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Architektur

20. Juli 2009

Ausstellung "Modell Bauhaus": Mythos Möbelmarkt

 Von Dirk Fuhrig
Wassily Kandinsky: Ohne Titel (aus der Mappe für Walter Gropius zum 18.5.1924, Ausschnitt), 1924. Tusche, Aquarell und Deckfarben. Bauhaus-Archiv Berlin Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2009

Die Entzauberung der Legende. Das ist ein Ziel der Ausstellung "Modell Bauhaus", zu der sich die Stiftung Bauhaus Dessau, das Bauhaus-Archiv in Berlin und die Klassik-Stiftung Weimar zusammen getan haben.

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Das Bauhaus des kleinen Mannes heißt Ikea. Die Idee der Serienfertigung von Gebäuden und Mobiliar nahm in den Bauhaus-Werkstätten von Dessau ihren Anfang. Wohlgeformte Gebrauchsgegenstände für die Massen statt Luxusprodukte für eine geschmackssichere Oberschichts-Klientel: Walter Gropius, Hannes Meyer, Ludwig Mies van der Rohe und ihre Mitstreiter entwickelten nach dem Ersten Weltkrieg diese Vision einer Synthese aus reiner und angewandter Kunst für die Bedürfnisse einer demokratischen Gesellschaft.

Was damals zunächst belächelt und verachtet, erst aus Weimar nach Dessau, dann nach Berlin und zuletzt von den Nazis ganz aus Deutschland verjagt wurde, trat in den Jahrzehnten danach seinen Siegeszug um die ganze Welt an. Und landete, als Billy oder Klippan, schließlich im blau-gelben Schuhkarton auf der grünen Wiese. Christine Hill hat aus dieser Beobachtung das Zentrum der Berliner Bauhaus-Ausstellung gebastelt.

In den Lichthof des Martin-Gropius-Baus (gebaut von und benannt nach einem Großonkel des Bauhaus-Gründers Walter) hat die US-amerikanische Künstlerin ein Einrichtungs-Haus im Mini-Format gestellt. Der schwedische Möbelkonzern hat ein Wohnzimmerensemble spendiert: Sofa, Lampe, Bücherregal. Daneben liegen Stapel der berüchtigten Bastelanleitungen zum Selbst-Aufbau, freundliche Mitarbeiterinnen stehen beratend zur Seite (der einzig unrealistische Aspekt in dieser Installation).

Möbel-Discounter-Ambiente und Baumarkt-Appeal - hier werden die Höhen der Bauhaus-Schule flott in die profane Ebene des Konsumzeitalters überführt: Ein deutscher Mythos und seine Apotheose im Schweden-Design.

Es zeugt vom gehörigen Mut - man könnte auch sagen: Übermut - der drei ehrwürdigen Institutionen, die hinter dieser Ausstellung stehen, dass sie sich bei ihrer ersten gemeinschaftlichen Tat auf diese höchst verspielte Herangehensweise eingelassen haben. Es ist nämlich nicht ganz auszuschließen, dass die Besucher von "Modell Bauhaus" die schöne Bricolage im Lichthof für den Hauptteil der Ausstellung nehmen und die sorgfältige Chronologie der Bauhaus-Geschichte zwischen 1919 und 1933, die in den umlaufenden Galerien erzählt wird, nur am Rande beachten.

Die Entzauberung - oder "Revision", wie Annemarie Jaeggi vom Bauhaus-Archiv es nennt - der Legende Bauhaus ist ein Ziel dieser Ausstellung zum 90. Gründungsjubiläum der Schule, zu der sich die Stiftung Bauhaus Dessau, das Bauhaus-Archiv in Berlin und die Klassik-Stiftung Weimar zusammen getan haben. Man fragt sich natürlich, warum erst jetzt, zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung, ein solches Gemeinschaftsprojekt zustande gekommen ist.

Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo sich die drei Standorte neu positionieren: Der Bund und das Land Thüringen haben soeben entdeckt, wie schön ein neues Bauhaus-Museum in Weimar wäre. Um das, was ab 2013 dort zu sehen sein soll, könnte womöglich ein Streit entbrennen mit dem Bauhaus Dessau, das dessen neuer Direktor Philipp Oswalt mittels zusätzlicher Ausstellungsfläche aus dem leicht elitären Schönheitsschlaf der vergangenen Jahre erwecken möchte.Konkurrenz belebe das Geschäft, meint dazu Annemarie Jaeggi und hofft gleichzeitig auf eine noch engere Zusammenarbeit zum "echten" Jubiläum 2019. Doch auch "Modell Bauhaus" jetzt ist mit mehr als 1000 Objekten eine gewaltige Unternehmung.

