Aktuell: Eintracht Frankfurt | Fußball-News | Blockupy | Ukraine | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Architektur

13. Juni 2012

Architektur: Aussichtslos verstrickt

 Von Peter Iden
Propagandaplakat Otto Leh-manns.  Foto: Musee Val-de-Grace

„1917“: Mit einer großen Ausstellung führt das Centre Pompidou im lothringischen Metz vor, wie der Krieg und die Kunst zusammenstießen

Drucken per Mail

Die Architektur des vor zwei Jahren als Dependance des Pariser Centre Pompidou eröffneten neuen Museums im lothringischen Metz eigenwillig zu nennen, ist eine krasse Untertreibung. Es ist, als habe der Italiener Mario Merz hier die mächtige Variante eines seiner Iglus aufgestellt, die ihn berühmt gemacht haben: Die von Shigero Ban und Jean de Gastines entworfene Grundstruktur ist die einer drei Stockwerke kühn überspannenden, aus Holz und Segeltuch gebildeten Wölbung, in welche die Ausstellungsräume eingepasst sind wie rechtwinklige Kästen. Der Bau ist ein starkes Zeichen für die Ankunft der Moderne in der französischen Provinz, nachdrücklicher kaum denkbar.

Signal für die Stadt Metz

        

Antlitz des Krieges: Plastik eines Verwundeten.
Antlitz des Krieges: Plastik eines Verwundeten.

Das auffällige Signal scheint denn auch in der ganzen Stadt Wirkung zu zeigen: Metz scheint derzeit eine einzige Baustelle, in der Umgebung des am Stadtrand gelegenen Museums entsteht ein neues Quartier von Hochbauten für Verwaltungen und Wohnungen. Das erinnert an Bilbao, wo Frank Gehrys Guggenheim die eine Welle war, die viele Boote hob.

Aber natürlich – ein derart spektakuläre Hülle verlangt auch Inhalte, die der herausfordernden Architektur entsprechen. Mit Übernahmen aus den reichen Beständen des Pariser Stammhauses allein ist es da nicht getan. So hat man denn in Metz zwei Jahre lang ein Ausstellungsprojekt entwickelt, dessen Verwirklichung dem unbestreitbaren Reiz und Spannungsgehalt des Neubaus auf höchstem Niveau angemessen ist.

Metz, der Name des Standorts, ist dabei zugleich Programm. Die Stadt an der Mosel, nur eine knappe Autostunde westlich von Saarbrücken, war in ihrer Geschichte immer wieder ein Schauplatz kriegerischer Konflikte, im 20. Jahrhundert im Verlauf von zwei Kriegen zwischen Franzosen und Deutschen erbittert umkämpft und schwer gezeichnet. Aus den Jahren dieser Auseinandersetzungen wird jetzt in der ersten großen Ausstellung des nagelneuen Museums als titelgebender Stoff ein Jahr herausgegriffen: 1917.

Es war das vorletzte Jahr des mit historisch bis dahin nicht bekannter, durch den Einsatz moderner Technologie fürchterlich gesteigerter Brutalität und 1917 allein an den französischen Fronten 150000 Gefallenen und Tausenden von Verstümmelten geführten Krieges 1914-1918. Das Jahr mörderischer Stellungskämpfe mit unter höchsten Opfern auf beiden Seiten geringstem Landgewinn, auch das Jahr des Eintritts der USA in jenen Krieg und der einsetzenden Meutereien in der Armee Frankreichs, war nicht zuletzt das Datum der russischen Oktoberrevolution. Gleichzeitig aber, wahnwitziges Paradoxon, war es auch eine Periode der erstaunlichsten, bis heute nachwirkenden künstlerischen Entwicklungen in den kriegführenden Staaten, in Frankreich, in Deutschland, in Österreich, in Russland, in Italien.

Die Ausstellung in Metz führt am Beispiel von Ereignissen zwischen Januar und Dezember 1917 vor Augen, wie da zusammenstießen: Krieg und Kunst. Die Akte, die Mittel und die Folgen der Zerstörung von Menschen und ihrer Kultur – bei gleichzeitig einer Fülle unterschiedlichster Initiativen in der Malerei, der Skulptur, der Musik, dem Theater. Dabei werden das Instrumentarium, die Requisiten und die Auswirkungen des Krieges auf die beteiligten Menschen und ihre sozialen Zusammenhänge, ebenso wie materiell auf ihre Städte und Lebens-Landschaften so präsentiert, dass sie immer wieder dem Kontrast ausgesetzt werden mit im nämlichen Zeitraum entstandenen Werken der Künstler.

Verschränkte Präsentation

Diese verschränkte Präsentation der Zeugnisse für den Krieg und für die Kunst bedient sich in der Anordnung der Form eines Labyrinths: Mit voller Absicht wird der Besucher derart durch das ausgebreitete, extrem gegensätzliche Material geleitet, dass er schon bald selber sich verloren fühlt, wie in einen Strudel geraten, aussichtslos verstrickt in die Wirrniss der Widersprüchlichkeiten einer vergangenen und gerade durch das Labyrinthische der Wegführung zugleich sehr gegenwärtigen Epoche.

