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Architektur und Nachhaltigkeit: Grüner Glamour reicht nicht

Mit Brennwertkesseln, Solarzellen und recycelbaren Baustoffen ist es allein nicht getan: Einige Thesen zum Verhältnis von Architektur und Nachhaltigkeit.

Das Prinzip Arche: Dazu zählen zwei Windräder, damit sich das Umweltbewusstsein auch fortpflanzen kann.
Das Prinzip Arche: Dazu zählen zwei Windräder, damit sich das Umweltbewusstsein auch fortpflanzen kann.
Foto: Getty

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass "Nachhaltigkeit" heute zum Systemimperativ geworden ist. Sustainability steht mittlerweile für fast alles, was politisch irgendwie wünschbar sein könnte. Dabei wird der Begriff in so vielen Kontexten gebraucht, dass er mitunter mehr zur Verwirrung als zur Klärung von Sachverhalten beiträgt. Nachhaltigkeit scheint mithin Notwendigkeit, Bedürfnis und Mythos in einem zu sein. Auch die Domäne der Architektur hat es bislang nicht geschafft, ihr Verhältnis zur Nachhaltigkeit eindeutig zu klären: Die architekturhistorischen Hauptströmungen der letzten Jahrzehnte - ob Postmoderne, Dekonstruktivismus oder die neue Einfachheit des "Steinernen Berlin" - haben die heraufziehenden Probleme der Ökologie schlichtweg ignoriert. Und jene Minoritäten, die sich um das Thema tatsächlich bemühten, wirkten eher wie missionarische Eigenbrötler.

Nun ist allerdings das Bauen die ressourcen- und materialintensivste menschliche Tätigkeit überhaupt - weswegen das Verhältnis von Architektur und Nachhaltigkeit neu zu beleuchten wäre. Michael Beaven, Direktor bei Arup Associates in London, hat es unlängst betont: "Es scheint, dass die komplexe Überlagerung von Nachhaltigkeits-Anforderungen uns überfordert; deswegen reduzieren wir sie auf einzelne Tatbestände, auf singuläre Werkzeuge und Labels. Damit aber entheben wir uns selbst unserer Möglichkeiten." Weil die Nachhaltigkeitsdebatte in der Gefahr schwebt, sich in technischen Spezifikationen zu verlieren, hierzu einige Thesen.

Nachhaltigkeit beim Bauen ist nicht nur Energieeinsparung.

Beim nachhaltigen Bauen geht es vor allem um Energieeinsparung. Das ist jedoch zu wenig. Und es ist auch aus einem kulturellen Blickwinkel problematisch. Fraglos bilden der Umgang mit nicht vermehrbaren Energiereserven - besonders Erdöl und Erdgas -, die drängende Sorge um das Weltklima und die neue Last der finanziellen Kosten einen gravitätischen Problemkreis. Aber zwingen alle drei Faktoren so eindeutig zum Handeln, dass die Frage, ob die Art und Weise, wie ein Teil dieses Handelns - etwa die Wärmedämmung unserer Gebäude - umgesetzt wird, gar nicht mehr gestellt werden darf? Hier sei nur auf die Errichtung von Windkraftanlagen hingewiesen, die ja durchaus in Konflikt steht zu landschaftlichen Kulturräumen und ihrer ästhetischen Integrität. Ehrlicherweise wird man einräumen müssen, dass so manche bauliche Maßnahme, die in überzeugendster Absicht der Energieeinsparung dient, krass jeden Maßstab von architektonischer und handwerklicher Kultur unterschreitet.

Wir müssen Architektur eher als Organismus denn als Maschine begreifen.

Eine Maschine steht der Umwelt in fremder Unabhängigkeit gegenüber; sie vollbringt ihre Leistung nur aus ihrer internen Logik. Ein Organismus dagegen hat einen Stoffwechsel, der ihn mit seiner Umwelt verbindet. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Nachhaltigkeit wird zu oft auf Innovation, Wissenschaft und Technologie verkürzt. Notwendig aber ist eine Zusammenschau, die die zahllosen Einzelergebnisse aus Naturwissenschaften und technologischer Forschung in einen neuen Kontext stellt. So hat es beispielsweise bereits der Architekt Buckminster Fuller gemacht, indem er vor mehr als sechzig Jahren den Begriff "cosmic conceptioning" prägte. Gemeint war die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge für Erhalt und Pflege der Lebensgrundlage nicht bloß zu erkennen, sondern im Denken und Handeln wirksam werden zu lassen - vor allem in einer präzisen Modellierarbeit von Ereignismustern, ihren Veränderungen und Transformationen. Nachhaltigkeit funktioniert nicht wie die Automobilindustrie mit ihrem so hysterisch wie permanent verkündeten "neuesten Stand" der Fortentwicklung aller Systeme. Nachhaltige Entwicklung, ein wirklich nachhaltiges Bauen gibt es nur als Synthese von technologisch-ingenieurmäßigem Handeln und gesellschaftspolitischen, wertebasierten und werteorientierten "Ansprüchen".

Weder der Neubau noch überhaupt das einzelne Gebäude sind entscheidend.

Im Hinblick auf die Klima-Energie-Problematik sind Neubauten nahezu irrelevant. Der jährliche Neubauanteil beträgt derzeit nur ein Prozent des bestehenden Bauvolumens, und noch geringer ist die Erneuerungsrate. Um den Energieverbrauch des gesamten Gebäudebestandes langfristig zu reduzieren, muss eine breite Anwendung vielversprechender Technologien erfolgen, und zwar rasch erfolgen. Bei 17 Millionen Wohnbauten mit 40 Millionen Wohnungen und 7 Millionen Gewerbe-, Sport- und Kulturbauten allein in Deutschland ahnt man die Größe des Problems. Entscheidend ist also, die breite Masse des Bestandes "energetisch zu ertüchtigen". Das ist natürlich eine vielbemühte Einsicht, die mitunter zur bloßen Phrase verkommt. Aber: Historische Bausubstanz gehört, wie der Boden, zu den nicht mehr vermehrbaren und vor allem zu den nicht mehr wiederholbaren Ressourcen unserer Umwelt. Bei allen Fortschritten, die sich im Neubau schon haben verwirklichen lassen, darf man ja nicht übersehen, dass das größte ökologische Potential im Bereich der Bestandssanierung liegt.

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Autor:  ROBERT KALTENBRUNNER
Datum:  25 | 2 | 2009
Seiten:  1 2
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