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Bahnbrechender Gehry-Entwurf in New York: Wie die Falten eines Rocks

Frank Gehrys Wohnhochhaus im südlichen Manhattan setzt einen Maßstab – das Ende der klassischen Moderne in New York. bis der Freedom Tower steht. Doch ist der neue Bau Gehrys zugleich ein tragischer Fall. Denn bald wird ihn der Wolkenkratzer am Ground Zero völlig überschatten.

Der Beekman Tower, das Wohnhochhaus von Richard Gehry in Manhatten.
Der "Beekman Tower", das Wohnhochhaus von Richard Gehry in Manhatten.
Foto: Public Domain

Wäre es nach Frank Gehry gegangen, dann hätte das Stadtbild New Yorks im Jahr 2014 oder 2015 nur noch wenig mit der Skyline zu tun, die man von klassischen Ansichten aus dem 20. Jahrhundert kennt. Vielerorts wäre die strenge Vertikalität der Hauptstadt der Moderne durch Gehrys theatralisch fließende Formen aufgeweicht.

Direkt unterhalb der Brooklyn Bridge am East River, wo heute ein paar alte Piers vor sich hin modern, würde seine Erweiterung des Guggenheim Museums stehen – ein kaum weniger kühner Bau als sein mittlerweile ikonischer Entwurf der Guggenheim-Dependance in Bilbao. Auf der anderen Flussseite läge sein bislang größtes Projekt – ein komplettes Stadtviertel rund um eine neue Sportarena im verfallenen Innenstadtzentrum von Brooklyn.

An der 42sten Straße, mitten in Hell’s Kitchen, stünde eine Art Glas gewordener Riesenwasserfall, hinter dem die noch immer rund 1200 Journalisten die New York Times produzieren. Und die Skyline des Finanzdistrikts würde durch seinen Apartment-Turm geprägt – das größte Wohnhaus in der westlichen Welt.

Nichts als Pech

Doch New York war nicht sehr freundlich zu Gehry. Einer der stilbildenden unter den global erfolgreichen Architekten hatte in der Stadt bislang nichts als Pech. Während er anderswo, etwa in Bilbao, mit einem einzigen Bau den Umbau einer ganzen Stadt geprägt, ja einer ganzen Region zu einem neuen Image verholfen hat, blieb der Kalifornier in New York eine Randerscheinung. Die Neubebauung von Brooklyns Innenstadt und die Guggenheim Außenstelle scheiterten an der Finanzkrise. Den Wettbewerb zum New York Times-Neubau verlor er gegen seinen Kollegen Renzo Piano.

Der einzige Bau, den Gehry in Manhattan bislang vorweisen konnte, war das Bürohaus des Medienkonzerns IAC, ein nur zehn Stockwerke hohes Gebilde aus weißem Glas im äußersten Westen der Insel, an die Stadtautobahn entlang des Hudson gequetscht. Doch jetzt, am Ende einer beispiellosen Architektenlaufbahn, ist es Gehry, der heute 82 wird, endlich vergönnt, Manhattan seinen Stempel aufzudrücken.

Von keiner Stelle wird so häufig auf Manhattan geblickt wie von der Brooklyn Bridge aus, und wenn man jetzt von der höchsten Stelle der Brücke aus in Richtung Südwesten schaut, dann sticht aus dem Gebäudeensemble des Finanzdistrikts als erstes der neue Bau von Gehry ins Auge. Der 76-Stockwerke hohe Apartment-Komplex steht von hier aus genau in der Flucht, in der seit dem Einsturz der Zwillingstürme eine beklemmende Leere klaffte.

Metapher des digitalen Zeitalters

Gehry ist seit dem 11. September der erste bedeutsame Neubau im unteren Manhattan gelungen, das erste überzeugende Symbol neuen Lebens und neuer Kraft hier. Der Bau ist unverkennbar ein Wolkenkratzer. Er ist so schlank und lang wie unmittelbar hinter ihm der klassischste aller New Yorker Wolkenkratzer, das Woolworth Building von 1913, das damals die technischen Möglichkeiten seiner Zeit zelebrierte. Der Bau ist aber gleichzeitig auch unverkennbar ein Gehry, eine Metapher des digitalen Zeitalters, in dem Architekten nur noch mit Computersimulationen arbeiten.

Die Stahl-Fassade wirkt, als liefe Wasser in Strömen daran hinunter. Aus der Nähe entpuppen sich diese Wellen jedoch als Knicke in der Außenhaut des Gebäudes, die von ihm herabhängen wie Falten eines Rockes. Die Struktur ist jedoch nicht, wie man es Gehry oft vorwirft, reine Maskerade. Sie sind aus dem Bedürfnis entstanden, den Bewohnern Ausblicke auf die Stadt zu ermöglichen, wie es sie noch nicht gegeben hat.

Jede Wohnung hat einen eigenen individuellen Grundriss. Gemeinsam aber ist ihnen allen, dass sie eine Art Erker aufweisen. In jeder Einheit kann man an das Fenster treten und hat einen 180-Grad- Blick auf New York. Es ist ganz so wie in einem der alten Brownstones in Hell’s Kitchen. Nur eben nicht im zweiten Stock, sondern im 20sten oder im 30sten oder im 50sten.

Als bahnbrechend gelobt

Der neue Gehry wird schon jetzt, Monate bevor der erste Mieter eingezogen ist, als bahnbrechend gelobt. „Es ist der feinste Wolkenkratzer in New York seit dem CBS Gebäude von Saarinen von 1946“, schrieb der Kritiker der New York Times. Wie dieser Turm, ein finsteres Monument der Hochmoderne an der Sixth Avenue, beschreibe der neue Gehry einen bestimmten kulturellen Augenblick.

Es ist das endgültige Ende der klassischen Moderne, das nun auch New York erreicht hat und das Gehry hier besiegelt. Doch zugleich ist es die Wiederentdeckung der Leichtigkeit und Verspieltheit nach der Paranoia des 11. September, die jeden Neubau in eine Festung verwandelt hatte. Anderswo, in Los Angeles beispielsweise, wo der Kalifornier Gehry schon 2003 seine famose Konzerthalle gebaut hat, liebt man das schon lange. Nur seine Heimatstadt hat etwas länger gebraucht.

Doch ist der neue Bau Gehrys zugleich ein tragischer Fall. Denn direkt hinter ihm wächst der ehemals Freedom Tower genannte Wolkenkratzer aus dem Ground Zero empor. Der Mega-Wolkenkratzer ist jetzt schon bald 100 Stockwerke hoch und wird Gehrys Bauwerk bald völlig überschatten.

Der verstümmelte Libeskind-Entwurf des Freedom-Towers ist nach einhelliger Meinung der Kritik ein Werk von unerträglicher Banalität, „mehr von Sicherheitsberatern entworfen als von Architekten“, wie Paul Goldberger im New Yorker schrieb. Gehrys Trost dürfte sein, dass sein Turm das neue untere Manhattan verändert, vielleicht ein klein wenig weniger bedrückend macht.

Autor:  Sebastian Moll
Datum:  27 | 2 | 2011
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