Was ist also zu sehen? Von den Massakern der Schlachten die Reste der Ausrüstung der Soldaten, Uniformen, geborstene Helme der Gefallenen und Fotos der verstümmelten Leichen in den Schützengräben und der Zerstörung ganzer Dörfer und Städte. Weiter das damals neue Kriegsgerät, Maschinengewehre und Geschütze von ungeahnter Feuerkraft und mörderischer Effektivität wie die für diesen Krieg entwickelten Panzer, deren Schrecken ein verdrecktes Exemplar im Foyer des Neubaus beschwört.

Mehr und mehr kam im Verlauf des Krieges als Kampfmittel auch Giftgas zum Einsatz. Was diese Waffen verursachten, wird dokumentiert durch die Fotos grausam versehrter Überlebender mit zerschossenen Gesichtern und abgetrennten Gliedmaßen. Ein Parcours entsetzlicher Leiden, den bei Siegern wie Besiegten nichts Heroisches und kein Patriotismus beglänzen kann.

Wie die Künstler der Zeit darauf reagierten, wird belegt durch eine intermittierend eingeschobene, vielteilige Auswahl von Gemälden und Skulpturen, alle aus dem Jahr 1917, die Museen in Moskau und New York, Berlin und Wien, Brüssel und Paris nach Metz ausgeliehen haben. Dass das möglich wurde, ist ein Verdienst der Kuratoren, aber zu danken auch der engen Verbindung des Hauses in Metz mit dem Pompidou in Paris, dem, weil mit seinen eigenen Beständen selber ein potenter und gefragter Leihgeber, auch von anderen Museen Leihgaben leichter gewährt werden.

Zwei Reaktionen der Kunst

Prinzipiell lassen sich zwei Formen der künstlerischen Reaktion auf den Krieg unterscheiden: Zum einen die direkte Einlassung auf die Katastrophe mit den Versuchen, die Kriegsgräuel bildnerisch umzusetzen in deren explizierte Schilderung; zum anderen die bewusste Verweigerung eben solcher Entsprechungen mit dem Entwurf von Gegenbildern, die darauf bestehen, die Freiräume der Kunst gerade nicht zu verlassen, sei die Realität auch noch so voller Schrecken.

Für die Position der direkten Einlassung stehen etwa die Kriegsszenen von George Grosz, Otto Dix oder Frans Masereel, deren Kritik sich artikuliert in Darstellungen der inhumanen Konsequenzen des Krieges für dessen Opfer. Die gegenläufige Haltung, die in der Ausstellung den breiteren Raum einnimmt, wird erkennbar an den konstruktivistischen Experimenten der russischen Avantgarde, den Aufkündigungen jedweder Logik durch die DADAisten in Zürich, der bedingungslosen Feier der Maschinen durch die italienischen Futuristen, die Forcierung der Abstraktion nicht nur bei Kandinsky. Johannes Itten lässt sich durch die Explosion von Granaten inspirieren zu einem dynamisch aufgelösten Selbstporträt wie Felix Valloton, eigentlich ein Maler des intimer Kammerspiele, sich fasziniert zeigt von den Wirkungen des Artillerie-Feuers. Der Krieg wird für manchen zum Antrieb für die ästhetische Innovation.

Unbeirrbar radikal ist der Rückzug aus der Zeit, für den Claude Monet sich entscheidet: 1917 arbeitet er in Giverny an der Fortsetzung des Zyklus der „Nymphéas“, den Bildern der Seerosen und des Lichts auf dem Wasser in seinem Garten widmet die Ausstellung einen eigenen Raum. Große Malerei, fernab der Welt.

Wie denn auch ein anderes Hauptwerk in Metz sich absetzt in eine Gegenwelt: Der monumentale Theatervorhang (im Besitz des Pariser Pompidou), den Picasso für eine Gemeinschaftsarbeit mit Jean Cocteau als Autor, dem Komponisten Erik Satie und Serge de Diaghilev, Direktor des „Ballets russes“ , auf einer Fläche von 170 Quadratmetern mit Harlekinen und Fabeltieren bemalt hat, entstand für die Aufführung von „Parade“ in Paris im Mai 1917. Das Stück handelte von Seiltänzern, die alle berühmt werden wollen.

Beim Publikum provozierte „Parade“ einen Skandal, seiner Weltferne wegen, in schlimmer Zeit. Dass die Kunst transzendieren kann, was sie umgibt, kann ihr Elend sein – wie zugleich aber auch ihr Triumph.

Centre Pompidou, Metz, bis 24. Augustcontact@centrepompidou-metz.fr

Zur Homepage
comments powered by Disqus
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!