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Architektur

16. Dezember 2010

Architektur: Alte Plätze sonnig schweigen

 Von Robert Kaltenbrunner
Unter den schönen Innenstädten Deutschlands zweifellos eine der schönsten:           Münster in Westfalen.  Foto: friso gentsch/dpa

Das verbreitete Grundbedürfnis nach Ästhetik: Was ist dran am Ruf nach der „schönen Stadt“?

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Die Vision für eine wahrhafte Metropole – als Ort der Begegnung von Menschen, Wirtschaft, Kunst und Kultur –, die August Endell vor gut hundert Jahren veröffentlichte, trug den suggestiven Titel „Die Schönheit der großen Stadt“. Zwar hatte der renommierte Jugendstil-Architekt an der von ihm erlebten Situation viel auszusetzen. „Die Plätze sind leere Räume ohne Größe und ohne Form, die Häuser fügen sich den Straßen nicht ein, sind laut, aufdringlich und doch ohne Wirkung. Zwischen Haus und Straße findet sich kein Zusammenhang.“ Aber seine kunstphilosophische Betrachtung implizierte eine große Zukunftsperspektive; und er setzte auf Kräfte, „die langsam beginnen, das bewusst zu gestalten, was bis dahin Zufall und blinde Notwendigkeit achtlos und ohne Liebe gehäuft hatten“.

Doch augenscheinlich war seine Hoffnung trügerisch, und auch die angerufenen Kräfte vermochten sich nicht recht durchzusetzen. Der sinnliche Eindruck, den unsere heutigen Städte vermitteln, ist – zurückhaltend formuliert – nicht immer befriedigend. All zu oft sind wir mit einem unbändigen Konglomerat maßstäblich nicht korrespondierender Bauten konfrontiert: am Bahnhof gähnende Ödnis; die wichtigsten Straßen eher Ausfallschneisen denn Boulevards, Stadtplätze ohne klare Fassung, dafür mit einem Gewimmel um Fress- und sonstige Buden. Und etwas weiter draußen entweder ein durch Lärmschutzwände abgeriegeltes Ge-werbegebiet oder eine atemberaubende Mischung aus heruntergewirtschafteten Wohnhauszei-len, Müllcontainern, wild parkenden Autos und zugenagelten Geschäftsbauten. Viele urbane Situationen sind unansehnlich, wirken abweisend oder hinterlassen einen chaotischen Eindruck.

Das freilich hat Gründe: Nach wie vor herrscht eine auf die Optimierung einzelner Funktionen ausgerichtete räumliche Organisation. Und weil deren Vernunft sich an den immer gleichen Kriterien orientiert – nämlich Minimierung der Kosten und Maximierung der Nutzbarkeit –, entstand und entsteht überall etwas strukturell Ähnliches; das Besondere von Orten im Sinne von Anmutungsqualität und Identitätsbildung schmilzt hinweg.

So nimmt es nicht wunder, wenn sich dagegen lauthals Opposition formiert. Unter dem Idealbegriff der „schönen Stadt“ versammeln sich eine Reihe von öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten. Unlängst ist ein Manifest vorgelegt worden: die „Zehn Grundsätze zur Stadtbaukunst heute“. In der Präambel wird beklagt, dass hierzulande kaum Stadtbausteine entstünden, „die wie die sogenannten Altbauquartiere von einem Großteil der Bevölkerung als alltagstauglich, wertvoll und schön empfunden werden. Dies geschieht trotz der seit einer Generation weit verbreiteten Kritik an den funktionstrennenden, verkehrszentrierten und stadtauflösenden Planungsmodellen der Avantgardemoderne und trotz einer historisch bei-spiellos umfangreichen Planungsgesetzgebung mit Bürgerbeteiligung“.

Falsch ist das ja nicht. Auch gegen die Leitsätze selbst ist auf den den ersten Blick nichts einzuwenden. Schaut man indes genauer hin, bemerkt man, dass sie entweder vage-positivistisch sind („Komplexität statt Reduktion“), oder aber in weltanschaulicher Manier an der Wirklichkeit vorbeigehen („Einzelhandel statt Kette“). Die Perspektive ist allein diejenige des gestaltenden Städtebauarchitekten, womit notgedrungen andere Aspekte unterbelichtet bleiben.

Seine Erklärung findet dies in den maßgeblichen Initiatoren. Denn Motor des Ganzen ist das „Deutsche Institut für Stadtbaukunst“, wobei sich hinter dem unbescheidenen Titel erst einmal zwei Lehrstühle der TU Dortmund verbergen. Der dort unter Federführung von Christoph Mäckler und Werner Sonne formulierte Ansatz- und Hauptkritikpunkt ist, dass Städtebau und Stadtgestaltung nicht mehr als Kunst verstanden werden, sondern vornehmlich als Instrument und Ausdruck von Gewinnmaximierung bei der Verwertung von Grundstücken und Immobilien. Doch im Begriff „Stadtbaukunst“ angelegt ist möglicherweise ein großes Missverständnis – nämlich Städtebau als eine bloß in ihrem Maßstab veränderte, sozusagen vergrößerte Architektur zu begreifen.

Dem ist auch schon Le Corbusier vor rund 90 Jahren aufgesessen in der Annahme, mit der perfekten Gestaltung einer Unité d’ habitation, wie wir sie etwa aus Marseille kennen, und deren beliebiger additiver Reproduktion schon das endgültige und vollendete Modell für eine ganze Stadt entwickelt zu haben.

