Wohnen, Arbeiten, Erholen, Fortbewegen. In den alten Städten Europas waren diese Aktivitäten untrennbar miteinander verwoben. Sie charakterisierten jedes urbane Gefüge, markierten aber auch unweigerlich die Schwachstellen der Stadt in einer sich immer weiter industrialisierenden Gesellschaft.
Als im Jahre 1933 auf dem 4. Congrès Internationaux d'Architecture Moderne (CIAM) die Charta von Athen mit der Forderung verabschiedet wurde, eben diese vier Funktionsbereiche zu trennen, war das ein frontaler Angriff auf die Stadt, wie man sie kannte. Le Corbusier etwa provozierte mit seinem Plan, die historische Innenstadt von Paris durch eine durchgrünt-durchlüftete Hochhaussiedlung zu ersetzen. Selbstverständlich waren solche Ideen in den Altstädten des Kontinents nicht durchzusetzen. Doch Frankreich hatte ja Kolonien.
An diesem Punkt setzt die Ausstellung "In der Wüste der Moderne" an, die im "Haus der Kulturen der Welt" in Berlin gezeigt wird. Die Kolonialmacht Frankreich verstand ihre Protektoratszonen in Nordafrika - Marokko, Algerien, Tunesien - als weißes Blatt, als Tabula rasa, als geeignetes Experimentierfeld für eine Architektur, die in französischen Städten (noch) nicht zu verwirklichen war. Dieser Export moderner Stadtplanung nach Afrika war natürlich kein Selbstzweck, sondern den sozialen Umständen geschuldet. Rund um die von den Kolonialisten dominierten Städte, etwa der sich rasant entwickelnden Hafenmetropole Casablanca in Marokko, hatten sich Slums gebildet.
Maghrebinische Arbeiter, die das Wirtschaftswachstum am Laufen hielten, hatten sich in selbstgebauten Wellblechstädten, den sogenannten "Bidonvilles", angesiedelt, in denen im Verständnis der Protektoratsverwaltung das pure Chaos regierte - und die somit eine potenzielle Gefahr darstellten. Also wurden Wohnungsbauprojekte mit dem Ziel initiiert, die Bewohner der Bidonvilles umzusiedeln und eine urbane Ordnung herzustellen. Für die Architekten boten die Großprojekte für die Massen gleichzeitig die lang ersehnte Chance, den "neuen" Menschen mit adäquat modernem Wohnraum auszustatten.
Die Ausstellung stellt einige Projekte vor, wie die französische Arbeitsgruppe GAMMA, welche den Städtebau auf die nordafrikanischen Verhältnisse anpasste, die "Cité Verticale" der Architekten Georges Candilis und Shadrach Woods oder "Sidi Othman" von André M. Studer und Jean Hentsch, die Anfang der 1950er Jahre in Casablanca verwirklicht wurden. Ähnliche Konzepte gab es in Algier und Tunis. Die Architekten nahmen Organisationsstrukturen aus den Bidonvilles, aber auch aus anderen Siedlungsformen Nordafrikas in ihre Projektentwicklung auf. Denn intellektuell hatten sie sich von der Strenge Le Corbusiers, in dessen Stab Candilis und Woods vorher gearbeitet hatten, längst entfernt und bemühten sich, strukturalistischere, also den Erfordernissen des Menschen in seiner Umwelt besser entsprechende Raumlösungen zu entwickeln.
Frankreich zog sich 1956 aus Marokko und nach dem blutigen Unabhängigkeitskrieg 1962 auch aus Algerien zurück. Die Ausstellung stellt dazu die interessante aber wacklige These auf, dass mit dem Re-Import modernen Städtebaus nach Frankreich in die Banlieues der Großstädte, sich die Geschichte praktisch wiederholte - mit den französischen Trabantenstädten als Orten des Widerstands der Migranten und sozialer Kämpfe.
Die Erfahrungen im Postkolonialismus habe die Planungshoheit der europäischen Nachkriegsarchitekten nachhaltig verunsichert, mutmaßt die Ausstellung. Am Beispiel der Projekte von Candilis, Josic und Woods zeigt sich jedoch das Gegenteil. Als Mitglieder der Architektengruppe "Team Ten", die den linearen Funktionalismus, der die CIAM dominierte, reformieren wollten, haben sie in Casablanca noch nach Möglichkeiten gesucht, den Massenwohnbauten eine humanere Fassade zu verleihen. Mit dem Siegerentwurf für die "Rost- und Silberlaube" der Freien Universität Berlin schufen sie eine vermeintlich flexible Kasbah, die aber an ihrem Schematismus scheiterte. In Toulouse planten sie die Großsiedlung Le Mirail als selbstherrlich ästhetischen Geniestreich, ganz entgegen ihrer früheren Forderungen nach Beteiligung der Bewohner. Autokratische Planung blieb das zentrale Dogma, ob im Funktionalismus oder Strukturalismus.
Leider gelingt es dem Kuratorenteam um Marion von Osten nicht, den weitgefassten Komplex von architektonischer Moderne, Stadtsoziologie, Dekolonisierung und Wanderungsbewegungen wirklich deutlich zu machen. Die diversen Originaldokumente, Filme, Fotografien und Modelle, sind in der pluralistischen Ausstellungsarchitekur von Jesko Fezer zwar gut präsentiert, aber kaum erklärt und kommentiert. So bleiben die Exponate isoliert und bleibt die Verknüpfung der gezeigten Positionen bei allem demokratischen Anspruch elitär. Statt eines begleitenden Katalogs soll die nächste Ausgabe der Zeitschrift AnArchitektur diese Lücke schließen. Vielleicht gelingt es hier, zumindest die Hauptstränge der Ausstellung, einerseits Antikolonialismus und Transmigration, andererseits Architektur und Urbanismus, zu entwirren.
Haus der Kulturen der Welt, Berlin, bis zum 26. Oktober.