Beim Umgang mit historischer Bausubstanz fällt Architekten heute auch weiterhin durchaus mehr ein als die bloße Rekonstruktion. Dass zeitgenössische Formen bestens geeignet sein können, sich in ein über die Jahrhunderte gewachsenes Ensemble einzufügen, beweist der jetzt fertig gestellte Erweiterungsbau der Moritzburg, die im sachsen-anhaltischen Halle hoch über das Saale-Ufer aufragt.
Die Burg mit ihren Ursprüngen in der Frührenaissance wurde durch die Verheerungen des Dreißigjährigen Kriegs zur Ruine. Im 19. Jahrhundert wurden Teile der Anlage mit der Stilvielfalt des Historismus wieder aufgebaut, doch der zur Saale weisende Westflügel blieb ruinös. Erst jetzt ist diese bauliche und baugeschichtliche Lücke gefüllt worden.
Der Erweiterungsbau der Moritzburg ist vom 13. Dezember an für Publikum zugänglich. Bis zum 8. Februar ist eine Ausstellung über das Architekturbüro Nieto Sobejano unter dem Titel "arquitecture concreta" zu sehen. www.kunstmuseum-moritzburg.de
In dreijähriger Bauzeit hat das spanische Architekturbüro Nieto Sobejano aus Madrid den Westflügel sowie Teile des Nordflügels für das seit hundert Jahren auf der Burg residierende Kunstmuseum Moritzburg neu errichtet. Dieser Erweiterungsbau ist ästhetisch wie funktional ein großer Wurf. Eine Rekonstruktion des alten Baugefüges stand von Anfang an nicht zur Debatte, da weder verlässliche Pläne über die ursprüngliche Gestalt des Westflügels vorlagen, noch sich ein spätmittelalterliches Raumgefüge sinnvoll für die Präsentation von moderner und zeitgenössischer Kunst nutzen ließe.
Auch eine historisierende Nachahmung kam letztlich nicht ernsthaft in Frage, so dass die auch in Halle diskutierte Aufgabe der Identitätsstiftung - im Gegensatz etwa zu den Schlossrekonstruktionen in Braunschweig oder demnächst in Potsdam und Berlin - in diesem Fall einer Architektur in zeitgemäßen Formen überantwortet wurde.
Durch den Erweiterungsbau sollte das Museum mit der Schließung der Flügel endlich einen nachvollziehbaren Rundgang erhalten. Zudem sollte er jene Bestände aufnehmen, die bislang aus Platzmangel zu kurz kamen: Ausschnitte aus der 900 Gemälde, Zeichnungen, Grafiken und Objekte umfassenden Sammlung zum deutschen Expressionismus des Würzburger Unternehmers Hermann Gerlinger, die sich als Dauerleihgabe in Halle befindet, sowie die zeitgenössische Kunst.
Die Moritzburg zählte bis 1933 zu den wichtigsten Museen für moderne Kunst in Deutschland. Durch die NS-Aktion "Entartete Kunst" gingen diese Bestände nahezu komplett verloren. Zu DDR-Zeiten und in der Nachwendezeit konnten nur wenige Werke wieder erworben werden, so dass die Leihgabe für die Sammlung ein großer Glücksfall ist.
Es wurden also ebenso kleinere, überschaubare Kabinette für die Expressionisten benötigt wie ein klassischer White Cube für die vielgestaltige Kunst der Gegenwart. Und genau das haben Nieto Sobejano geliefert - ohne dabei die historischen Überreste zu missachten. Ihr Schachzug: Sie bewahrten die historische Kubatur der beiden Flügel mit den vorhandenen Resten an Mauerwerk, führten die Räume mit modernen Materialien auf die alte Höhe der Flügel hinauf und hingen in die hohen, lang gestreckten Räume der Burgflügel vom Dach her kleinere Säle ein, die über eine Galerie auf halber Höhe zugänglich sind. So entstand eine Vielfalt an Raumgrößen und -höhen, die auf die Erfordernisse des Museums reagiert.
Trichterförmige Oberlichter bieten zusammen mit den historischen Fensteröffnungen im alten Mauerwerk Tageslicht. Diese Oberlichter sind dort platziert, wo es im ursprünglichen Gebäude einmal Türme gegeben hat. Von außen ist das Dach daher nicht plan, sondern vielgestaltig geformt. Das neue Dach, das in kubischen, beinahe kubistischen Formen ausgeführt ist, fügt sich damit selbstbewusst in die vielfältige Dachlandschaft der historischen Moritzburg ein.
Nieto Sobejano lieferten einen Einbau in die historische Hülle, der so gestaltet ist, dass er überall als Einbau erkennbar bleibt. Vielerorts gehen die neuen Wände auch physisch ein wenig auf Abstand zum historischen Mauerwerk. Wie ein neues Haus in einer alten Hülle erscheinen die Räume nun und bieten überall Begegnungen mit den alten Bauteilen und Ausblicke auf die städtische Umgebung. Zugleich ist in den Lücken und Freiräumen zwischen alten und neuen Wänden ein Teil der Haustechnik verborgen.
Die Moritzburg hat insgesamt rund 2 000 Quadratmeter neue Ausstellungsfläche erhalten. In vier farbig gehaltenen Kabinetten werden künftig Höhepunkte der reichhaltigen Sammlung Gerlinger gezeigt. In einem größeren Raum werden die museumseigenen Bestände der Klassischen Moderne ausgebreitet. Und im White Cube darüber sind Ausschnitte aus der Museumssammlung zur Kunst der Gegenwart zu sehen.
Einen herausragenden Standort haben die Halle-Bilder von Lyonel Feininger erhalten, die zu den Höhepunkten der Museumssammlung zählen. Sie hängen nun am neu eingefügten Übergang zwischen West- und Südflügel. Große Fenster eröffnen von hier aus äußerst beziehungsreiche Sichtachsen: Über den Innenhof der Burg fällt der Blick auf die Toranlage der Moritzburg. Genau dort malte Feininger 1928 im Auftrag der Stadt die insgesamt elf Halle-Bilder, von denen nach dem NS-Raubzug nur noch zwei in Halle verblieben sind. Und Richtung Süden gibt es einen Panoramablick auf die Altstadt mit ihren historischen Kirchen, die Feininger auf seinen Bildern vielfach festgehalten hat.
Einen solchen Stadtblick auf Halle hatte die Moritzburg bislang nicht zu bieten. Hier gehen alte und neue Architektur, Kunst und städtische Umgebung eine unvergleichbare Symbiose ein.