Die Ausstellung, bestückt mit zahlreichen Leihgaben aus dem Museum of Modern Art, wird in New York ab November ebenfalls zu sehen sein, in etwas veränderter Form. In den USA schließlich wuchsen die Bauhäusler nach 1933 erst zu dauerhafter Weltberühmtheit, Mies van der Rohe vor allem. Bauhaus verschmolz mit dem International Style und wurde endgültig zu einer Architektur-Schule.

Kampfansage an den weißen Würfel

Die Ausstellungs-Macher in Berlin wollen diese Zuspitzung auf die funktionale Architektur brechen und dem Klischee des weißen Würfels den Kampf ansagen. Wer mit dem Markenzeichen Bauhaus Klarheit und Strenge aus Deutschland verbindet, wird daher bereits im ersten der Galerie-Räume schockartig mit dem genauen Gegenteil konfrontiert.

Der Eingang zur Ausstellung ist nicht nur eng, sondern auch noch zugestellt. Der Besucher rennt fast mit dem Kopf gegen Ludwig Mies van der Rohes Modell für das Hochhaus am Berliner Bahnhof Friedrichstraße. Gleich daneben stolpert er gegen den raumhohen "Turm des Feuers" von Johannes Itten, aus dem sich die Farbenlehre der Bauhäusler ableitete.

Und schon steht er im zweiten Saal und mitten in einem Gewirr aus altarähnlichen Tafeln, dicht an dicht. Grafiken des Gropius-Assistenten Lászlo Moholy-Nagy, die Bronze-Figur "Frau mit Säugling" von "Gerhard Marcks", das Totenhaus" des stark religiös angehauchten Bühnenklassen-Leiters Lothar Schreyer.

Holz war durchaus beliebt

Hier drängt sich alles zusammen, körperlich soll der Besucher spüren, dass sich das Bauhaus zumindest in den Anfangsjahren als ein Konglomerat unterschiedlichster Stil-Einflüsse und ganz als eine (Gesamt-)Kunst-Bewegung begriff. Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger, die Kunst-Lehrer; Oskar Schlemmers Musik- und Bewegungsstudien; die Experimente mit Farben und Materialien - das Bauhaus war zumindest in der Weimarer Zeit bis 1925 ein teilweise noch vom Expressionismus inspirierter und von sozialistischen Ideen beseelter Künstler-, Musiker- und Schauspieler-Club, der Natur nicht abgeneigt: Holz etwa war als Material durchaus beliebt.

Die stählerne und gläserne Moderne, das Strenge und Geometrische brachte erst die spätere Phase mit ihrer Engführung auf Design und vor allem Architektur hervor. So deutlich, vielschichtig und gründlich wurde dieser interdisziplinäre Geist der Bauhaus-Schule noch nie dargestellt wie jetzt in der Berliner Ausstellung. Verblüffend gering ist daher auch der Anteil der Architektur-Modelle.

Natürlich gibt es den Barcelona-Pavillon und die Meister-Häuser, es gibt die Teekannen, die Breuer-Stühle und Wagenfeld-Lampen. Mitunter ein bisschen zu angestrengt ist jedoch alles vermieden, was nach Schwelgen im Bekannten aussehen könnte. Selbst die Ikone, das Bauhaus-Gebäude in Dessau, taucht nur als ein Miniatur-Modell unter anderen auf.

"Modell Bauhaus": Kleinteilig und differenziert breitet diese Ausstellung den gesamten Kosmos der Schule an ihren drei Standorten zwischen 1919 und 1933 aus. Sie zeigt den Experimentierkasten Bauhaus, aus dem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts der Mythos gebastelt wurde: Plattenbau, High-End-Design und Ikea - was aus der Bewegung wurde, darüber kann sich das neue Dreiergespann Bauhaus Dessau, Bauhaus-Archiv und Klassik-Stiftung bis 2019 Gedanken machen.

Martin-Gropius-Bau, Berlin: bis 4. Oktober.

www.modell-bauhaus.de

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