kalaydo.de Anzeigen

Architekten-Manifest: Unterm Schutzschirm

Die Welt muss gerettet werden. Dieses Mal preschen deutsche Baumeister voran mit einem Öko-Schutzschirm für Städte als Alternative zum "Dämmstoffwahn". Von Oliver Herwig

Design von morgen? Niedrigenergiehaus in der Mark Brandenburg.
Design von morgen? Niedrigenergiehaus in der Mark Brandenburg.
Foto: Wolfgang Kunz/Bilderberg

Es ist wieder soweit: Die Welt muss gerettet werden. Dieses Mal preschen deutsche Baumeister voran. Ein Öko-Schutzschirm für Städte muss her. Am Freitag wollen Architekten, Ingenieure und Stadtplaner dem Bundesbauminister in Berlin das Manifest "Vernunft für die Welt" überreichen. Ob sich Wolfgang Tiefensee darüber freuen kann, steht noch nicht fest.

Seit einem Jahr hat sein Haus für die Baustoffindustrie geworben. Auf Litfasssäulen klebten Plakate lustiger Häuschen mit noch lustigeren roten Pudelmützen. "Ziehen Sie Ihr Haus warm an", riet der ministeriale Aushang - als ob nur die Dämmung der Republik und ihrer Fassaden die Welt vor den Folgen von Ölpreisexplosion und Klimakatastrophe retten könnte.

Endlich zeigen Architekten Alternativen zum Dämmstoffwahn: intelligente Planung, die modernste Haustechnik mit herausragender Gestaltung verbindet und so Objekte entstehen lässt, die auch in der nächsten Generation noch stehen. Mit viel Verve nehmen die Kreativen vom Bau ihren Minister in die Pflicht. "Es fehlen Entschlossenheit, Entschiedenheit, Mut und Neugierde", klagen sie in der Präambel des nur formal altertümlichen Aufrufs. Ihre Botschaft lautet: Zum Handeln gibt es keine Alternative. "Alle gesellschaftlichen Gruppen sind jetzt gefordert". Der Ton des Manifests wechselt zwischen Pathos, Analyse und Pfeifen im Walde.

Ingenieure und Planer haben sich klug auf den Energiefresser Nummer eins konzentriert: die Stadt. Ihr Lösungsweg: "den Einsatz von Energie, Material und Boden um ein Vielfaches verringern", schreiben sie, "umweltschädliche Emissionen vermeiden" und "den Einsatz der Baustoffe so planen, dass sie nach ihrer Nutzung zur Grundlage neuer Produkte werden."

Tiefensee wäre gut beraten, aus diesen Anstößen ein Konjunkturprogramm zu schmieden, das über den Tag hinausreicht. Was Architekten und Ingenieure fordern, eine hocheffiziente Kreislaufwirtschaft, zeigt sinnvolle Investitionen in eine lebenswerte Zukunft auf. Ein solches Programm wäre kein Strohfeuer wie die Schrottprämie am Automobilmarkt, mit der lediglich Käufe vorgezogen werden und neue Energieschleudern zwangsweise von denen bezuschusst werden, die selbst im Bus oder mit dem Rad zum Büro fahren.

Wer das Manifest eingehender studiert, stellt fest: So klingt ein Hilferuf. Denn "eine zukunftsfähige Architektur und Ingenieurbaukunst", mit einem Wort: Nachhaltigkeit, liegt gar nicht im Entscheidungsspielraum dieser Berufsstände.

Die Verantwortlichen sitzen in den Vorstandsetagen großer Immobilienentwickler, und die haben sehr wohl verstanden, dass mit Ökobewusstsein ebenso wie mit Ökotechnologien Geld zu machen ist, wenn sich höhere Baukosten durch niedrige Betriebskosten amortisieren.

Olaf Bahner, Pressereferent des Bundes Deutscher Architekten, stellt deshalb klar: "Der Architekt ist nicht der Retter der Nation, wir brauchen Verbündete." Der Appell richtet sich daher an die Politik, Wirtschaft und die neugegründete Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), deren Öko-Siegel eine verlässliche Antwort schafft auf die Frage, wie grün ein Gebäude wirklich ist.

Wenn sich ein Nullenergie-Haus auf der Arabischen Halbinsel realisieren lässt, warum gelingt das in Deutschland so selten? Mit dem Manifest soll die Stadt vom Energiekonsumenten in einen Energieproduzenten umgewandelt werden. Dazu muss nicht nur ein Sprung bei der Bautechnologie erfolgen, sondern auch einer in der öffentlichen Wahrnehmung: Energie, Wasser und Luft wird es in Zukunft nicht mehr zum Nulltarif geben.

Bis der Markt jedoch die wahren Preise diktiert und sofortiges Handeln erzwingt, muss die Politik die Rahmenbedingungen vorgeben: Nicht länger das Alte subventionieren, sondern Impulse in ökologisches Wachstum verwandeln. Heizen und Kühlen sind die zentralen Herausforderungen der Zukunft.

In einer Welt schwindender Ressourcen zählen die besten Ideen - welche Chance für die Exportnation Deutschland, endlich mit grüner Kompetenz zu wuchern. Eine Herausforderung ist es allemal. Soll der Temperaturanstieg auf zwei Grad begrenzt werden, müssten wir die CO2-Emissionen auf 14 Milliarden Tonnen reduzieren. Ohne neue gesellschaftliche Verantwortlichkeit wird das nie geschehen. Im Jahre 2050 könnte der CO2-Ausstoß mit 62 Milliarden Tonnen sonst gut doppelt so hoch wie heute liegen, die Durchschnittstemperaturen sechs Grad höher. Dann brauchen wir Häuser nicht mehr zu dämmen. Der Liegestuhl neben der Gartenlaube bleibt dann auch den Herbst und Winter hindurch aufgeklappt.

Das Manifest der deutschen Architekten und Ingenieure kommt zur rechten Zeit. Verantwortung und Veränderungswille liegen nun bei der Politik, um endlich die Rahmenbedingungen für einen nachhaltigen Umbau der Republik zu schaffen.

Autor:  OLIVER HERWIG
Datum:  24 | 3 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!