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Architektur

04. April 2008

Architektur: Den Möglichkeiten Raum geben

 Von ROBERT KALTENBRUNNER

Warum interessiert sich eigentlich niemand für Gewerbegebiete? Vom Nutzen des Überbaus in der Architektur und Baukultur.

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Der Autor

Robert Kaltenbrunner ist Leiter der Abteilung Bauen, Wohnen, Architektur des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung (Bonn/Berlin).

Ihm sei, so äußerte sich einmal der ungarische Schriftsteller György Konrad, das "Bild in Erinnerung geblieben, wie die Architekten diese neuen, aus vorgefertigten Betonteilen erstellten Wohnsiedlungen entwarfen. Auf grünen Tischen schoben sie kleine, weiße Styropor-Klötzchen hin und her.

Auf diese Weise entstanden Städte für 50 000 Menschen. Mir fiel auf, dass die Kollegen selbst nicht dort lebten, sondern in heimeligen Altbau-Vierteln. Ich finde das eine komische Schizophrenie". Als die Moderne sich baulich-räumlich ihre Schneise schlug, waren durchaus Opfer zu beklagen: Die radikale Absage der Avantgarde an die überlieferten Konventionen hat das Verhältnis zwischen Architektur und Nutzern nachhaltig erschüttert.

Kubisch und weiß sollte die Welt werden, funktionalistisch und ornamentlos. In der Weimarer Republik erkundete das Bauhaus die Möglichkeiten der Moderne als einer idealen Stilform für das zeitgenössische Leben. Überflüssige Schönheit wurde abgelehnt; die Form jedes Gebrauchsgegenstandes, von der Teetasse bis zum Wohnblock, musste auf dessen Zweck hindeuten.

Der Aufbruch zu einer neuen Architektur als Ausdruck einer neuen Zeit war jedoch weniger eine Frage der gebauten Fakten denn eine der Propaganda. Ihre Wortführer bemühten sich um die Popularisierung ihrer Theorien, verfluchten den Historismus, predigten das Maschinenzeitalter, besangen den Fortschritt und hielten sich selbst für die einzig legitimen Vertreter ihrer beruflichen Spezies.

Spätestens jedoch seit den Auswüchsen des Bauwirtschaftsfunktionalismus nach dem Zweiten Weltkrieg regte sich heftige Kritik - nicht zuletzt, weil das städtebauliche Programm der Moderne eine extreme Entwertung des urbanen Raumes zugunsten massiver Solitäre beinhaltete. Eine Reaktion darauf mündete zwar in die Postmoderne, führte aber insgesamt nicht zur Überbrückung der Gegensätze. Und so stehen sich Lager, Ideologien und Stile - ob nun beim Schloss in Berlin oder dem Fachwerkstreit in Frankfurt am Main - noch immer unversöhnlich gegenüber.

Das hat damit zu tun, dass die Diskussion eine bloß Architektur-immanente ist, ihr fehlt weitgehend der Bezug zum Alltag der Menschen. Medial unterstützt, bestimmen solitäre Bauvorhaben und ihre Schöpfer das Bild; einerlei, ob sie nun dem Organisch-Ökologischen oder der Askese, einem poetischen Rationalismus, dem raffinierten Vexierspiel zwischen Alt und Neu oder dem frappanten Reiz des Technoiden huldigen. Ohne Show geht nichts mehr. Die dramatische, expressive Überzeichnung aller Formen ist in der internationalen Liga der Fosters, Hadids und Gehrys das Maß der Dinge.

Damit ist die Architektur zu einem Gegenstand des Kulturbetriebs geworden wie jeder andere. Ihre Referenzen sind weltweit abrufbar, austauschbar und werden vom hedonistischen Bürger und dem Journalismus nach ihren Reizwerten abgetastet. Der Status des Noch-nie-Dagewesenen wird für ein Gebäude zum entscheidenden Signum; es geht um ein Bild, das als das Neue und als globales Zeichen zirkulieren kann.

Was etwa in der Schweiz aus einer puristischen Tradition entstanden ist, kann so plötzlich zum "radical chic" der Londoner Trendsetter werden. Solche Transfers, solche Verluste der Differenz haben dazu geführt, dass es inzwischen einen globalen Katalog von einzigartigen Architekturobjekten gibt.