Demgegenüber hat der Städtebau zunächst einmal den Rahmen für die mögliche Entfaltung von (durchaus vielfältiger) Architektur zu setzen, er muss die Voraussetzungen schaffen, damit diese entstehen kann. In Analogie zur Malerei könnte man sagen: Es werden Format und Bespannung erstellt, die Leinwand grundiert – als Basis für das eigentliche Bild, das erst danach entsteht. Und was „schön“ ist, bleibt obendrein diskussionswürdig.

Wenn wir ein Objekt als „schön“ wahrnehmen, stützen wir uns dann auf Qualitäten, die diesem wesenhaft, als Eigenschaft zukommen? Oder verdanken wir es einer kulturellen Konvention? Wie auch immer: So etwas wie Atmosphäre baut sich gerade in der Dimension städtebaulicher Phänomene ohnehin nur über lange Prozesse auf.

„Alte Plätze sonnig schweigen. / Tief in Blau und Gold versponnen / Traumhaft hasten ernste Nonnen / Unter schwüler Buchen Schweigen.“ So lautet die erste Strophe von Georg Trakls Gedicht „Die schöne Stadt“, und ähnlich ausdrucksstark scheint auch die Wahrnehmung deren heutiger Protagonisten. Darin schwingt ein Ressentiment mit, mithin eine imaginierte Gegenwelt zum Utilitarismus und zur Arbeitsteilung, zur glatten Kälte und den mechanischen Stereotypen der Moderne. Zugleich lässt sich der Wunsch nach der omnipräsenten Allmacht des Stadtbaukünstlers erahnen: Als zentrale Voraussetzung zur Verwirklichung einer bestimmten Stadtidee, mit einer unbeschränkten Verfügung über Boden und Ressourcen, einem gewaltigen Gestaltungsraum gegenüber konkurrierenden Instanzen und Interessen. Welche Vorstellung eines demokratischen Gemeinwesens steckt dahinter? Und wie verhält sich die Sehnsucht zu jener pragmatischen Leitlinie, die Hans Oswald vor fast 50 Jahren in folgende Worte kleidete: „Die moderne Stadt soll funktionieren. Es genügt nicht zu sagen, kein Rauch, kein Gas, kein Lärm, kein Verkehr mehr, wenn Rauch, Gas, Lärm, Verkehr zum Funktionieren notwendig sind.“

Andererseits gibt es ja tatsächlich einen inneren Zusammenhang von gebauter Umwelt und Kultur – den auf den Begriff der „schönen Stadt“ zu bringen freilich eine Verkürzung wäre. Versuchsweise könnte man diesen Kontext wie folgt konkretisieren:

1. Aufgaben und Projekte in den Städten entstehen nicht aufgrund ästhetischer Fragen, sondern anhand konkreter Probleme und/oder Bedürfnisse. Städtebau meint in diesem Zusammenhang in erster Linie Qualitäten beim Erheben und Festlegen der Aufgabenstellungen.

2. Es braucht innovative Verfahrenskonzepte, in denen andersartige Formen der Kooperation genauso erprobt werden wie neue Instrumente der Qualitätssicherung – von Wettbewerben über Gestaltungsbeiräte bis hin zu internationaler Zusammenarbeit. Dabei ist auch der Stellenwert des Experiments zu stärken, Chancen durch Modelle „offener“ Planungen wären zu nutzen, die im Wechselspiel zwischen festem stadträumlichem „Gerüst“ und flexibler architektonischer „Füllung“ agieren.

3. Ohne eine intensive Vermittlung können Projekt- und Programminhalte im Städtebau heute nur noch schwerlich umgesetzt werden. Man muss nicht erst „Stuttgart 21“ bemühen: Autokratische Alleinentscheidungen entsprechen nicht mehr den Bedürfnissen und den Forderung der Bürgergesellschaft nach Teilnahme und Mitsprache. Für den Erfolg einer Maßnahme ist die positive Akzeptanz vor Ort von zentraler Bedeutung.

4. Es braucht klare und nach-vollziehbare Qualitätsvorstellungen für das einzelne (Bau-)Objekt, die jenseits einer bloßen „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ liegen und stets auch das gelingende Zusammenspiel mit der Umgebung im Blick haben.

Was also hat es mit der „schönen Stadt“ auf sich? Als Ziel kann man sie gar nicht in Abrede stellen. Städtebau aber darf nicht zur (reinen) Symbolpolitik werden, darf sich nicht in „Embellissement“, also Dekoration und Ornament erschöpfen, darf nicht bloß eine Ästhetik des Stadterlebnisses beabsichtigen. Aneignen, heimisch werden, Identität erzeugen: Das sind Desiderate, auf die eine zeitgemäße Stadtentwicklung sich qualitativ einlassen muss, will sie nicht (wieder) nur städtebauliche Diagramme oder bloße Flächendispositionen schaffen. Ein Patentrezept gibt es nicht; auch die Nachschöpfung von Gründerzeitquartieren ist kein allein selig machender Weg. Das überlieferte Muster der (Stadt-)Gestaltung basiert auf – oder lebt von – dem Antagonismus des Repräsentativen und des Alltäglichen, der Dominanz und des Dienens. Das freilich erweist sich nach wie vor als stichhaltig.

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