharrt der Idealist.
Das will ich mir gerne nachsagen lassen, denn es geht doch um nichts weniger als um die Frage, ob Stadtraum überhaupt noch gestaltet wird. Unser Institut heißt nicht von ungefähr „Institut für Stadtbaukunst“, wir forschen zum Thema in all denjenigen Vierteln und Quartieren in Deutschland, die eine hohe Lebensqualität haben durch bestimmte Umstände, angefangen von der Stadtgestalt und anderen Qualitäten, die bereits angesprochen wurden, also etwa Verdichtung oder Mischung.
Hat Stadtgestalt etwas mit Homogenität zu tun?
Unbedingt.
Aber Städtebau lebt doch seit Jahrhunderten von der Heterogenität.
Heterogenität ist nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit, so wie Homogenität nicht mit Uniformität gleich zu setzen ist. Es geht um die Vielfalt in einer einheitlich geordneten städtischen Gestalt. Wir Architekten müssen begreifen, dass es eine phantastische Aufgabe ist, das Bauwerk Stadt mit jedem unserer Neubauten weiter zu gestalten und in seinem Charakter zu festigen, statt ihm eigensinnig etwas entgegen setzen zu wollen. Es gibt kaum etwas einfältigeres im Beruf des Architekten als ein Leben lang mit einem, nein besser: mit „seinem“ Material, mit „seinem“ Konzept zu arbeiten, egal was und wo man baut. Nicht alles, was uns zu bestimmten Zeiten einmal gut erschien, muss heute noch seine Richtigkeit haben. Wir kleiden uns ja auch nicht mehr wie in den 70er Jahren.
Interview: Christian Thomas