Da mag es vielleicht ganz tröstlich erscheinen, dass deren Wirkung gewisse Grenzen gesetzt sind. Gerade weil Menschen zu ihrem Wohlbefinden eine differenzierte und ästhetisch ansprechende Umwelt benötigen, die durch ihr komplexes symbolisches Angebot ihren lebensgeschichtlich geformten sinnlichen Bedürfnissen entgegenkommt. Doch wenn Architekten von Baukultur reden, dann blenden sie rund neunzig Prozent unserer Alltagswirklichkeit aus.

Diese scheinen sich als Gegenstand für das kreative Schaffen nicht zu eignen. Die Geringschätzung etwa, mit der die zeitgenössischen Gewerbegebiete bedacht werden, erinnert bisweilen an die Abneigung gegenüber den Mietskasernenvierteln in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Geißelte man damals mangelnde Hygiene und zu hohe Baudichte, werden heute Flächenfraß, Identitätslosigkeit und Fokussierung auf den Individualverkehr kritisiert. Wahrgenommen werden nur die Kathedralen der Neuzeit: Museen, Regierungsbauten, Konzernzentralen, Geschäftshäuser.

Die "grey belts" bleiben baulich Terra incognita - nach Kräften ignoriert, achselzuckend ertragen, hastig durchquert, so es unvermeidbar ist. Während der Umgang mit der Architektur in vorstaatlichen Zeiten einen Teil der gesellschaftlichen Gesamtaktivität darstellte, so ist ihre Rolle als Bedeutungsträger heute diffus geworden. Hierin liegt ein Dilemma: Die sprichwörtlich gewordene "Unwirtlichkeit" unserer Städte nimmt eher zu als ab. Das postmoderne Anything goes der Architektur spiegelt nur die Individuierung, ja Atomisierung unsrer Gesellschaft.

Die sichtbaren, greifbaren Möglichkeiten der Einflussnahme verflüchtigen sich mehr und mehr. Und wenn Stadtplanung, wie es die Wirtschaftsberaterin Gertrud Höhler einmal polemisch bezeichnet hat, der Kampf der Verwalter gegen die Gestalter ist, dann stimmt was nicht im urbanen Gefüge. Die öffentliche Hand gibt Ordnungshoheiten an private Zuständigkeiten ab. Sonntagsredner sprechen von Baukultur, meinen aber Verkaufskultur und vergessen geflissentlich, ihre Zuhörer darauf hinzuweisen.

Kein Zweifel:"Gute Architektur" ist unbedingt zu begrüßen - solange sie eine Ziellinie markiert, um das allgemeine Niveau zu heben. Insofern darf sie nicht normativ sein. Was aber heißt das? Zunächst einmal muss sie sich ihrer Grenzen neu bewusst werden, das heißt Abstand gewinnen vom Glauben an die Mach- und Beherrschbarkeit gesellschaftlicher Entwicklung, ohne indes gleich jeden Aufbruchs- und Gestaltungswillen ad acta zu legen. Jede Architektur basiert auf einer Zweckorientierung.

Ob sie stets auch zum Event stilisiert werden muss, darf bezweifelt werden. Was sie aber zumindest andeuten muss, ist ein "Möglichkeitsraum", der über sie hinaus in einen breiteren Kontext weist. Im Zeichen des weltweiten Siegeszuges rein ökonomischer Werte braucht es wieder eine Utopie. Und wir werden stärker über den Tellerrand der unmittelbaren Konsumbedürfnisse hinausschauen müssen, soll unsere Lebenswelt nicht unter dem herrschenden Konformitätsdruck komplett nivelliert werden.

Dass sich die breitere Öffentlichkeit dafür auch interessiert, ist allerdings nicht voraussetzungslos zu haben. Weil Baukultur - darin der modernen Kunst oder Musik nicht unähnlich - in ihrer bildhaften und räumlichen Artikulation häufig genug einer Erklärung, eines Kommentars bedarf, liegt ihre Aufgabe darin, ein entsprechendes Qualitätsbewusstsein zu schaffen und dafür Maßstäbe zu erarbeiten und zu etablieren, jenseits der Eitelkeiten der Profession und der Eitelkeiten der Beteiligten. Denn Baukultur zielt nicht nur auf das Gebaute, sondern nimmt darüber hinaus auch sein "Sein-Sollen" ins Visier.

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