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Architekturbiennale in Rotterdam: Über die Grenzen hinweg

Thema der 4. Internationalen Architekturbiennale Rotterdam ist die offen Stadt: Ihre Bewohner haben Bewegungsfreiheit, haben Zugang zu technischer und sozialer Infrastruktur. Prinzipiell. Von Christian Holl

In der Geschichte der Stadt war es bis ins 19. Jahrhundert hinein zumindest unter militärischen Gesichtspunkten eindeutig, was mit einer "offenen Stadt" gemeint war. Sie setzte dem Angreifer keinen Widerstand entgegen. Inzwischen und jenseits militärischer Kreise gibt es keinen Konsens mehr darüber, was eine offene Stadt ausmacht. Es ist vermutlich genau dieser Interpretationsspielraum, die den Kurator der 4. Internationalen Architekturbiennale von Rotterdam, den hier tätigen und in Zürich lehrenden Stadtplaner und Architekten Kees Christiaanse dazu bewog, dieser Ausstellung das Thema "OpenCity: Designing Coexistence" zu geben.

Christiaanse und sein Ko-Kurator Tim Rieniets vermeiden es, den Begriff der offenen Stadt programmatisch einzugrenzen, sie nennen aber einige Kriterien. Die offene Stadt gewährt freie Mobilität, Bewohner dürfen sich in ihr zu Hause fühlen können, sie haben Zugang zu technischer und sozialer Infrastruktur. Die Stadt, so lassen sich Äußerungen der Kuratoren in Katalog und Ausstellung interpretieren, ist prinzipiell offen, lediglich die Art, wie die Bewohner jeweils mit diesem Umstand umgehen und wie diese Offenheit sich äußert, ob in kultureller, sozialer, ökonomischer oder politischer Hinsicht, variiert.

Offenheit wird so zu einem prinzipiellen Leitfaden, mit dessen Hilfe das Spezifische von Städten erkennbar wird. Ebenfalls wird thematisiert, wie diese Offenheit eingeschränkt wird, weil sie zur sozialen oder auch mentalen Überforderung werden kann. Denn Offenheit etwa gegenüber Neuankömmlingen, die Infragestellung der eigenen Identität im Kontakt mit dem Fremden, muss man sich erst einmal leisten können, leisten wollen.

Der Besucher bekommt bei dieser Architekturbiennale im Nederlands Architectuurinstitut (NAi) wenig Architektur im Sinne von vorbildlichen Einzelbauten zu sehen. Wenn Architektur als Einzelobjekt auftritt und nicht nur als Teil einer städtischen Struktur, dann ist sie doch stets auf diese Struktur bezogen und wegen ihrer Qualität innerhalb des städtischen Kontexts hervorgehoben. Dieser Kontext, das zu zeigen zeichnet diese Ausstellung zweifellos aus, ist weit mehr als der morphologische, es ist der von sozialen, ökonomischen und politischen Bezugssystemen, innerhalb derer sich bestimmt, welche Möglichkeiten eine Stadt ihren Bewohnern einräumt.

So werden Häuser in Jakarta vorgestellt, in denen Dienstboten menschenwürdige räumliche Bedingungen vorfinden; es sind andere als die in dieser Stadt sonst üblichen. Mit einfachen Mitteln haben Architekten in Diyarbakir (Türkei) misshandelte Frauen unterstützt, die oftmals nur noch im Freitod einen Ausweg sahen.

Dennoch haben Stadtplaner und Architekten nicht die Macht, die Stadt so zu prägen und zu bauen, dass sie einer idealen Gesellschaft ideale Bedingungen bieten könnte. Was sie prägt, wird nicht auf der lokalen Ebene bestimmt, die Stadt ist Produkt und Resultat weltweiter Zusammenhänge, mehr als je zuvor.

Jeder Vorstellung, dass sich die Stadt als eine Gesamtheit projektieren ließe, wird in der Ausstellung abgeschworen. Man müsse die Mythologie vom Architekten als Visionär zerstören, ist an einer Stelle zu lesen. In dieser Skepsis gegenüber großen Plänen, wie sie die Moderne noch einmal wiederzubeleben versuchte, drückt sich die Grundhaltung der Kuratoren aus.

Die Ausstellung ist in sechs Sektionen gegliedert, eine jede ist von einem eigenen Kuratorenteam betreut worden und widmet sich einem thematischen oder lokalen Schwerpunkt: Rotterdam, Jakarta, amerikanischem Siedlungsbau, den in der sowjetischen Zeit entstandenen Städten aus Plattenbauten, Flüchtlingen und Flüchtlingslagern sowie unter dem Titel "Squat" den improvisierten Spontansiedlungen und Slums vor allem in Südamerika.

Der Besucher muss sich über die Ausstellung selbst erschließen, wie jeweils Offenheit verstanden wird, muss selbst herausfinden, wie die Sektionen zusammengehören, was sie für Europa bedeuten könnten. Leicht gemacht wird es ihm nicht, denn eine Überfülle von Texten und Informationen, nicht immer gut lesbar und einem verständlichen Argumentationsstrang folgend, führt ihn an die Grenze dessen, was er innerhalb eines Ausstellungsbesuchs rezipieren kann.

Verstärkt wird dies durch die Art der Präsentation, die den Eindruck des Improvisierten kultiviert und mit geringem Budget kokettiert. Man mag dies als Teil des Konzepts verstehen - die Stadt, vor allem wenn man sie als globale Phänomen präsentiert, muss den Besucher möglicherweise beunruhigt entlassen - ein wenig mehr Hilfestellungen hätte man gerade auch dem mit der Materie nicht vertrautem Besucher trotzdem geben dürfen.

Deutlich wird, dass das, was eine offene Stadt ausmacht, stärker variiert, als es ein eurozentrisch verengter Blick gerne wahrhaben will. Zwar ist auch diese Ausstellung nicht frei von romantischer Verklärung, etwa wenn die Vorteile der Favelas in São Paulo betont werden. Und ob die von Christaanse selbst im Foyer präsentierten Projekte, ob die Qualitäten von Vierteln wie dem Prenzlauer Berg in Berlin, dicht, gemischt und innerstädtisch, für mehr Menschen als eine kleine Gruppe von Bewohnern europäischer Städte modellhaft sind, kann man ebenfalls bezweifeln.

Auch hier ist eine gewisse Naivität zu spüren, die selbst noch die Realität europäischer Städte beschönigt. Gewalt von rechts, Flüchtlingslager neben Truppenübungsplätzen, die Behandlung der Sinti und Roma - auch bei uns sind die Städte längst nicht für alle Bewohner so offen, dass sie sich frei in ihr bewegen können, sich in ihnen zu Hause fühlen dürften. Der Herausforderung der offenen Stadt müssen auch wir uns stellen. Das ist nicht immer angenehm. Aber unausweichlich.

Nederlands Architectuurinstitut, Rotterdam, bis zum 10. Januar 2010. Katalog 15 Euro. www.iabr.nl.

Autor:  Christian Holl
Datum:  28 | 10 | 2009
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