Architektur

29. August 2012

Architekturbiennale in Venedig: Die neue Bescheidenheit

 Von Nikolaus Bernau
Real-virtueller Raum: Internet-Dom.  Foto: nikolaus bernau

Die 13. Architekturbiennale in Venedig strahlt und stellt sich ihrem Thema der gesellschaftlichen Verantwortung des Bauens immer wieder ernsthaft.

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Die meisten Architekten sind überzeugt, dass sie der Gesellschaft mit ihren Ideen etwas Gutes tun. Die so Beglückten hingegen denken oft: Was sind das doch für eitle Selbstdarsteller. Auch so mancher Journalist erinnerte sich bei diesen Gedanken, die David Chipperfield, der Chefkurator der 13. Architekturbiennale in Venedig, zu einer Einleitungsanekdote nutzte, unwillkürlich an den grandiosen, bei der letzten Biennale zu sehenden Film über ein Wohnhaus. Vom wortgewaltigen Niederländer Rem Koolhaas geplant, lachte darin die Haushälterin auf: Schön ist es ja, dieses Haus. Aber die Treppe ist so eng, dass ich kaum hochkomme.

Seit Jahren kritisiert Chipperfield – spätestens seit dem Welterfolg des Neuen Museums in Berlin selbst einer der ganz Großen im Geschäft – den Kunst-Autismus vieler Kollegen. Nun hat er gar die ganze Biennale unter das geradezu kollektivistisch anmutende Oberthema „Common Ground“ gestellt. Nicht der „öffentliche Grund“ sei, so Chipperfield, damit gemeint (das wäre „Public Space“), sondern die Selbstverständigung der Architekten über das, was ihnen gemeinsam sein sollte, wozu das Gespräch zwischen Planern und der Gesellschaft gehöre, welche Bedeutung die Baukunst haben solle, welche sie für uns alle haben könne.

        

Die Installation „Sequence“ des chinesischen Architekten Shao Weiping.
Die Installation „Sequence“ des chinesischen Architekten Shao Weiping.
Foto: afp

Umso erstaunlicher, dass es Chipperfield gelang, die von ihm eingeladenen 69 Architektengruppen und die Kuratoren der 53 National-Pavillons tatsächlich auf sein Thema einzuschwören. Vielleicht auch deswegen, weil die Architekten, die er auswählte, überwiegend aus West- und Südeuropa, Südamerika kommen. Auch wenn Chipperfield auf das japanische Büro Saana mit einem Wiederaufbauprojekt nach dem Tsunami oder einige Inder und Chinesen verweist: Es ist ein eurozentrisches Programm. Und dafür gebührt ihm schon der erste Applaus. Wie in einer öffentlichen, gleichberechtigten Debatte das Gemeinsame ausgehandelt wird, das ist nämlich durchaus eine sehr europäische Tradition. Dass der sonst so spannende Pavillon der Volksrepublik China dieses Mal mit nur netten Kunstinstallationen enttäuscht, ist durchaus auch eine Aussage zu dem Thema.

Sicher hat mancher Star wie Zaha Hadid versucht, bemäntelt mit einigem Flic-Flac zu Vorbildern ihrer Schalenbauten, nur die eigene Kunst in den Vordergrund zu rücken. Wie langweilig aber ist das im Vergleich zu den krassen Kontrasten, die Chipperfields These sonst provozierte. Nehmen wir als Beispiel jenen Saal, in dem zunächst einmal die vielen Fassadenmodelle auffallen, mit denen der Berliner Architekt Hans Kollhoff die Bedeutung der aus der Antike und den Lehren Andrea Palladios abgeleiteten europäischen Architektur feiert. Flämische Architekten predigen direkt daneben bürgerliche Selbstertüchtigung und zeigen, wie die Stadt zum Theater werden kann; Architekten des südafrikanischen Büros Noero zeigen, wie ein Slum in Port Elisabeth zu einer dichten Stadt umgebaut wird – ein Wandteppich der Frauengruppe Keiskammma nutzt Elemente von Picassos Anti-Kriegs-Bild Guernica zu einer grandiosen Anklage der Aids-Krise.

        

Turbulenzen im griechischen Pavillon: „Made in Athen“.
Turbulenzen im griechischen Pavillon: „Made in Athen“.
Foto: dpa/Merola

Durch ein Riesenmodell der in alle Richtungen mit den gleichen Säulenfassaden grüßenden Villa Rotonda Andrea Palladios geht man zu einer Wand, auf der die Absurdität des Urheberrechtsbegriffs in der Kunst anhand der vielen Kopien von Adolf Loos Werken gezeigt wird. Und im Zentrum des Saals versammelt eine Installation unter anderem kitschige Souvenirmodelle berühmter Architekturen.

Architektur in unserem Alltag

Was das alles miteinander zu tun hat? Es geht um die Bedeutung, die Architektur für unser Alltagsleben hat. Soll sie, wie Kollhoff meint, durch die Kraft der Tradition neue Stabilität in eine immer schneller sich drehende Welt bringen? Erst einmal die Notwendigkeiten des Lebens befriedigen? Als Theaterraum dienen für alle dienen? Welche Rolle aber spielen in einem solchen Kosmos dann noch der Künstler und sein Anspruch, einzigartiges zu schaffen? Als Erinnerungsraum?

Architektur ist auch ein Mittel der Selbst(er)findung. Italien etwa huldigt in der Post-Berlusconi-Krise in seinem Pavillon dem sozialen Unternehmer nach dem Typus Alberto Olivettis und seinen durch das unkontrollierte Bauen zerstörten Waldlandschaften – Silvio B. ist unter anderem durch den Bau von Villen in Naturschutzgebieten aufgefallen. Kosovo, zum ersten Mal vertreten, lässt per Internetabstimmung seine Nationalbibliothek hochleben – die englische Zeitschrift Independent hatte den Bau von 1984 einmal zu einer der hässlichsten Architekturen der Welt gekürt, doch hier überlebte Albanisch in den Zeiten serbischer Verbotspolitik. Finnland zeigt mit meditativen Kapellen, wie toll die Möglichkeiten des Baustoffs Holz sind, während Brasilien sich total unkritisch auf seine große Zeit in den 1960ern besinnt, auf den Bau der Hauptstadt Brasilia.

Im dänischen Pavillon sucht Grönland nach seinem Zukunftsbild. Der Klimawandel macht es möglich, bald Gemüse selbst zu produzieren. Aber wie werden die Häuser gebaut, wie die Siedlungen geplant, welche Formen wird Grönland haben? Die Ikea-Einrichtung mit Trockenfischgeruch soll jedenfalls nicht ausreichen. Russland setzt aufs Internet: Sergey Tschoban hat die Wände des romantischen Pavillons ausgekleidet mit tablet- und smartphonetauglichen QR-Codes, auf denen die Planung der Wissenschaftsstadt Skolkovo angewischt werden können. Ein Große-Namen-Projekt, wie es auch in mancher amerikanischen oder europäischen Stadt mit Selbstfindungsproblemen, in den Golfstaaten oder China zu finden ist. Wozu aber braucht es nun noch die schwarzschillernden Räume, man kann sich das doch auch im Netz ansehen?

Und der deutsche Pavillon, diesmal kuratiert von dem Münchner Architekten Muck Petzet? Er will die Chancen des Weiterbauens, des Weiterverwertens der bereits vorhandenen Architektur zeigen. Im Pavillon Estlands haben wir gelernt, dass 80 Prozent unseres Bauens bereits im Bestand stattfindet. Und doch, viele Architekten waren empört angesichts der wandhohen Fotografien schlichtester deutscher Bauten. Dabei ist diese Installation ungemein einprägsam: Deutschland will Energie und Traditionen sparen, vor allem aber bescheiden sein. Den Rest der Informationen soll man im Katalogbuch nachlesen. Das höchst zeiteffiziente Gegenmodell zu Dänemark sozusagen, wo man Stunden in Debatten und Gesprächen verbringen kann, aber dafür den Rest dieser in jeder Hinsicht gelungenen, überwältigenden Architekturbiennale hintenan stellen muss.

Architekturbiennale Venedig, bis 25. November.

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